Mit dem Goldenen Löwen für den fast vierstündigen philippinischen Beitrag „The Woman Who Left“ von Lav Diaz ehrt Venedig in diesem Jahr die Kunst der Beharrlichkeit
Wer einmal einen Film von Lav Diaz von Anfang bis Ende gesehen hat, vergisst das so schnell nicht. Und zwar nicht, weil sich die Arbeiten des philippinischen Regisseurs ihrem Publikum gegenüber aufdrängen oder gar in irgendeiner Weise querstellen würden. Im Gegenteil. Sie suchen den direkten Kontakt mit dem Zuschauer in der überlangen Laufzeit und jenem damit verbundenen immersiven Eintauchen in eine fremde Welt, das die Sichtung zu einem ganz besonderen Erlebnis für jeden macht, der bereit ist, sich auf ein vier, fünf oder auch gerne einmal acht Stunden andauerndes Spektakel einzulassen. Natürlich kann man dagegen halten, dass eine derart intensive Erfahrung längst nicht nur dem unbeirrten, ausdauernden Kino eines Lav Diaz vorbehalten ist und die Eindringlichkeit eines Films beispielsweise genauso gut in der Beschränkung liegen kann. Dennoch scheint die Würdigung seiner unermüdlichen Bemühungen, auf diese Weise vom leidvollen Leben in seiner Heimat zu berichten, trotzdem gerechtfertigt.
Immerhin gehört The Woman Who Left mit 226 Minuten Laufzeit nicht nur zu den kürzeren Filmen des für seine eigenwilligen Arbeiten geschätzten Regisseurs (auf der diesjährigen Berlinale wurde sein 485-minütiger Mammut-Beitrag A Lullaby to the Sorrowful Mystery mit dem Alfred-Bauer-Preis für innovatives Kino ausgezeichnet), sondern auch zu den zugänglichsten. Erzählt wird darin in fast schon reportagehafter Manier die Geschichte einer ehemaligen Lehrerin, die nach dreißig Jahren aus dem Arbeitslager entlassen wird, in dem sie aufgrund einer falschen Mordanklage eingesperrt war. Als sie erfährt, dass ihr Mann mittlerweile verstorben und ihre Kinder versorgt beziehungsweise verschollen sind, begibt sich die ehemalige Landschullehrerin in verdeckter Mission auf die Suche nach dem wahren Schuldigen des Verbrechens, um sich schließlich an ihm zu rächen. Doch The Woman Who Left wäre kein Lav-Diaz-Film, wenn er sich auf dem Weg zum Ziel nicht regelmäßig in kleinen Episoden des Alltags verirren würde, die der dargebotenen Geschichte ihren gesellschaftlichen, sozialkritischen Subkontext geben. Darauf kann man sich wie gesagt einlassen, oder auch nicht. Der internationalen Jury um Sam Mendes zumindest waren die Beharrlichkeit und Eigenart, mit der Diaz stets ans Werk geht, in diesem 73. Jahrgang der Filmfestspiele von Venedig den Goldenen Löwen wert.
Die zweitwichtigste Auszeichnung, der Großer Preis der Jury, ging nicht minder verdient an Tom Ford für seinen exzellent inszenierten Thriller Nocturnal Animals, in dem sich Amy Adams und Jake Gyllenhaal in einem verschachtelten Plot wiederfinden, der gekonnt zwischen Gegenwart und literarischer Fiktion wechselt, um ebenfalls eine von Rache und Vergeltungsbedürfnissen geschürte Geschichte ins Bild zu rücken, wenn auch in diesem Fall ganz auf die von Ford gewohnte meisterhaft stilvolle Art. Als der gefragte Modedesigner vor sieben Jahren sein Regiedebut A Single Man im Wettbewerb von Venedig präsentierte, durfte Colin Firth für seine Hauptrolle einen Silbernen Löwen entgegennehmen. Gyllenhaal und Adams (die ebenfalls in Denis Villeneuves Arrival eine hervorragende Leistung lieferte) gingen diesmal dagegen leer aus. Stattdessen wurde der Argentinier Oscar Martinez für seine Darstellung eines Literaturnobelpreisträgers in dem Comedy-Drama The Distinguished Citizen mit dem Preis für den besten Schauspieler gekürt, während Emma Stone für ihre musikalische und schauspielerische Glanzleistung in Damien Chazelles Musical La La Land als beste Darstellerin geehrt wurde.
Verdient hätten diese Auszeichnung allerdings auch noch zwei andere Ausnahmeschauspielerinnen: Zum einen Natalie Portman, die in Jackie, dem US-Debüt des Chilenen Pablo Larrain, mit Bravour eine von tiefer Trauer übermannte Jackie Kennedy mimt, die kaum eine Woche nach der Ermordung ihres Mannes ein prekäres Exklusivinterview gibt und dabei so verzweifelt wie vergeblich an dem Versuch scheitert, irgendwie Fassung zu bewahren. Und zum anderen die Französin Judith Chemla, die in Stéphane Brizés geradezu demütiger Kino-Adaption von Guy de Maupassants Roman Une Vie (A Woman’s Life) das von Enttäuschung und sozialem Abstieg geprägte Leben der Baronin Jeanne Le Perthuis des Vauds nachzeichnet. Beide Filme werden allein von der starken Präsenz ihrer jeweiligen Darstellerin getragen, die jede für sich so behutsam wie bestimmt zugleich auftritt, dass es eine Freude ist, ihrem Spiel beizuwohnen. Tatsächlich konnte sich Jackie jedoch eindeutig als das besser gelungene Drama behaupten, für das Noah Oppenheim bei der gestrigen Preisverleihung mit dem „Besten Drehbuch“ ausgezeichnet wurde. Die 23-jährige Berliner Schauspielerin Paula Beer wurde zudem für ihre Rolle in François Ozons deutschsprachigen Melodram Frantz als beste Nachwuchsdarstellerin geehrt – ebenfalls eine durchaus gerechtfertigte Entscheidung.
Den Silbernen Löwen für die beste Regie durften sich schließlich der russische Regie-Veteran Andrei Konchalovsky für sein beklemmendes Kriegsdrama Paradise sowie der junge Mexikaner Amat Escalante für sein überaus originelles Sci-Fi-angehauchtes Beziehungsdrama The Untamed teilen. Viele Kritiker hatten einem der beiden Beiträge eher den Hauptpreis vorhergesagt. Am meisten verwunderte am Ende des Abends jedoch, dass ausgerechnet Ana Lily Amirpour den Spezialpreis der Jury erhalten sollte. Die iranisch-amerikanische Newcomerin, die im vergangenen Jahr mit dem eigenwilligen Vampirfilm A Girl Walks Home Alone at Night auf sich aufmerksam gemacht hatte, legte nun in Venedig mit The Bad Batch ihre vielleicht mit allzu großer Spannung erwartete zweite Regiearbeit vor, wurde jedoch angesichts der gänzlich leeren, kannibalistisch dekorierten Gesellschaftskritik, die ihr Film zelebriert, zumindest von den Journalisten vor Ort lediglich als die große Enttäuschung des Festivals gefeiert.
