Filmfestival

Die USA im Blick

| Pamela Jahn |
Auch South by Southwest (SXSW), das weltweit größte Festival für Digitales, Musik und Film, konnte in diesem Jahr nur virtuell stattfinden. Das Angebot war trotzdem überwältigend. In Erinnerung bleiben vor allem die Dokumentarfilme im Programm.

Edward Snowden, keine Frage. Julian Assange, auch klar. Selbst Chelsea Manning ist heute so ziemlich jedem ein Begriff. Die prominenten Whistleblower sind berühmt und berüchtigt, werden – je nach Perspektive – als Helden gefeiert oder als Verräter verachtet. Bei Reality Winner dagegen gibt es Nachholbedarf, und Sonia Kennebecks Dokumentation United States vs. Reality Winner will in der Hinsicht eine Lanze brechen. Denn auch Winner stand vor Gericht, weil sie vertrauliche NSA-Dokumente an die Presse weitergeleitet hat. Konkret hat die damals Mitte Zwanzigjährige der US-Website The Intercept drei Jahre lang vertrauliche Erkenntnisse über einen Angriff mutmaßlicher russischer Hacker auf einen Hersteller von Wahl-Software im Zusammenhang mit der US-Präsidentschaftswahl 2016 zukommen lassen. Am 3. Juni 2017 wurde Winner daraufhin vom FBI in ihrem Haus in Georgia verhört, festgenommen und kurzum unter dem sogenannten „Espionage Act“ angeklagt. Im August 2018 folgte das Urteil: Fünf Jahre und drei Monate Haftstrafe, die bisher härteste Strafe gegen Whistleblower, anhand des besagten Gesetzes. Die Frage der russischen Einflussnahme auf den Wahlvorgang, der Donald Trump für vier Jahre zum Präsidenten machte, ist bis heute ungeklärt.

Kennebecks Dokumentation ist allein insofern faszinierend und sehenswert, als dass er die junge Frau hinter dem seltsamen Namen in den Vordergrund rückt sowie das fragwürdige Urteil beleuchtet, das ihr auferlegt wurde. Aufgrund mangelnder Interviews mit Winner selbst hilft sich die Regisseurin mit Ausschnitten aus der Audioaufnahme des Verhörs, die angesichts der Exklusivität des Materials (es wurde erst im Februar 2021 vom FBI öffentlich zugänglich gemacht) zweifelsohne die treibende Kraft des Films darstellen. Aber auch Auszüge aus Briefen und Gedichten, die von der Schauspielerin Natalia Dyer gelesen werden, sowie Interviews mit Winners Familie geben einen Einblick in Winners Persönlichkeit und ihren unbedingten Sinn für Gerechtigkeit. Zudem kommen andere Whistleblower wie Thomas Drake, John Kiriakou und Edward Snowden zu Wort, die alle ihren Anteil an der Klärung der Sachlage beitragen. Wo der Film jedoch zu kurz greift, ist in der Ermittlung bisher unbeantworteter Fragen, zum einen bezüglich der Umstände, die sowohl zu Winners Aufdeckung als auch zu ihrer Verhaftung führten, sowie im Hinblick auf die Richtigkeit der geleakten Informationen insgesamt. Aber auch trotz, oder gerade wegen dieser zum Teil groben Mängel in der Umsetzung und investigativen Recherche wird unmissverständlich klar, auf welcher Seite United States vs. Reality Winner steht und dass auch die Filmemacherin selbst für eine frühzeitige Entlassung ihrer hart bestraften Heldin eintritt. Verübeln kann man es ihr nicht, und allein dafür und hat der Film entsprechend Aufmerksamkeit verdient.

Als weiteres Highlight im Wettbewerb erwies sich The Oxy Kingpins von Brendan Fitzgerald, der sich bisher vor allem als Produzent der US-Nachrichtenserie Vice einen Namen gemacht hat. Und auf ähnliche Weise wie in dem populären TV-Format leistet er auch hier brisante Aufklärungsarbeit: Es geht, der Name deutet es bereits an, um die Drahtzieher hinter der Opioid-Krise in den USA, die seit der Jahrtausendwende über eine halbe Millionen Tote durch Überdosierungen gefordert hat – Tendenz steigend. Schuld daran, so Fitzgerald, seien insbesondere die großen US-Pharmafirmen, deren Bestseller ein Schmerzmittel namens Oxycontin ist, eine Art Heroin in Medikamentenform. In den USA wurde die innerhalb kürzester Zeit süchtig machende Pille erstmals 1996 eingeführt und seitdem systematisch im ganzen Land verbreitet. Wir erfahren von einem ehemaligen Junkie namens Alex Dimattio, der mit Oxycontin zu Ruhm und Geld gelangte, wie das Geschäft Ende der Neunziger anlief und warum es lange Zeit niemand wirklich zu stoppen versuchte – im Gegenteil. „Jeder in Miami versteht etwas vom Drogengeschäft,” sagt Alex. „selbst die kleine alte Dame im Supermarkt.”

Während Dimattio seine Geschichte um die berüchtigte Droge mit großer Liebe fürs Detail wiedergibt, überlässt Fitzgerald, der auf jeden Kommentar verzichtet, die Stimme der Kritik dem Anwalt Mike Papantonio. Der ist ein alter Hase, wenn es um die Aufdeckung von Ungerechtigkeiten und Missständen im amerikanischen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem geht, und er legt schließlich eloquent die Tatsachen auf den Tisch: Bis heute ist es zu keinem Urteil gegen die Pharmaindustrie und ihre korrupten Vermarktungsmethoden gekommen. Wie immer hat es bisher nur die kleinen Fische getroffen, die Dealer, die Ärzte, die Abhängigen. In kaum 80 Minuten Laufzeit gelingt es Fitzgerald trotz der schieren Menge an Fakten und Informationen, nie den Spannungsboden oder gar den Überblick zu verlieren. The Oxy Kingpins ist packend wie ein Scorsese-Thriller, schockierend und erhellend zugleich.

Sicher ist es bezeichnend für diesen Doku-Wettbewerb im Speziellen und die Lage in den USA im Allgemeinen, dass heuer vor allem diejenigen Filme ins Auge fielen, die sich sozialkritisch oder politisch motiviert zeigten. Jasmine Stodels sympathische Dokumentation Kid Candidate über einen 24-jährigen Musiker, der sich dazu entschließt, in seiner Heimatstadt Amarillo für die Wahl zum Stadtrat zu kandidieren, gehört ebenso dazu wie Not Going Quietly, Nicholas Bruckmans inspirierendes Porträt über den an ALS erkrankten Juristen und Aktivisten Ady Barkan, der sich bis heute, auch nach dem nahezu vollständigen Verlust seiner motorischen und sprachlichen Fähigkeiten, für eine besseres, faireres Gesundheitssystem und soziale Gerechtigkeit in seinem Land einsetzt. Und auch Who We Are: A Chronicle of Racism in America, der außer Konkurrenz in der Reihe „Documentary Specials“lief, hinließ in der Hinsicht die beabsichtigte Wirkung. Die Regisseurinnen Emily und Sarah Kunstler, Töchter des 1995 verstorbenen Bürgerrechtsanwalts William Kunstler, begleiten darin einen Vortrag von Jeffery Robinson und schmücken die zum Teil haarsträubenden Fakten, die der engagierte Advokat der American Civil Liberties Union in seiner Rede ans Tageslicht bringt, mit Zusatzmaterial und Informationen aus Robinsons persönlicher Biografie aus. Es sind auch hier vor allem die Schicksale und Tatsachen, die auch im Nachhinein noch lange Zeit im Kopf arbeiten, selbst wenn die Dokumentation aus künstlerischer Sicht insgesamt weniger originell erscheint.

Nach so viel US-Polit-Doku-Power schaffte Poly Styrene: I Am a Cliché über die legendäre Frontfrau der britischen Punkrock-Band X-Ray Spex einen willkommen musikbiografischen Ausgleich. Und auch Dear Mr. Brody von Tower-Regisseur Keith Maitland förderte eine schillernde und zugleich tragische Persönlichkeit aus den Siezigern zum Vorschein: Den 21-jährigen Hippie-Millionär Michael Brody Jr., der sich damals in einem ambitionierten Anflug von Selbstüberschätzung und einem inneren Wunsch, die Welt zu retten, dazu bereit erklärte, sein Vermögen an diejenigen abzugeben, die es nötiger hatten als er. Maitland rekonstruiert die Ereignisse um das unglaubliche Vorhaben anhand der unzähligen ungeöffneten Briefe, in denen die Menschen vergeblich um Brodys finanzielle Hilfe buhlten. Denn wie sich herausstellte, war Brody in erster Linie high on PCP und alles andere als in der Lage, eine derart noble Aktion tatsächlich durchzuziehen.

Ob, wann und in welcher Form es zumindest einige der hier erwähnten Dokumentationen in den kommenden Monaten vielleicht auch bis nach Österreich schaffen, ist natürlich fraglich. Und wenn, besteht sicher die Gefahr, dass sie in dem bereits herrschenden Überangebot an aufgestauten Filmstarts gänzlich untergehen. Zu wünschen wäre es trotzdem allen, einen Platz zumindest im digitalen Filmuniversum zu finden. Die Kraft, die im dokumentarischen Kino steckt, ist heute vielleicht stärker denn je.

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