Ein filmischer Essay über Erinnerung und Revolution, überraschend schnell, aber sehr gut gealtert
Man muss schon zweimal hinsehen, um zu erkennen, wer sie sind: Die auf der Straße Gehenden, Demonstrierenden, die rufen und Schilder halten. Einerseits muss man das immer – und in den letzten Jahren noch einmal stark vermehrt, da sich die Dynamik von Protest durch die Pandemie durchaus radikal verändert hat –, andererseits suggerieren die 16mm-Film-Bilder, in die Johannes Gierlinger seine Aufnahmen von Protestzügen hüllt, durch ihre Materialität sofort eine Vergangenheit, die länger zurückliegt, als sollte verdeutlicht werden, dass auch diese Aufnahmen einmal als hundert Jahre alte Dokumente betrachtet werden könnten.
Die vergangenen Zukünfte konzentriert sich auf Zusammenhänge der kollektiven Gedächtnispflege anhand der Geschehnisse der Märzrevolution 1848 und jüngster Erinnerungs- und Protestkultur in Wien. Angesichts dessen, wie rechtsextreme Gruppierungen im Zuge der „Corona-Demos“ mit viel Zuspruch das Leisten von zivilem Widerstand für sich reklamiert haben, wäre dieser Film wahrscheinlich noch ein ganz anderer geworden. So lässt sich vielleicht die generelle Frage nach Archivierung, die in diesem Film angelegt ist, als die zentrale verstehen, als die, deren Aktualität durch die aktuellen Umwälzungen nicht geschmälert wurde.
Während das vom Regisseur selbst gefilmte Material also heute, kaum ein paar Jahre später, ebenso aus einem Archiv entnommen wirkt, arbeitet der Film sehr pointiert auch mit für Dokumentationen klassische Formen von Archiviertem; diese Bilder funken als beinahe zuckende Zwischenschnitte zweimal auf: Einmal die antisemitischen Wegbereiter Lueger und von Schönerer, einmal Neda Agha-Soltan, berühmt gewordenes Todesopfer iranischer Proteste gegen die Wiederwahl von Präsident Ahmadinejad. So weit, so willkürlich? Der dritte Einsatz ist dann mehr als ein Nadelstich: Schwarzweiß-Aufnahmen ohne Ton zeigen die (ebenfalls tödliche) Jagd von Polizisten auf die protestierende Bevölkerung nach dem Notwehr-Urteil bezüglich der tödlichen Schüsse von Mitgliedern der rechten „Frontkämpfervereinigung“ in Schattendorf.
Während 1927 also zwar die bewegten Bilder liefert, wird die Genealogie von Protest, mangelhaftem Gedenken und wiederaufkeimendem Faschismus aber schon von der Märzrevolution 1848 in die Gegenwart gezeichnet. Eine Spurensuche führt eine junge Frau und die eingelesene innere Stimme des Regisseurs unter anderem auf den Jüdischen Friedhof in Währing und zu verschiedenen Denkmälern, dessen stark unterschiedlicher Inhalt hinterfragt werden. Ist die der Historie nachspürende Schauspielerin noch mehr Archivarin, als es Filmschauspielende vielleicht ohnehin immer sind? Zwar nicht Fullscreen-füllend eingeblendet, aber natürlich Material aus einem tatsächlichen, physischen Archiv als Ort sind die vorsichtig mit weißen Handschuhen von einem Historiker bewegten schriftlichen Zeugnisse der Umbruchszeit der Märzrevolution, in einem steril wirkenden Raum. Hier, fein säuberlich in Schränken, ist alles zugänglich – nur für wen? Die Spurensuchende findet an den öffentlichen Plätzen kaum solche Tatsächlichkeiten.
Vielschichtig vermittelt, fragt dieser Filmessay nach dem Machen und Verstehen von Geschichte, holt zeitübergreifend gedanklich viel aus, holt sich selbst dabei unverhofft ein. Oder ist dem Machen dokumentarischer Filme vielleicht sogar stets der Verlust der eigenen Zukunft eingeschrieben, weil er immer Vergangenes abbilden wird? Die Frage danach, wie beschaffen und wie alt „Archivmaterial“ überhaupt sein muss oder kann, bleibt hier jedenfalls als eine, die zukünftig weiterhin bedacht werden wird. Die vergangenen Zukünfte bildet dafür einen hervorragenden Nährboden – ab 2. Juni natürlich in der Spielstätte des Filmarchiv Austria.
