Mit der Ausstellung „I=Eye“ (ab 18. Dezember) zeigt die Kunsthalle Wien eine umfassende Einzelpräsentation der Experimentalfilmerin und Künstlerin Babette Mangolte. Ein Gespräch mit Kurator Luca Lo Pinto.
Babette Mangolte, geboren 1941 in Frankreich, studierte als erste Frau an der École Nationale de la Photographie et de la Cinématographie in Paris. Nach ihrer Ausbildung zog sie nach New York, wo sich auf die Dokumentation von Performances aus dem Kunst-, Tanz- und Theaterbereich konzentrierte. Mehrfach arbeitete sie als Kamerafrau mit Chantal Akerman zusammen. What Maisie Knew, Mangoltes erster eigener Film, wurde 1975 beim Filmfestival in Toulon mit dem „Prix de la Lumière“ ausgezeichnet. Heute gilt Babette Mangolte als eine der ikonischen Figuren des internationalen Experimentalfilms.
Wie in einer der letzten von Ihnen kuratierten Ausstellungen in der Kunsthalle Wien, „Nathalie Du Pasquier. Big Objects Not Always Silent“, zeigen Sie mit Babette Mangolte eine durchaus ikonische Künstlerin – ikonisch jedoch nicht unbedingt mit einem Werk, das man unmittelbar dem Feld der Bildenden Kunst zuordnen würde. Gehört der Transfer von derlei Positionen in einen Kunstkontext zu Ihren speziellen Interessen?
Bei Einzelpräsentationen gibt es in der Tat ein gewisses Interesse an Figuren, die nicht in herkömmliche Kategorien zu fügen sind. Neben den beiden erwähnten Positionen war eine weitere jene von Charlemange Palestine (in der Kunsthalle WienKarlsplatz Anm. Red.). Allen diesen Ausstellungen liegt die Idee einer Anthologie zugrunde, und in allen drei Fällen war die formale Ausführung der Ausstellung eine zentrale Frage. Und letztlich geht es jedes Mal um eine Art von „Gesamtkunstwerk“. Palestine kommt von der Musik, Du Paquier vom Design, und Babette Mangolte schließlich verkörpert überwiegend Positionen von Theater, Film und Fotografie. Womöglich mag die Wahl von derlei Positionen etwas schräg anmuten, doch was ich schätze, ist, dass alle drei ihre eigene kraftvolle Sprache gefunden haben, die sich konsequent einem gängigen Zeitgeschmack widersetzt. Barbette Mangolte ist in der Filmszene eine Kultfigur. In den siebziger Jahren dokumentierte sie Performances aus dem Kunst-, Theater- und Tanzbereich, arbeitete mit Joan Jonas, Yvonne Rainer, Trisha Brown, später kamen eigene Filme hinzu. Etwa seit den Neunzigern begannen sich größere Institutionen und Galerien für ihr Werk zu interessieren.
Wird es in der Kunsthalle demnach eine Zusammenstellung von zentralen Arbeiten geben oder eine spezielle Inszenierung, gleich einer großen Installation?
In Wien zeigen wir Filme, Fotos und zwei Installationen. Doch soll der Ausstellungsbesuch von der herkömmlichen Erfahrung, bei der man eher wahllos verschiedene Exponate betrachtet, abweichen und eher in Richtung Kinoerlebnis gehen: Das Ganze wird entlang eines Scripts inszeniert. Filmszenen und Tonsequenzen lösen einander ab, der Besucher ist gefordert, sich im Raum bewegend dieser Choreografie zu folgen. Durch die zeitliche Abfolge ist die Erfahrung, je nach dem, wann man die Ausstellung betritt, jeweils eine andere. Das „Script“ der Inszenierung ist auf sieben Stunden angelegt, dann startet die Choreografie von vorn.
Bedeutet das, es gibt ein zentrales Thema oder eine These für die Ausstellung?
Nein keine These, aber eines von Babette Mangoltes zentralen Themen ist es, Zeit als Medium zu nutzen. Dies ist nachgerade ein Schlüsselaspekt in ihrem Werk. Bei der Installation mit dem Titel „Touching for“ geht es ihr darum, den Betrachter einzuladen, über den eigenen Standpunkt und Blickwinkel nachzudenken. Über Berührung können hier Fotos aus den siebziger Jahren vergrößert oder in neue Konstellationen gebracht werden. Es geht um den Akt des Betrachtens. Die andere Installation „Fragments & Filmmaking“, folgt der Idee, die eigene Geschichte zu überprüfen und arbeitet ebenso mit dem vorhandenen Material aus den siebziger Jahren. Interessant in diesem Zusammenhang ist für sie auch der Wechsel von analoger zu digitaler Technologie. Als brillante Denkerin und vielfältige Schreiberin hat Babette Mangolte dies auch mehrfach zu Papier gebracht. Deshalb haben wir uns entschlossen, aus Anlass der Ausstellung ihre gesammelten Schriften erstmals in einem Band zusammenzufassen und im Verlag Sternberg Press zu publizieren.
Mit Positionen zu arbeiten, die sich aus den siebziger Jahren entwickelt haben, bedeutet, sich mit Arbeiten auseinanderzusetzten, die in einem gewissen Sinne ausgereift sind. Inwieweit hat man in der Praxis die Möglichkeit, sich hier mit kuratorischen Konzepten oder eigenen Ideen für eine Präsentation einzubringen?
Als ich Babette eingeladen habe, kannte ich zwar ihr Werk, sie jedoch nicht persönlich. Schnell war klar, dass die Filme und Fotos als Installation gezeigt werden sollten. Der Vorschlag, mit Zeit als einem ihrer zentralen Themen zu arbeiten und die Ausstellung gleichsam als Partitur zu inszenieren, stammt von mir, und sie hat ihn sehr gerne aufgenommen. Also haben wir zu arbeiten begonnen. In diesem Sinne ist die Schau das Ergebnis eines Dialogs.
