Der taiwanesische Regisseur Tsai Ming-liang ist neben George Clooney und David Byrne einer der großen Namen, die heuer virtuell zu Gast beim BFI London Film Festival 2020 sind. „ray“ hat vorab mit dem großen Meister der langsamen Bilder über seinen neuen Film „Days“ gesprochen.
Mit Filmschaffenden und Stars auf Tuchfühlung gehen zu können, ist bei einem Publikumsfestival wie dem LFF eines der besonderen Highlights. Talks und Masterclasses gehören daher seit Jahren zum Programm und sind meist schneller ausverkauft als die Filme, über die im Rahmen dieser Sonderveranstaltungen unter anderem gesprochen werden sollen. In diesem Jahr hat sich das Festival entschieden, sämtliche Events kostenlos zugänglich zu machen, online via YouTube und mit einer Gästeliste, die auch in jedem „normalen“ Jahr einiges hermachen würde: Den Auftakt machten zunächst die Black-Panther-Darstellerin Letitia Wright, die geladen war, um über ihre Rolle in Steve McQueens Festival-Opener Mangrove zu sprechen, sowie die Filmemacherin und Multimediakünstlerin Miranda July, die einen wunderschönen Film über einer Familie von Schwindlern gedreht, der Kajillionaire heißt und ebenfalls reichlich Gesprächsstoff lieferte. Darüber hinaus ist Allroundtalent, Musiker und Aktivist Riz Ahmed dabei, um seinen neuen Berlinale-Hit Mogul Mowgli vorzustellen; Christian Petzold plaudert über Undine, der Mexikaner Michel Franco über seinen neuen Film New Order, der unlängst in Venedig den Großen Preis der Jury verliehen bekam; Talking-Heads-Gründer David Byrn braucht im Grunde sowieso keinen Anlass, um über sich, seine Karriere und seine kürzliche Zusammenarbeit mit Spike Lee zu reden und ist immer ein willkommener Gast, ebenso wie George Clooney, dessen neuer Film The Midnight Sky zwar nicht im Rahmen des Festivals gezeigt wird, aber wer würde es schon ausschlagen, wenn der große Entertainer sich zu einem virtuellen Stelldichein hinreißen lässt.
Einer, der dieser beachtlichen Runde zusätzlich künstlerisches Gewicht verleiht, ist der große Auteur Tsai Ming-liang, der mit seiner Vorliebe für das Ungreifbare oft allerseits aneckt, und zwar im besten Sinne des Wortes. Den Bildern, die er kreiert und denen man als Zuschauer oft hilflos ausgeliefert ist, öffnen den Blick für das, was uns sonst entgeht. Bereits sein zweiter Film Vive l’amour (1994) über die Isolation in der Großstadt wurde in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Und doch stoßen seine Filme bis heute immer wieder auf Unverständnis. Das hat vor allem mit ihrem Verhältnis zur Zeit zu tun, das in Tsais Filmen oft eine subtile, eigenwillige Textur entwickelt, getragen von einer komplexen, fast malerischen Bildkompositionen auf der einen und sehr speziellen, wundervollen Schauspielern auf der anderen Seite – allen voran Tsais Muse Lee Kang-Sheng, mit dem er seit Beginn seiner Karriere zusammenarbeitet. Sein neuester Film Days, eine meisterlich reduzierte Studie über die Einsamkeit, die fast ohne Dialoge auskommt, steht den grundsätzlichen Prinzipien des Tsaischen Sehens und Erfahrens in nichts nach und wirft damit erneut mehr Fragen als Antworten auf, die der Künstler elegant in seinen Bildern versteckt.
Interview mit Tsai Ming-Liang
Ihr neuer Film ist eine sensible Meditation über die Einsamkeit. Wie ist da Konzept zu dem Projekt entstanden?
Tsai Ming-liang: Ich hatte, ehrlich gesagt, am Anfang kein Konzept. 2014 wurde Lee Kang-Sheng krank, er hatte einen „milden“ Herzinfarkt erlitten. Es ging ihm sehr schlecht. Und er hatte eine Verletzung im Nacken, die dadurch wieder zum Vorschein kam. Ich habe daraufhin den Beschluss gefasst, seine Krankheit zu filmen, weil ich das Gefühl hatte, das, wenn ich diese Bilder nicht festhalten würde, sie eines Tages verschwinden würden, wenn er wieder gesund wäre. Also habe ich mich mit meinem Kameramann zusammengetan und begann zu drehen. Ich wollte beispielsweise den Arzt sehen, also sind wir Kang-Sheng in die Klinik gefolgt. Es lag etwas unheimlich Bewegendes in diesen Bilden, in diesen Momenten. Es war zum Teil grausam mitanzusehen, wie er krank wurde, und gleichzeitig war ich tief berührt. Ich musste diese Bilder festhalten. Nachdem ich in den letzten Jahren viel mit Museen zusammengearbeitet habe, dachte ich zunächst daran, das Material im Rahmen eines künstlerischen Projekts zu verwenden. Denn worum es mir dabei wirklich ging, ist die Frage nach der Authentizität der Bilder. Aber dann traf ich Anong Houngheuangsy, und wir begannen, uns über Video-Calls zu unterhalten. Und plötzlich kam mir die Idee, dass ich mit beiden einen Film kreieren könnte. Und so kam es schließlich dann.
Zeit, Raum, Erinnerung, Isolation und Einsamkeit sind immer wiederkehrende Motive in Ihren Filmen, nicht nur in diesem. Was beschäftigt Sie so sehr an diesen Themen?
Tsai Ming-liang: Es liegt wahrscheinlich wirklich daran, dass Kang-Sheng so oft krank wird. Bevor wir The River drehten, wurde er ebenfalls sehr krank. Und das hat mich extrem besorgt und geschockt damals. Ich wusste nicht, ob es nicht vielleicht für sein gesamtes weiteres Leben gehandicapt sein würde. Krankheit verursacht Schmerzen, und wir alle wissen, was das heißt, wir haben es alle irgendwann einmal selbst am eigenen Körper zu spüren bekommen. Man muss den Schmerz ertragen und ihn akzeptieren. Aber die Einsamkeit bei einer kurzen Erkrankung im Gegensatz zu einer langwierigen ist sehr unterschiedlich, auch wenn es darum geht, beides durchzustehen. Nur fühle ich mich auch immer ein Stück weit krank, wenn es Kang-Sheng so schlecht geht, weil uns eine so enge Freundschaft verbindet. Wir können die Krankheit nicht kontrollieren, sie verfolgt uns. Und was mich vor allem daran interessiert ist die Tatsache, dass Krankheit nicht nur eine körperliche Erfahrung ist, sondern auch eine geistige. Das ist das eigentlich Faszinierende daran.
Hat sich die enge Beziehung zwischen Ihnen und Lee Kang-Sheng im Hinblick auf Ihre filmische Zusammenarbeit über all die Jahre nicht nur vertieft, sondern auch verändert?
Tsai Ming-liang: Wir stehen uns sehr nah, und ich werde nicht müde, ihn zu filmen. Es wird im Grunde nur immer schwieriger für mich, weil ich ihn so gut kenne. Das heißt, es wird einerseits immer mühsamer, aber andererseits ist es deshalb auch immer wieder eine neue Herausforderung. Und eben weil wir uns so gut kennen, sehe ich die Veränderung in ihm, und andersherum kann ich dadurch dann auch auf die Veränderungen schließen, die in mir selbst stattfinden. Mit anderen Worten: Mit der Zeit verändern wir uns alle. Aber egal, wie lange wir schon zusammenarbeiten, finde ich es immer wieder spannend, Kang-Sheng zu filmen.
Nach „Stray Dogs“ vor sieben Jahren haben Sie gesagt, dass Sie aufhören wollen, Drehbücher zu kreieren. Warum das?
Tsai Ming-liang: Ja, ich würde Drehbücher gerne abschaffen. Warum? Weil das Drehbuch nur ein Konzept der Filmindustrie ist. Es ist der Grund dafür, dass so viele Filme heute alle gleich aussehen, und das geht schon eine ganze Weile und viel zu lange so. Wir konzentrieren uns immer weniger auf die filmische Ästhetik, und das macht die Sache für mich uninteressant. Ich würde am liebsten auch auf Filmtitel verzichten. Wenn ich einen Film drehe, dann ist das ein Film, und nichts weiter. Kein Name, kein Produkt. Er entwickelt und behauptet sich im Prozess seiner Entstehung. Ich kreiere Filme, so wie ein Maler ein Gemälde schafft, ohne zuvor über den Titel oder eine Handlung nachzudenken. Zumal ein Titel immer auch schon eine gewisse Geschichte impliziert. Gegen dieses Prinzip der Filmindustrie wehre ich mich. Und deshalb halte ich nichts von Drehbüchern und Storyboards. Ich komme auch ohne gut zurecht.
Sie haben einmal in einem Interview gesagt, dass die wahre Kunst eines Regisseurs darin bestehe, Zeit zu zeigen. Was genau meinen Sie damit?
Tsai Ming-liang: Die Filme, die wir heute zu sehen gewohnt sind, basieren fast alle auf einer Geschichte. Sie haben eine Handlung, und die Zeit, die wir sehen, ist dicht an diesen Plot gekoppelt. Sie unterstützt die Handlung, wenn Sie so wollen. In meinen Filmen versuche ich dem Zuschauer ein Gefühl von Zeit zu vermitteln, der Zeit als solche einen Ausdruck zu verleihen. Wir alle sollten und genug Zeit nehmen zu sehen, zu fühlen und zu denken. Für mich ist das, was man sieht, kein erzählerisches Element. Nein, ich möchte die Zuschauer sehen und denken lassen, und in der Hinsicht werden die Bilder in meinen Filmen zu einem Ausdruck der Zeit.
Ähnlich skeptisch stehen sie auch Dialogen gegenüber. Können Gesten, Blicke und Mimik, kann der Körper immer mehr sagen als Worte?
Tsai Ming-liang: Ja, weil man sich auf Worte, zumindest in einigen Sprachen, nicht verlassen kann. Es gibt dieses Sprichwort: Das, was du siehst, bekommst du auch. Nimmt man sich genügend Zeit, bedeutet das, dass man selber darüber entscheiden kann, was man sehen will. Mit der Zeit entwickeln sich die Bilder vor unseren Augen von ganz allein. Zeit lässt uns ins Innere der Bilder hineinsehen. Wir haben diese ganzen filmtechnischen Mittel zur Verfügung, Nah- und Fernaufnahmen, und wenn die Kamera ganz stillsteht, können wir damit die Zeit fließen sehen. Dann sehen wir, was sich wirklich vor unseren Augen abspielt. Dann muss uns niemand sagen, dass Kang-Sheng krank ist. Und wir können es nicht nur sehen, wir können es begreifen und verstehen, ganz ohne Worte, durch ist eine andere Art des Erzählens.
Sie haben früher einmal behauptet, es gäbe keinen Ort, den Sie Ihr zu Hause nennen würden. Ist das heute immer noch so?
Tsai Ming-liang: Ich habe mich gebessert, ganz schön sogar. Das hat nichts mit meiner Arbeit an sich zu tun, aber vielleicht liegt es daran, dass ich älter geworden bin. Mittlerweile sehne ich mich danach, einen festen Platz zu haben, und bin glücklich, wo ich jetzt lebe, in einem kleinen Ort in den Bergen in Taiwan. Vielleicht werde ich eines Tages dort sterben, wer weiß. Aber zunächst einmal bin ich froh, dass ich diesen Ort für mich gefunden habe und immer wieder dorthin zurückkehren kann.
Reminiszenzen an das Kino
Die Wiener Festwochen widmen dem herausragenden taiwanesischen Filmemacher und Künstler Tsai Ming-Liang eine Personale.

