… aber vor allem machen sie brutal unterhaltsames Kino mit Tiefsinn, wie Regisseur und Drehbuchautor Anders Thomas Jensen in „Therapie für Wikinger“ einmal mehr zeigt.
„Meine Frau leidet jedes Mal am meisten, wenn ich einen Film mit Anders Thomas Jensen drehe“, sagt Mads Mikkelsen und fährt sich beruhigt mit der Hand durch das silbergraue Haar. Mittlerweile hat er seinen natürlich smarten Look wieder. Vor einigen Monaten trug er für Manfred, seine Rolle in Therapie für Wikinger, noch Dauerwelle, 80er-Jahre-Klamotten und eine große, eckige Brille. „Ich neige dazu, in Bezug auf das Aussehen immer etwas weiter zu gehen, als allen anderen lieb ist. “
Dabei sind es nicht immer die großen, oscarverdächtigen Rollen, die einem bei Mikkelsen am stärksten in Erinnerung bleiben. Ein Blick auf den unverbesserlich sanftmütigen Dorfpfarrer Ivan in Adams Äpfel (2005) genügt: Mikkelsen spielt darin den nonkonformistischen Geistlichen als einen in Shorts gekleideten Gutmenschen, der hinter der bizarren Fassade alles andere als den Eindruck eines Superstars macht.
Die optische Verwandlung war diesmal noch zwingender. Mikkelsens Figur im Film ist ein Mann mit vielen Gesichtern, der emotional und intellektuell in seiner Kindheit steckengeblieben ist. Ein falsches Wort und Manfred sieht rot. Genau genommen ist es sein eigener Name, der ihn dazu bringt, spontan kopfüber aus dem Fenster zu springen oder sich auf offener Straße aus der Beifahrertür eines fahrenden Autos zu stürzen. Dafür gibt es einen schmerzlichen Grund: Seit dem Tod seines gewalttätigen Vaters ist Manfred schwer traumatisiert. Im Zuge einer fortschreitenden dissoziativen Identitätsstörung glaubt er seit Neuestem, John Lennon zu sein – und will verflixt noch einmal auch so angesprochen werden. Sonst dreht er buchstäblich durch.
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Anker (Nikolaj Lie Kaas) hat für die Bedürfnisse seines hochsensiblen Bruders jedoch wenig Verständnis – und noch weniger Zeit. Nach 15 Jahren im Knast wegen eines Raubüberfalls wurde er gerade auf Bewährung entlassen und braucht die Beute. Jetzt. Sofort. Aber das Geld hatte er damals ausgerechnet von Manfred in der Nähe ihres alten Elternhauses vergraben lassen – und der unfreiwillige Komplize hat nicht die Absicht, Anker zu verraten, wo genau die Scheine liegen. Einerseits verbindet er nur traurige Erinnerungen mit dem abseits gelegenen Waldhof. Und andererseits: Wie um alles in der Welt sollte der berühmte Sänger und Songwriter aus Liverpool das Versteck kennen?
Kaum erreichen die ungleichen Brüder das Grundstück, das mittlerweile einem zerstrittenen Paar gehört, gesellen sich noch weitere seltsame Gestalten zum Ensemble: Manfred/John und einige zwischendurch neu gewonnene, allesamt ebenso schizophrene Freunde wollen die Beatles wieder aufleben lassen. Bald wird geprobt, sogar ein kleines Tributkonzert ist geplant. Dennoch geht es in Therapie für Wikinger um mehr als nur Geld, Gangster und ein paar durchgeknallte Psychopathen, erklärt Anders Thomas Jensen das Motiv hinter seiner düsteren Fabel mit komischem Unterton: „Der Film untersucht, wie unsere Identität durch die Wahrnehmung anderer geprägt wird, mit der Hoffnung, dass wir trotz aller Herausforderungen, die das Leben bereithält, unser wahres Selbst entdecken können.“ Wichtig sei ihm dabei der Fokus darauf gewesen, dass Menschen mehr als nur eine Facette haben. Denn sei man sich dessen erst mal bewusst, „ist man auch nicht so leicht beleidigt und nimmt Dinge weniger ernst.“ Aber so weit sind Manfred und die Menschen in seinem Umfeld zu Beginn der skurrilen Geschichte noch nicht. Hier nehmen alle alles persönlich, bis zur letzten Konsequenz.
Jensen inszeniert seine verschlungene Tragikomödie über Identität und Selbstfindung mit einem gewohnt grenzwertig grotesk-brutalen Blick. Trockener Humor und Grausamkeit gehen bei ihm immer zusammen. „Gewalt ist ein mächtiges dramaturgisches Mittel“, sagt er mit weicher Stimme und der Überzeugung eines Regisseurs, der jede Pointe bitterernst nimmt. „Wenn man das Publikum überraschen will, wenn man das Böse wirkungsvoll darstellen will, funktioniert Brutalität immer, solange sie überhöht und nicht echt ist. Dagegen ist ‚Hamlet‘ bis heute wahrscheinlich das Gewalttätigste, was ich je auf der Bühne gesehen habe. Wäre das Stück zehn Minuten länger, hätte Shakespeare womöglich die erste Reihe des Publikums mitgetötet.“
Mit viel Charme und dem nötigen Feingefühl für raue Schockmomente machen seine hervorragenden Darsteller in Therapie für Wikinger das Unerhörte glaubwürdig, auch dort, wo das Drehbuch im Verlauf der Beutejagd an manchen Stellen Längen aufweist. Mikkelsen greift dabei nicht selten auch auf seine physische Ausdruckskraft als ehemaliger Tänzer zurück: „Seit meiner Kindheit bin ich ein großer Fan von Buster Keaton“, erinnert sich der 1965 geborene Däne mit den markanten Gesichtszügen. „Keaton konnte mit seinem Körper mühelos Geschichten erzählen. Und ich war schon immer selbst ziemlich gut darin, mich in alle möglichen Richtungen zu verbiegen, ohne mich dabei allzu sehr zu verletzen.“
Zu absoluten Höchstformen, nicht nur körperlich, läuft Mikkelsen jedes Mal in der Zusammenarbeit mit Jensen auf. Die beiden verbindet eine lange Freundschaft, aus der mittlerweile sechs Filme erwachsen sind. Allein an Jensens eigenwilligen Werken lässt sich die elektrisierende Wandelbarkeit von Mikkelsens Schauspiel ausmachen: vom gutmütigen Priester in Adams Äpfel bis hin zu dem traumatisierten Berufssoldaten Markus in Riders of Justice (2020). Der Hollywood-Star ist in den Filmen seines vertrauten Landsmanns über die Jahre nicht nur selbstbewusster, sondern unendlich versierter und immer unberechenbarer geworden. Dabei verkörpert er jede Rolle, die ihm Jensen zuschreibt, stets ohne eine Miene zu verziehen. Wie eben auch Manfred, der bisher vielleicht sensibelsten Gestalt im Jensen’schen Universum. „Wir haben uns immer schon mit narzisstischen Charakteren beschäftigt“, sagt Mikkelsen. „Menschen, die die Welt anders sehen als wir. Aber Manfred hat etwas Reines an sich, eine Unschuld, die mich angezogen hat. Während die meisten Figuren, die ich zuvor für Anders Thomas gespielt habe, klug genug waren, um andere zu manipulieren, wirkt Manfred unbedarft und verletzlich wie ein großes Kind.“ Der Wikinger-Bezug im Film war dem Schauspieler umso nebensächlicher. „Als Junge interessierten mich keine historischen Heldensagen, ich vergötterte Bruce Lee. Ich war der Beschützer der kleinen Leute, ein Kind aus der Arbeiterklasse mit einer großen Klappe, nur leider nicht besonders stark. Mir vorzustellen, ich könnte Martial Arts, war eine große Hilfe. Vor Prügel bewahrt hat es mich trotzdem nicht.“
Auch Manfred muss einstecken, wie alle Figuren im Film. Besonders übel trifft es aber die Geschwister, zu denen neben Anker außerdem ihre gemeinsame Schwester Freja (Bodil Jørgensen) gehört. Die drei werden zum Opfer von Ankers früherem Geschäftspartner Flemming, der wütend auf Rückzahlung beharrt. Gleichzeitig müssen sie ihre schmerzliche Vergangenheit aufarbeiten. Dabei fließen Blut, Schweiß und Tränen. Jensens Film zeigt nicht zuletzt, dass familiäre Nähe und Verbundenheit erst recht vor dem Hintergrund traumatischer Erlebnisse nie eine simple Sache sind. Dafür braucht es Akzeptanz und Verständnis füreinander – egal, wie man tickt. Ob man Manfred heißt. Oder John. Ob man die Beatles verehrt oder insgeheim Abba-Fan ist.
