Tale of Tales

Die Schöne und der Floh

| Roman Scheiber |
Matteo Garrone („Gomorrha“) überrascht mit der Adaption einer wenig bekannten Märchensammlung aus dem 17. Jahrhundert: „Tale of Tales“.

Es war einmal ein Königspaar, das sich ein Kind wünschte. Beziehungsweise: Es waren einmal fahrende Gaukler, die an einem Königshof Station machten. Die Kamera zieht uns vom Vorplatz, wo die Artisten sich aufwärmen, ohne Umschweife mit hinein ins Schloss. Der König (John C. Reilly) folgt der Darbietung amüsiert, seine Gattin (Salma Hayek) ist erst gelangweilt, aber plötzlich so entsetzt, dass sie die Contenance verliert: Während eines Sketches offenbart eine Schaustellerin ihren Schwangerschaftsbauch. Groß der Schmerz der Königin, laut ihr Gejammer. Sofort wird ein hagerer Kapuzen-Mephisto zu Rate gezogen, er soll weissagen, wie denn nun der Königin endlich Nachwuchs beschert werden könne.

Tale of Tales beginnt nicht zufällig mit Zirkusleuten, genau wie diese will der Film seinem Publikum etwas vorgaukeln, will es staunen machen, verführen, zum Mitfühlen und zum Lachen bringen. Und so begegnen uns in der Folge: ein Meeresungeheuer, ein in einen Floh verliebter Herrscher, Mägde und Halbprinzen, eine Schöne und ein Biest, weitere unglücksselige Gaukler, und u.a. auch das aus Lars von Triers Nymphomaniac bekannte Model Stacy Martin als zeitweilige Gemahlin eines sexsüchtigen Königs (Vincent Cassel).

Warum die Gaukelei in einzelnen Momenten des Films gelingt, jedoch über manche Strecken auch zu langweilen geeignet ist, zeigt sich exemplarisch in den der Eingangssequenz folgenden, eher unrhythmisch aneinander gereihten Minuten. Zu sehen ist jetzt nämlich, was der schwarze Kapuzenmann dem Königspaar samt Risiken und Nebenwirkungen zur Zeugung eines Kindes vorher im Dialog nahe gelegt hat – inklusive einer Abweichung, vor der ausdrücklich gewarnt wurde. Schließlich kriegt die Königin das ersehnte Kind (Christian Lees), nur mit dessen Klette von Zwillingsbruder (Jonah Lees) hat sie nicht gerechnet. 16 Jahre nach dieser Vorgeschichte geht nun die eigentliche Fabel los, und sie beginnt, heiter bis gleich wieder wolkig, mit einem Verwirrspiel in einem Irrgarten.

Das Märchen der Märchen müsste eigentlich „Märchen der drei Märchen“ heißen. Denn nur drei aus der Sammlung von fünfzig fantastischen Geschichten und Sagen, die Graf Giambattista Basile nach seinem Tod 1632 unter dem Titel „Il racconto dei racconti“ (auch bekannt als „Il Pentamerone“) hinterließ und die später von Wilhelm Grimm als „lange Zeit die beste und reichhaltigste, die man finden konnte“ gelobt wurde, wählten Regisseur Matteo Garrone und sein dreiköpfiges Drehbuchteam für ihre Verfilmung. In allen drei Episoden, dass kann man Garrone zugute halten, sind am Ende die Frauen die wesentlichen Figuren. Doch in allen dreien, dass kann man Garrone zum Vorwurf machen, ist die Zahl der überraschenden Ereignisse nicht gerade Legion. Und mögen einem diese Vorfälle  in ihrem pittoresken Rahmen noch so märchenhaft vorkommen, wirken sie doch immer auch ein wenig wie Pointen unverhältnismäßig lang erzählter Witze.

Wenn ein extraschrulliger König (Toby Jones) seine Tochter (Bebe Cave) zu Gunsten eines Riesenflohs vernachlässigt, ist das zunächst nur eine glasklare Metapher dafür, wie eine winzige Sache zu alles andere verdrängender Bedeutung aufgeblasen wird. Aber dann wirkt der Königsfloh noch über seinen Tod hinaus als Unheilsbringer für die Prinzessin: Der König lobt sie als Gemahlin für denjenigen aus, der das zur ausgestellten Riesenhaut gehörige Tier errät. Und wer hat eine feinere Nase als jeder Fürst? Ein Oger! Der hässliche Riese darf die Hübsche zu ihrer Bestürzung dann auch einkassieren, was letztlich zu ihrem forcierten Coming-of-Age führt.

Schlüpfrig, schaurig, schön

Erzählt wird das alles, gleich ob zäher Aufbau oder schnelle Pointe, im selben Modus. Nicht humorlos, aber todernst – „deadpan seriousness“ nannte es der „Guardian“ nach der Cannes-Premiere von Tale of Tales treffend (und vergab weniger treffend fünf Sterne für den Film). Die drei in der Basile-Sammlung getrennten Märchen sind hier ineinandergeschoben, was die Wundertüte allerdings kaum mit Mehrwert füllt. Abgesehen von divers pathologischen Obsessionen der in ihnen porträtierten drei Herrscher verbindet die Episoden nur eine schön verwunschene und schwer verortbare Landschaft (gedreht wurde u.a. in einer Felsbucht in Sizilien, an den „vie cave“-Hohlwegen in der Maremma oder im Wald von Sasseto) und die Zusammenführung in einem höfischen Final-Zeremoniell. Das Umschalten zwischen den Schauplätzen trägt eher zur Zerstreuung als zur Verdichtung bei, Spannung kommt auch dadurch wenig auf.

In ihrer Virtuosität ziemlich deutlich ist die Handschrift des wahrscheinlich meistnachgefragten Filmkomponisten der Gegenwart: Alexandre Desplat. Dass die Kamera der langjährige Cronenberg-Kollaborateur Peter Suschitzky geführt hat, ist dagegen auf den ersten Blick nicht leicht zu erkennen. Wie man vielleicht doch darauf kommt, verrät der bald 47-jährige Drehbuchautor und Regisseur selbst im nachfolgenden Interview, das anlässlich der Cannes-Premiere entstand. Garrone erzählt darin auch von seiner Vorgeschichte als gegenständlicher Maler, seiner eher späten Berufung zum Film und erläutert, wie sich die neue Arbeit in sein eigenes bisheriges Schaffen fügt.

Einige Grundzüge des literarischen Genres Märchen führt Tale of Tales erneut vor Augen (und ist in dieser Hinsicht eine kongeniale Adaption): Märchen sind ideale Plattformen für die Vermählung von Grusel und Groteske, von Schauer und Satire. Sie verbreiten ihre moralisch wertvollen Botschaften – hier gegen Machtmissbrauch und Dünkel, gegen Eigensucht und Eitelkeit, gegen Begierden, Verblendung und, sehr modern, gegen Jugendwahn – eher mit grober Klinge. Für kleine Kinder sind viele Märchen, jedenfalls aus heutiger Sicht, zuweilen zu schlüpfrig und oft zu brutal (daher in diesem Fall die FSK-Freigabe erst ab 12 Jahren), für Erwachsene dagegen zu simpel gestrickt. Tale of Tales ist nicht gerade ein komplexer Film, genießt aber ob seiner weitgehend unbekannten Vorlage den Vorzug der immerhin eingeschränkten Vorhersehbarkeit.