Beklemmendes Gefängnisdrama mit Herz und Wut
Wenn Eva (Sidse Babett Knudsen) eine Sache im Job gelernt hat, dann ist es, Ruhe zu bewahren, die nötige Balance aus Empathie und Härte zu finden. Worauf es ankommt, weiß die Gefängniswärterin, ist der richtige Ton zur richtigen Zeit. Am Morgen begrüßt sie die Insassen auf ihrem Flügel mit geringer Sicherheitsstufe mit einem wohlwollenden „Gut geschlafen?“ Konflikte im Duschraum regelt sie mit dem nötigen Nachdruck in der Stimme. Für ihr Engagement – von Mathematiknachhilfe bis Bewusstseinstraining mit den Häftlingen – wird sie von Kollegen und Insassen gleichermaßen geschätzt und respektiert.
Doch jedes Gleichgewicht ist fragil, zeigt Gustav Möller in seinem emotionsgeladenen Drama – vor allem, wenn die Gegenwart plötzlich von der Vergangenheit eingeholt wird. In Evas Fall bringt die Haftverlegung des stets gewaltbereiten Mikkel (Sebastian Bull) ihr geordnetes Leben durcheinander. Sie kennt den Schwerverbrecher, aber verheimlicht ihren Vorgesetzten die persönliche Befangenheit. Zu stark sticht der Schmerz in ihrer Brust. Jede flüchtige Begegnung mit dem Neuzugang löst bei ihr innere Widerstände aus. Als die Wärterin um ihre sofortige Versetzung in den Hochsicherheitstrakt bittet, wird ihr Antrag genehmigt. Jede Abteilung ist unterbesetzt, der Druck auf die Belegschaft enorm. Doch Evas ungewöhnlich harscher Umgang mit Mikkel bleibt nicht unbemerkt. Ihre sich häufenden Fehler im Umgang mit dem brutalen Häftling setzen eine prekäre Dynamik in Gang: Ein ambivalentes Kräftemessen entwickelt sich, bei dem es weder Gewinner noch Verlierer gibt.
Nervenaufreibende Psychoszenarien, moralische Fallstricke und menschliche Schwächen, dafür hat Möller ein bemerkenswertes Gespür. Bereits sein erster Spielfilm The Guilty (2018) war ein adrenalingeladenes Kammerspiel über einen konfliktbehafteten Polizisten in der Notrufzentrale, der am Telefon einen dramatischen Entführungsfall zu lösen versucht, aber immer wieder scheitert, nicht zuletzt an sich selbst. Dass der schwedische Regisseur den Schauplatz nun ins Gefängnis verlegt, ermöglicht es ihm, den Fokus erneut auf das für ihn Wesentliche zu richten: Es ist das Menschliche im Menschen, das im Vordergrund steht.
Sidse Babett Knudsen trägt den emotionalen Zwiespalt, an dem Eva zu zerbrechen droht, hinter einer Fassade voll Trauer, Zorn und aggressiver Unantastbarkeit aus. Und während sich die statische Kameraführung der formal kühlen Inszenierung anpasst, sickert Jon Ekstrands unheimlicher Score durch jede Ritze ins Zelleninnere des leisen Thrillers mit eruptiver Wucht.
