Kaum eine andere europäische Großstadt weist eine so vielfältige und bunte Arthouse-Kinoszene auf wie Wien. Das ist ebenso erfreulich, wie es nicht selbstverständlich ist, dass das auch so bleibt.
In der Erinnerung sind Filme, die man im Kino gesehen hat, fast immer mit der Erinnerung an ganz konkrete Orte verbunden. Nicht nur der „Content“, wie man heute sagt, ist eindrucksmächtig, sondern auch gewissermaßen die „Hardware“, der Ereignisraum, das Kino selbst. Umso schauderhafter die Vorstellung, dass es eines Tages nur noch die Kinoketten geben könnte, deren Mehrsaal-Center und Multiplexe überall im Land, wenn nicht auf der Welt, möglichst gleich auszuschauen haben – so wie die Filialen von McDonald’s oder Starbucks.
Obwohl diese Tendenz unaufhaltsam zu sein scheint, gibt es in Wien immer noch eine vergleichsweise sehr lebendige Kino-
landschaft. Und ihre lebendigste Teilregion sind die Programmkinos. Oder sagen wir doch lieber Arthouse-Kinos, wo dieser Unterton von anstrengender Filmkunst viel weniger mitschwingt. Kinos, die sich Vermittlungsarbeit in Form etwa
eines ausführlichen, gedruckten Programms (daher auch ihre ursprüngliche Bezeichnung) leisten, gibt es ohnehin
nicht mehr.
Die letzte große Flurbereinigung in der Wien Kinoszene fand in den 1990er Jahren statt. Zu den Verblichenen gehörte – abgesehen von der gemeindeeigenen Kiba, die nacheinander Club West, Maria Theresien, Metro vis-à-vis und mit dem Tabor in der Leopoldstadt eines der bequemsten, geräumigsten Kinos der Stadt zusperrte – auch eine ganze Reihe privat geführter Häuser, die eine Mischung aus Repertoirebetrieb und Grätzelinitiative versuchten. Und das einige Zeit lang durchaus mit Erfolg. Genannt seien hier nur zwei: das Movie (Schönbrunnerstraße 12) und das Star Kino
(Burggasse 71), in der Erinnerung von Zeitgenossinnen und -genossen bis heute klingende Namen.
Erst in der Rückschau wird man gewahr, wie sehr sich die Kinolandschaft auch seither tatsächlich verändert hat. Einerseits kann man von einem Siegeszug des Arthouse sprechen, denn praktisch jeder Altstandort in der Stadt wird inzwischen mit Filmen aus diesem Segment respektive Hollywood-Produktionen in englischer Originalfassung bespielt. Doch hat andererseits die Zahl der Kinos nur noch weiter abgenommen. Jede aufgegebene Spielstätte ist unwiederbringlich verloren: Das gilt für das skurrile, vollkommen aus der Zeit gefallene Bellaria Kino – über dessen Schicksal derzeit noch Unklarheit herrscht – ebenso wie für das 2013 geschlossene Stadtkino am Schwarzenbergplatz, das über drei Jahrzehnte lang als wichtigste Adresse für ein avanciertes, kontemporäres Filmangebot galt.
Dennoch hat sich die Horrorvision, dass es in Wien bald keine Kinos mehr geben könnte, in die man freiwillig gehen würde, sogar trotz Corona-Pandemie nicht erfüllt. Im Gegenteil, die Umrüstung auf digitale Projektion erlaubt den Kinomacherinnen und Kinomachern mehr Spielraum bei der Gestaltung ihres Programms. Jahr für Jahr laufen mehr Filme an, 2019 waren es über 450 Titel, wobei sich insbesondere die Frequenz im Arthouse-Bereich zuletzt ständig erhöht hat. Dass ein Film in einem Kino für vier oder sechs Wochen in mehreren Vorstellungen täglich läuft, war früher keine Seltenheit. Heute ist es die absolute Ausnahme von der Regel, nicht einmal Blockbuster-Produzenten können sich mehr darauf verlassen.
Zudem bieten die Wiener Arthouse-Kinos – allen voran das Filmcasino, Votiv, Gartenbau, Stadtkino im Künstlerhaus sowie deren Dependancen – eine mittlerweile kaum noch überschaubare Vielzahl spezieller Events wie Filmreihen und kleine Festivals, einmalige Präsentationen sowohl mit als auch ohne begleitende Diskussion und andere Nischen-
programme an. Hier greift die – zu Beginn des heurigen Jahres aufgestockte – Kinoförderung durch die Stadt merklich ganz direkt.
Doch nicht allein dieser mitunter fast schon hyperventilierende Spielbetrieb macht den wahren Reichtum der heimischen Kinolandschaft aus. Ziemlich einzigartig ist, dass sich in Wien historische Aufführungsorte ganz unterschiedlicher Generationen erhalten haben. Gemeint ist damit beispielsweise das Filmcasino in der Margaretenstraße 78, ein behutsam renoviertes Juwel aus den Fifties (Architekt: Albrecht A. Hrazan), das mit seiner Neon-Leuchtschrift, der geschwungenen Linienführung der Interieurs und seinen großflächigen Spiegeln ein unverwechselbares Flair entfaltet. Oder das spektakuläre Gartenbau, Wiens einziges noch existentes Premierenkino aus den 1960er Jahren (Architekten: Robert Kotas, Kurt Schlauss, Erich Boltenstern). Oder das Admiral in Wien-Neubau, eines der letzten typischen Grätzelkinos der Stadt, das 2013 seinen 100. Geburtstag feierte und seit einigen Jahren von der ehemaligen Filmjournalistin Michaela Englert wieder Schritt für Schritt revitalisiert wurde – und heute erfolgreich seinen Platz als, was sonst, Arthouse behauptet.
So sorgfältig wie Film von Kinematheken, Museen und Archiven restauriert und bewahrt wird, genau so müssen exemplarisch auch entsprechende Aufführungsorte gepflegt und erhalten werden. Glücklicherweise hat die Wiener Kulturpolitik das beizeiten erkannt und lässt sich die Kinos – nicht zu vergessen: das gründlich erweiterte Metro Kinokulturhaus und Peter Kubelkas „Unsichtbares Kino“ im Österreichischen Filmmuseum – etwas kosten. Doch schon vor der Covid-19-Pandemie und dem folgenden Lockdown dürften sich alle Betroffenen klar darüber gewesen sein, dass die Formen der kommunalen und bundesweiten Förderung weiterhin dringend benötigt werden, um die bestehende Wiener Kinolandschaft in ihrer ganzen Vielfalt längerfristig am Leben zu erhalten.
Michael Omasta
ist seit vielen Jahren Filmredakteur der Stadtzeitung „Falter“ sowie (Mit-)Herausgeber zahlreicher Bücher, unter anderem zum österreichischen Filmexil, Mitglied von Synema – Gesellschaft für Film und Medien und (Mit-)Veranstalter von Filmreihen und Retrospektiven.
