Mit Coralie Fargeats „The Substance“ kommen Glanz und Horror in den Wettbewerb von Cannes.
Dem anwesenden Kritiker-Publikum nach zu urteilen, hat The Substance gute Chancen auf einen der Hauptpreise in diesem Wettbewerb. Bereits während der Vorstellung spürte man die Aufregung im Saal. Demi Moore spielt Elisabeth Sparkle, eine einst beliebte Schauspielerin, die, obwohl in die Jahre gekommen, immerhin noch eine eigene Fitness-Show im Fernsehen moderieren darf. Dann kommt der Schock: Ihr Vertrag soll nicht verlängert werden. Der schleimige Chef (Dennis Quaid) wünscht sich eine Vorturnerin, die vitaler, frischer und aufregender ist. Als der erniedrigte Hollywood-Star daraufhin ein spezielles Produkt entdeckt, das ihr eine Verjüngungskur verspricht, zögert Elisabeth nicht lange. Schon bald tauscht sie regelmäßig die Rollen mit einer perfekteren Version von sich selbst (gespielt von Margaret Qualley), die auch gleich ihren alten Job übernimmt.
Was als beißende Satire auf die herrschenden oberflächlichen Schönheitsideale beginnt, die unsere Kultur den Frauen bis heute aufzwingt, entwickelt sich bald zu einem wahren Body-Horror-Albtraum à la Cronenberg. Dabei hakt The Substance munter so ziemlich jedes Klischees ab, was zunächst unterhaltsam ist. Aber Fargeat zieht den grausamen Gag unnötig in die Länge, wiederholt sich und bleibt am Ende mit ihrem Urteil seltsam oberflächlich. Allein Demi Moore ist durchgehend sehenswert, wenn sie abwechselnd entschlossen, verzweifelt und dem Wahnsinn nah agiert.
Die Regisseurin setzt dagegen auf optische Reize: Die Bilder sind von einer klinischen Kälte durchdrungen, egal wie viel Farbe bisweilen in ihnen steckt. Weiße, kahle Räume, Panoramafenster und übergroße Plakatwände runden das Setting ab. Auch die zunächst poppige Musik wird bedrohlicher, quietschender mit jedem Tag, den Elisabeth im Körper ihres jüngeren Ichs verweilt. Das Ganze, man ahnt es, endet buchstäblich im Blutbad, dadurch verspielt der Film auf langer Strecke sein Potenzial.
Und apropos, Cronenberg. Auch der 81-jährige Kanadier präsentiert in diesem Jahr seinen neuen Film im Wettbewerb. Doch The Shrouds dürfte in dessen Gesamtwerk eher nur als Fußnote erscheinen. Dem Film fehlt es an Orientierung, Leben und Spannung. Mit Vincent Cassel und Diane Kruger in den Hauptrollen beginnt das Ganze noch vielversprechend. Ein Geschäftsmann (Cassel) erfindet eine neue Technologie, um den Verlust seiner Frau (Kruger) zu verarbeiten. Das Ergebnis ist ein umstrittenes Produkt namens GraveTech, das den Hinterbliebenen über einen Echtzeit-Video-Feed Einblick auf die verwesenden Leichen ihrer Liebsten verschafft.
Was makaber klingt, entwickelt sich mühsam zu einer unausgegorenen Handlung. Anstatt auf der etablierten düsteren Stimmung aufzubauen, entscheidet sich Cronenberg dafür, eine abgedroschene Verschwörungsgeschichte über Überwachung und Sabotage zu erzählen, mit katastrophalen Ergebnissen für alle Beteiligten. Der Film ist jedoch auch weniger Verschwörungsthriller als Kammerspiel, wodurch sich The Shrouds zudem von Cronenbergs früheren Psychodramen unterscheidet. Und vielleicht fehlt es dem Film auch deshalb an der für David Cronenbergs Werke typischen transformativen Dynamik und Erzählkraft.
Wenn hier noch von Body-Horror die Rede sein kann, dann geht es Cronenberg neuerdings eindeutig weniger um den Schrecken verformter oder verwandelter Körper, sondern eher um den Alptraum der Vergänglichkeit. Wohlwollend ließe sich das am ehesten so interpretieren, dass sein Film vor allem eine traurige Liebesgeschichte beschreibt.
