Die Schweizer müssen draußen bleiben

| Kirsten Liese |

Das 68. Filmfestival in Locarno überrascht mit ungewöhnlichen Debüts und starken Autorenfilmen

Es gehört Mut dazu, gleich mehrere spröde, kryptische oder auch sehr langsam inszenierte Geschichten im Wettbewerb zu zeigen. Carlo Chatrian hat sich schon im vergangenen Jahr für das anspruchsvolle Autorenkino als künstlerischer Leiter in Locarno sehr stark gemacht. In diesem 68. Jahrgang mutet er dem Publikum bisweilen etwas zu viel zu, aber das verzeiht man gerne angesichts einiger sehr kostbaren Entdeckungen.

Insbesondere das No Home Movie der 65-jährigen Chantal Akerman, das sich in langweiligen Alltagsverrichtungen und hohlen Gesprächen ergeht, oder die in Saõ Paulo angesiedelte  Vater-Sohn-Geschichte O Futebol, die kaum etwas zu erzählen hat, strapazieren die Geduld.

Wiederum andere Filme erscheinen nicht so leicht verständlich, wecken aber trotzdem Faszination, weil sie geheimnisvoll an Dinge rühren, die tief ins Unbewusste zielen. Die mit dem Fipresci-Kritikerpreis ausgezeichnete Suite Armoricaine aus Frankreich ist so ein Film. Herrliche Naturlandschaften, das paradiesische, von alten Malern imaginierte Arkadien und kontrastreiche Klänge verbinden sich hier mit teils rätselhaften Figuren, deren Befindlichkeiten nur angedeutet werden, zu einer reizvollen eigentümlichen Komposition.

Aber kein anderer Film ging so zu Herzen wie die traurige Geschichte um einen kleinen Büffel namens Sarchiapone. Sein Leben war fast schon zu Ende, als es gerade angefangen hatte, allein ohne Mutter in einem engen, dunklen Kerker. Doch plötzlich findet er sich unverhofft in einer herrschaftlichen, verfallenden Residenz wieder, wo ihn ein Hirte mit der Flasche aufzieht. Als sein Retter stirbt, begibt sich der stumme Diener Pulcinella mit dem prächtigen Tier auf eine lange Reise durch das schöne und verlorene Italien, bringt seinen kleinen Freund am Ende aber doch wider Willen in Gefahr.

Regisseur Pietro Marcello bohrt den Stachel tief in das schlechte Gewissen eines jeden Fleischessers. Aber Bella e perduta, ausgezeichnet mit  dem „Premio della Giuria dei giovani“, ist nicht nur ein bemerkenswertes politisches Pamphlet aus einem Land, in dem sich nur wenige Menschen vegan ernähren, sondern dank Kunstfiguren, halb-surrealen Bilderwelten und Aufnahmen von großer Schönheit auch die denkbar zärtlichste Liebeserklärung an die geschundene, lobbylose Kreatur. Sarchiapones traurige Augen wird man so schnell nicht vergessen.

Wie Marcello steht auch der iranische Regisseur Sina Ataeian Dena noch am Anfang einer vielversprechenden Karriere. Sein Beitrag Paradise, der subversiv die frauenverachtenden Zustände an einer Grundschule in einem trostlosen Vorort von Teheran aufzeigt, erinnert an preisgekrönte Werke seiner berühmten Landsmänner Abbas Kiarostami oder Jafar Panahi. Der Mut zum Risiko gehörte freilich auch dazu, entstand der Film doch selbstredend ohne Bewilligung der iranischen Zensurbehörde. Zudem zeigt Dena nicht nur die Frauenverachtung der Staatsgewalt, sondern auch Anflüge von Rebellion: Trotz drakonischer Strafen riskieren es die Schülerinnen immer wieder, sich Vorschriften zu widersetzen. Man könnte eine gewisse Aufbruchstimmung aus solchen Momenten herauslesen, vielleicht sogar die Hoffnung, dass sich die Frauen mehr und mehr gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr setzen, wäre da nicht die Protagonistin, eine stets melancholisch drein schauende, erschöpfte Lehrerin. Sie strahlt nur Resignation aus.

Nicht ohne Widerstand gelang auch der israelische Film Tikkun nach Locarno (Spezialpreis der Jury). Schweizer Filmemacher hatten gegen die Zusammenarbeit des Festivals mit dem vom jüdischen Staat finanzierten „Israel Film Fund“ protestiert, zwei tunesische Regisseure sollen ihre Filme sogar vom Festival zurückgezogen haben. Carlo Chatrian und die Jury unter dem Vorsitz von Udo Kier ließen davon nicht beeindrucken. – Zum Glück: Selten gab sich das israelische Kino so subtil, komplex und selbstkritisch.

Das Drama spielt im Milieu der Ultra-Orthodoxen. Haim-Aaron, ein Intellektueller, dessen Talent und Frömmigkeit von allen bewundert wird, erleidet eines Tages nach dem Fasten einen beinahe tödlichen Schwächeanfall. Seinem Vater gelingt es, ihn zu reanimieren, aber für den Studenten ist plötzlich alles anders. Er erlebt ein Erwachen seiner Sexualität, ringt fortan mit seinem Glauben und wagt den Kontakt zur Außenwelt. Avishai Sivan schildert diese Entwicklung mit sensiblem psychologischem Gespür, wenn bisweilen auch eine Spur zu melodramatisch, macht aber mitnichten Israel-Propaganda, wie ihm die Protestierenden vorwerfen, sondern rüttelt an den Traditionen.

Die größte Aufmerksamkeit in Locarno erhielt freilich ein Schweizer Beitrag zur aktuellen Flüchtlingskrise, es war zugleich der einzige deutschsprachige im Wettbewerb: Heimatland zeigt die Schweiz im Angesicht einer drohenden Apokalypse. Eine gefährliche Wolke hängt über den Alpen, ein gewaltiger Sturm braut sich zusammen. Panik breitet sich aus, die Menschen konkurrieren um Ressourcen, werden zu Flüchtlingen und stehen am Ende verdattert vor der Grenze, weil die EU Zäune baut und niemanden mehr hereinlässt. Heimatland ist allemal ein diskussionswürdiger, provokanter Film,  leider aber kein besonders guter. Es gibt viel zu viele Personen darin, vor allem unterstellen die zehn beteiligten Regisseure klischeereich, dass alle Schweizer fremdenfeindlich sind und deshalb eine ordentliche Lektion verdienen. Auf der Flucht erweisen sich Migranten vom Balkan gegenüber einem reichen egoistischen Single-Schweizer als die besseren Mitmenschen. Deshalb dürfen sie als einzige die Grenze überqueren. Die „bösen Schweizer“ müssen draußen bleiben.

Und wie in diesem Film versammelt auch der georgische Altmeister Otar Ioselliani in einem schier überbordenden Opus zu viele Figuren. Zwar intelligent und mit unverkennbar bizarrem Witz fantasiert er in seinem Chant d’hiver über Krieg, Armut und Rebellion,  doch verliert er inmitten von plündernden Soldaten, Rollschuh fahrenden Strolchen, Clochards und Musikanten, Assoziationen und Fußnoten den roten Faden.

Der Kontrast zum Gewinner des Goldenen Leoparden könnte kaum größer sein: Mit Right Then, Wrong Now prämierte die Jury unter dem Vorsitz von Udo Kier  ein minimalistisches, leises, dicht inszeniertes Kammerspiel, das aus Südkorea kommt, aber stark im  europäischen Kino wurzelt.

Hong Sang-soo erzählt eine denkbar simple Geschichte: Ein Mann und eine Frau machen in einem Tempel Bekanntschaft. Er ist ein namhafter Filmregisseur, sie eine freischaffende Künstlerin. Wie die beiden den Tag miteinander verbringen, miteinander reden,  in einem Café, in einer Sushi-Bar und bei Freunden, ist von einer Leichtigkeit und einem Charme, der an den Franzen Eric Rohmer erinnert. Einen glücklichen Ausgang nimmt die Romanze gleichwohl nicht, er ist verheiratet. Nach einer Stunde beginnt die gleiche Geschichte noch einmal von vorn mit kleinen , aber bedeutsamen Abwandlungen. Diesmal hören  sich die Verliebten noch besser zu, reagieren sensibler aufeinander, reden ehrlicher miteinander, geben sich bescheidener, wählen geschickter ihre Worte und gehen liebevoller miteinander um. Zu schade, dass sie trotzdem kein Paar werden können, aber es stimmt irgendwie versöhnlich.

Dass ausgerechnet Lars Kraumes Drama Der Staat gegen Fritz Bauer, der das deutsche Kino einmal von  starker Seite repräsentiert, seine Weltpremiere nicht im Wettbewerb, sondern auf der Piazza Grande feierte, war freilich ein wenig schade. Immerhin gewann die bewegende Geschichte des Hessischen Staatsanwalts, der nach dem Zweiten Weltkrieg als erster deutscher Jurist konsequent gegen ehemalige Nazi-Verbrecher vorging, den begehrten Publikumspreis UBS.