Marie Kreutzer lässt in „Die Vaterlosen“ vier Geschwister ihre Kommunen-Kindheit aufarbeiten. Notizen und O-Töne zu einem ob seiner narrativen Komplexität imposanten Langfilmdebüt.
Am Anfang steht ein Ende. Im heruntergekommenen Haus des soeben verstorbenen Hans finden sich seine nächsten Angehörigen ein. Die Verwandtschaftsverhältnisse sind nicht ganz klar, denn die Familie, die sich hier versammelt hat, ist keine typische. Die Hinterbliebenen eint die Vergangenheit in einer Kommune, die sich gegen Ende der Achtziger Jahre, nicht unbedingt zur Zufriedenheit aller Beteiligten, auflöste. Der Tod des gemeinsamen Vaters zwingt die Anwesenden nun dazu, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Dabei sorgt vor allem die Person Kyras für Verwirrung, wurde sie doch damals aus der Kommune geschmissen und hat ihre Geschwister seither nicht wiedergesehen. Soviel zum Inhalt von Die Vaterlosen.
Ein Ensemblefilm mit nicht weniger als einem halben Dutzend Hauptfiguren, die gemeinsam Vergangenheitsbewältigung betreiben, ist sicher nicht der einfachste Stoff, den man sich aussuchen kann. Noch viel mehr trifft das zu, wenn es sich dabei um einen Debütfilm handelt. Und genau das ist hier der Fall: Das eingangs beschriebene Szenario ist der Ausgangspunkt von Marie Kreutzers Laufbahn als Langfilmregisseurin. Eine Dokumentation auf Arte hat die Grazerin auf die Idee gebracht, einen Film über Leute zu schreiben, die einer Kommune entstammen. Und mag dieser Ausdruck auch biologistisch klingen, hier kann er durchaus hilfreich sein, denn das oft erwähnte „Kreuz-und-quer-Pudern“ ist in Die Vaterlosen kein gefälliges Klischee, sondern Grundlage für einige der Probleme, mit denen sich die Figuren des Films herumschlagen. Natürlich tun sich dabei nicht alle gleich schwer, denn jeder hat seine eigene Geschichte. Da ist zum Beispiel Vito, für den Hans eine durchaus brauchbare Vaterfigur abgab. Er ist dann auch der Einzige, der von Hans als Papa spricht und zumindest den einen oder anderen Charakterzug seines Vaters zu teilen scheint. „Ich brauch doch net freundlich zu euch sein, ihr seid’s doch mei Familie“, meint er einmal. Was sich vielleicht als Antithese eines bürgerlichen Erziehungsanspruchs interpretieren ließe, erlaubt gleichzeitig Rückschlüsse auf den Charakter des Kommunenoberhauptes. Wobei eine Kommune ja im Grunde kein Oberhaupt kennen dürfte, sondern nur basisdemokratische Prozesse. Wie diese aussehen, das bekommt man in einer der stimmigen Rückblenden zu sehen: Sämtliche Mitglieder versammeln sich an einem großen Tisch und diskutieren aktuelle Fragen. Zum Beispiel, dass der VW-Bus repariert werden muss oder dass das Haus rechtlich allein Hans gehört, wodurch diesem natürlich erst recht eine privilegierte Rolle zukommt. Auch wo alle gleich sind, sind bekanntlich manche gleicher.
Sicher kein Kaffee?
Gedreht wurde in Thörl, einem kleinen Dorf in der Steiermark, das es in den vergangenen zehn Jahren nur ein Mal in die Medien schaffte – nachdem ein alkoholisierter Jugendlicher sein Auto in eine Volksmusikkapelle gesteuert hatte. Das sagt durchaus etwas über das Umfeld, in dem die Geschichte angesiedelt ist. Was Hans von einer Volksmusikkapelle gehalten hätte, wüsste man gern. „Der Papa würd’ die Leut aus’m Dorf doch voll lustig finden. Der würd’ sich gern mit ihnen z’sammsetzen und übers Leben reden.“ Diese Vermutung Vitos verweist darauf, dass das Verhältnis zur Nachbarschaft, zu den Leuten aus dem Dorf, unweigerlich Thema eines derartigen Lebensmodells sein muss. Im Film selbst wird das Thema dann nur in einer einzigen Szene explizit aufgegriffen. Als zwei der Kinder etwas angestellt haben, werden sie von einem erzürnten Dorfbewohner zu Hans geschleppt. Während der erboste Nachbar seiner Wut Ausdruck verleiht, bekommt er von dem gerade mit Federschmuck gekrönten Kommunen-Häuptling lediglich eine Einladung zum Kaffee als Antwort. Sie anzunehmen kommt für den aufgebrachten Mann natürlich nicht in Frage. In dieser kleinen, witzigen Szene bekommt man eine Ahnung davon, was in der tiefsten Steiermark Mitte der Achtziger Jahre über alternative Formen des Zusammenlebens gedacht wurde. Der Nachbar verabreicht den Lausbuben also nur ein paar Watschen und zieht ab. „Sicher kein Kaffee?“, fragt Hans ihm noch einmal nach.
Wer sich fragt, weshalb es nicht mehrere Szenen gibt, in denen die Konfrontation mit dem Umfeld thematisiert wird, bekommt von Marie Kreutzer eine klare Antwort: „Das hätte sehr leicht platt werden können.“ Es spricht für die Filmemacherin, dass sie gerade auf jene Momente, in denen unterschiedliche Weltbilder aufeinanderprallen, weitgehend verzichtet – oft genug werden im österreichischen Spielfilm genau solche Szenen schamlos bemüht, um seichte Lacher zu generieren und damit Klischees zu perpetuieren. Entspricht die diesbezüglich hermetische Anlage des Films den strengen Strukturen, die das Leben in der Kommune mitunter begleiten? „Um Otto Mühl kommt man hier zu Lande bei einem derartigen Thema kaum herum“, sagt die Regisseurin, Bezugnahmen gäbe es in ihrem Film aber keine. „Diese Kommunen wurden ja sehr oft genau zum Gegenteil dessen, was sie gerne gewesen wären“, ergänzt Robert Buchschwenter, der gemeinsam mit Ursula Wolschlager bei Drehbuch und Produktion mitgearbeitet hat. Alle Beteiligten waren sich einig, dass die historische Mühl-Kommune für Die Vaterlosen kein Thema sein sollte. Das Politische wird folglich auf der Ebene des Alltäglichen verhandelt, was auch viel eher zu Hansens Charakter passt, dessen Lebensphilosophie, dass man nichts zu können brauche, so lange man sich nur alles traue, nicht unbedingt nach theoretischer Fundierung klingt.
Haptik statt Hippie-Klischee
Streng wird es im Film freilich trotzdem, denn als es mit dem friedlichen Zusammenleben zu Ende geht, wird per Vaterschaftstest geklärt, wer für welches Kind Verantwortung übernehmen darf oder muss: die Grenze zur leiblichen Familie als Sollbruchstelle alternativer Lebensentwürfe. „Man ist durch Blut verbunden, das kann man nicht ändern“, heißt es dann auch einmal. Dass solche Aussagen, die große Bedeutung in knackige Phrasen pressen, oft aufgesetzt wirken, ist Marie Kreutzer bewusst. Um bedeutungsschwere Textstellen zu entschärfen, wurden sie beim Proben in einen anderen Kontext gerückt und mit einem leichteren Tonfall versehen. Der Zeigefinger, der sich in derartigen Dialogen oft zu erheben droht, wird so im Zaum gehalten.
Kreutzer, geboren 1977 in Graz und selbst in einer Kleinfamilie aufgewachsen, hatte vor Die Vaterlosen schon einige, teils viel beachtete Kurzfilme zu Buche stehen. Dem Dreh habe sie dennoch mit ein wenig Nervosität entgegengesehen, gibt sie zu: „Das Team eines Langspielfilms zu dirigieren, ist dann halt doch noch einmal etwas ganz Anderes.“ Sichtet man ihre Kurzfilme, lässt sich dabei bereits so etwas wie eine eigene Handschrift erkennen. So werden zum Beispiel Gefühlszustände immer wieder stark an Objekte gebunden. In White Box (2006) etwa dreht sich alles um libidinös aufgeladene Alltagsgegenstände. Auch in Die Vaterlosen drängt sich das Haptische immer wieder ins Bild. Wenn Kyra das erste Mal seit zwanzig Jahren den Wohnort ihrer Kindheit betritt, lässt sie zur Orientierung kurz ihre Finger über den Tisch gleiten, eine Form der Inszenierung, die im Einsatz alter Tonbandaufnahmen und vergilbter Fotografien eine Ergänzung findet. In seinen stärksten Momenten wird die Stimmung so dicht, dass man am liebsten selbst in der Küche des großen Hauses Platz nehmen würde. Und weil sich die Regie mit Hippie-Klischees stark zurückhält, bräuchte man dabei nicht einmal einen Joint zu rauchen. Obwohl ein wenig Entspannung durchaus hilfreich sein kann, wenn es gilt, derart komplizierte Familienstrukturen aufzuarbeiten. Vor allem Kyra hat schwer damit zu kämpfen, das Verhalten ihres verstorbenen Vaters einzuordnen. Ihre Einschätzung widerspricht dabei nicht selten der positiven Auslegung Vitos radikal. So wird die Frage danach, was man auf den Grabstein schreiben könnte, von ihr mit dem Vorschlag „egoistisches Arschloch“ beantwortet. Dass die Personen unterschiedliche Identifikationsangebote liefern müssen, war schon beim Schreiben des Drehbuchs ein wichtiger Punkt. Dass dabei kein Ensemble an eindimensionalen Charakteren herausgekommen ist, ist sicher eine der großen Stärken des Films. Das gilt ganz besonders für die Figur des Vaters, die den gesamten Film über ambivalent bleibt. (Johannes Krisch war dafür von Anfang an die Wunschbesetzung.) Eine weitere Stärke von Die Vaterlosen ist, atmosphärische Qualität, nuancenreichen Erzählton und notwendigen Dialog kohärent miteinander zu verbinden.
Ein Hauch von Love and Peace
Weil ein schwieriger Charakter im Alter bekanntlich nicht einfacher wird, fallen auch Hans’ letzte Worte nicht unbedingt versöhnlich aus. „Du willst es einfach immer allen recht machen“, ist der Vorwurf, den er einem seiner Söhne noch am Totenbett macht. Aus einer kritischen Position heraus könnte man diese Aussage aufgreifen und gegen den Film wenden. Die Vaterlosen hätte da und dort vielleicht ein wenig mehr Polemik vertragen. Trotz aller Differenzen verfügen die Geschwister über ein erstaunlich hohes Maß an Konsensfähigkeit. Ein Hauch von Love and Peace dürfte sich also in den Gemäuern des alten Hauses gehalten haben. Doch gemäß einer viel bemühten Metapher sind Filme ja so etwas wie die Kinder der Regie. Und dass man bei seinen Kindern alles richtig machen wollte, das ist ja nun wirklich ein Vorwurf, mit dem man bei einem zukünftigen Familientreffen recht gut wird leben können.
