Digitales Kino – Pixel Vision

„Die große Leinwand wird es immer geben“

| Carlo Hoffmann |

Der Filmwissenschafter Christian Mikunda im Gespräch über digitales Kino, alte und neue Sehgewohnheiten, Interaktivität und die Zukunft der Filmtheater.

Das analoge Filmbild gibt es nun seit mehr als hundert Jahren. Der Mensch hat sich vollkommen auf dessen Ästhetik eingestellt. Wie reagiert das Kinopublikum auf die digitale Video-welt?
Ich war in den ersten zehn Jahren meiner Berufszeit noch stärker in Produktionen integriert als ich das heute bin. Ich habe viel fürs Fernsehen gemacht, aber auch viele Industriefilme. Wir haben versucht, das elektronische Videobild zu manipulieren, damit es weicher und filmähnlicher wirkt. Auch heutige digitale Produktionen versuchen, an die Ästhetik des Filmbildes heranzukommen. Man vergleicht das Videobild immer noch mit dem durchleuchteten Bild, und ich weiß nicht, ob es, was den digital hergestellten Kinofilm betrifft, eine wirklich eigene Ästhetik geben wird. In der Frühzeit des digitalen Films hat man in die Bildästhetik Nachzieheffekte usw., die eine ganz andere Charakteristik von dunklen und halb dunklen Szenen mit sich bringen, eingebaut. Man hat also das Manko mit eingebaut und so etwas wie einen eigenen Gestus gemacht, eine eigene Handschrift der digitalen Filmproduktionen. Und das dann wieder versucht, als eigene, stilisierte Möglichkeit des Ausdrucks zu verkaufen. In den 80er Jahren, in der Zeit von Coppola und American Zoetrope Studios hat das Bild immer einen Touch von New Wave gehabt. One from the Heart hatte diese Neon-Ästhetik. Auch viele andere Filmemacher, die digital gedreht haben, etwa Wim Wenders, haben in dieser Zeit versucht, dieses Manko zu einer ästhetischen Handschrift zu stilisieren. Aber das ist vermutlich nicht das Ziel der Industrie und vermutlich auch nicht jenes der Kreativen, sondern man versucht, durch andere Möglichkeiten an die Ausdrucks-kraft des Filmbildes heranzukommen.

Wie nimmt der Zuseher die Videoästhetik auf?
Es gibt ja digital gedrehte Produkte, bei denen das Flimmern künstlich dazu erzeugt wird, genau aus diesem Grund. Digitale Bilder sind mehr wie ein ständiges Fließen oder Gleiten. Man starrt mehr auf digitale Bilder. Ich glaube, dass die Ästhetik ohnehin bereits verschmolzen ist. Ein Beispiel dafür sind die digital hergestellten, computeranimierten Filmszenen oder die digitalen Hintergründe. Eine weitere Entwicklung sind die vollkommen computergenerierten Filme, wie der japanische Science-Fiction-Film Final Fantasy.

Einer meiner ersten Artikel, den ich in den 70er Jahren geschrieben habe, hat sich mit der zukünftigen Verschmelzung von Videospielen und Filmen als Prognose beschäftigt. Heute wäre das für einen Artikel zu banal, weil es längst eingetroffen ist. Man hat sich daran gewöhnt, dass interaktive Videospiel-sequenzen filmische Codes benützen, beispielsweise Untersichten, Schuss-Gegenschuss, Kamerafahrten, usw. All das, was man für den Film entwickelt hat, findet man heute im interaktiven Videospiel vor. Und auch da ist die Verschmelzung vom digitalen Bildeindruck und filmischen Codes bereits erfolgt. Es gibt derartig viele Hybridformen, dass ich glaube, dass die so genannten Sehgewohnheiten sich längst darauf eingestellt haben. Wo das hinführt, kann ich leider nicht sagen. Letztlich, glaube ich, will man nicht auf die emotionale Anmutung eines durchleuchteten Bildes verzichten wollen. Man wird es vermutlich simulieren.

Die Fotografie bzw. das fotografische Prinzip war immer die Grundlage für die Bildentstehung. Das ist heute nicht mehr so. Bilder können im Computer beliebig generiert und manipuliert werden. Manipulation von bereits vorhandenen Bildern und Generierung neuer Welten – was sagen Sie dazu, dass heute alles, wirklich alles darstellbar ist?
Ich habe gestaunt, als ich die neuesten Bilder der japanischen künstlichen Models, Avatare und der neuesten Generation der menschenähnlichen Roboter gesehen habe. Das ist schon sehr beeindruckend und überzeugend. „Alles darstellbar“ bedeutet zweierlei auf dramaturgisch-psychologischer Ebene: Erstens, Film hat immer schon den „Seeing is believing”-Effekt gehabt. Wir alle haben gesehen, wie Christopher Columbus in der neuen Welt landet und wie er von seinem Schiff runterspringt und am Strand niederkniet. Wir alle haben gesehen, wie Jesus Christus ans Kreuz genagelt wurde, usw. Wir haben viele Dinge gesehen, die natürlich eine Simulation sind. Der Film hat immer schon mit der Überzeugungskraft des Augenscheins gearbeitet. Filme waren nicht Abbilder des Realen, sondern Demonstrationen des Realen. Deswegen glauben wir auch, dass die Darsteller einer Filmfigur auch in Wirklichkeit so agieren wie auf der Leinwand. Die Verehrung der Schau-spieler, die mythische Projektion, alle diese Dinge hängen mit diesem „Seeing is believing”-Effekt der Bilder und des Films zusammen. So gesehen sind diese Dinge nicht neu.

Neu ist heute, dass wir durch BMW-Motoren durchfliegen können und genau zuschauen können, wie dieser funktioniert, obwohl es eine Computeranimation ist und die Reflexe und alles andere uns ständig sagen, dass es echt ist. Und die unmöglichen Kameraflüge sagen uns „es ist simuliert, simuliert, simuliert“.

Das, was jetzt dazugekommen ist, ist der so genannte Replikat-Effekt. Ein Spiel mit der Frage „Echt oder nicht echt?“ – aber auch das ist nicht neu, das gibt es schon seit dem Barock. Bei Barockkirchen hat man Säulen gebaut und zum Teil hyperrealistisch gemalt, also Scheinmalerei und Fakes. Diese Faszination, dass etwas Simuliertes sich so überzeugend darstellt, als ob es echt sei, ist alt, und hat immer schon die Media Literacy des Publikums, also die Fähigkeiten des Menschen, sich geschickt mit dem Medien anzustellen, angesprochen.

Heute sehen wir fremde Welten und wissen, dass es diese nicht gibt. Das Spiel mit dem Replikat wird heute mit den Möglichkeiten des digitalen Produzierens noch einmal auf die Spitze getrieben. Es werden Dinge ermöglicht, die vor ein paar Jahren noch nicht möglich gewesen wären. Mein Sohn hat den Film Dinosaur gesehen und es ist ihm schwer zu erklären, dass er  nicht Dinosaurier gesehen hat, sondern Animationen, und das vieles davon erfunden ist. Heute kann man Wasser und Feuer so überzeugend computergenerieren, dass praktisch schon ein Real-Eindruck vorhanden ist.

Der interaktive Film: nichtlinear, verschiedene Schlussversionen für jeden Film, den der Zuschauer frei wählen kann. Filme können für jede Aufführung neu verändert werden. Was bedeutet das für die Zukunft der Filmerzählung, der Kinokultur?
Ich glaube: überhaupt nichts. Es ist eine ähnliche Entwicklung wie bei den Film-Großformaten, beispielsweise Cinerama, Imax, usw. Diese Großformate konnten respektive können bestimmte Codes ermöglichen. Deswegen haben sich die supergroßen Leinwände oder auch die Verbindung filmischer Szenen mit Flugsimulatoren letztendlich nicht durchgesetzt und bleiben im Bereich der Attraktionen. Mit dem interaktiven Film sehe ich es genauso. Ich habe auf der Expo 2002 in der Schweiz einen grandiosen interaktiven Film gesehen. Man konnte sich entscheiden, in welches von drei Kinos man geht, und alle Filme haben so geendet, dass man sich beim nächsten Kino entscheiden konnte, ob man den Erzählstrang wechseln oder bleiben möchte. War super gemacht, aber letztlich ist das eine Form, die im Attraktionsbereich angesiedelt ist.

Brecht hat immer von einem interaktiven Radio geträumt. Er hat in seiner berühmten Radio-Theorie gesagt: „Eines Tages werden die Menschen zurücksenden.“ Plötzlich war das durch die offenen Kanäle in den 70er Jahren möglich, und jeder hat angefangen, seine eigenen Inhalte zu senden. Dann ist man draufgekommen, dass das nicht wirklich gut ankommt. Film ist eine Kunst und ein Handwerk. Für Kunst muss man begabt sein, das Handwerk muss man können und lernen. Das heißt: Nicht jeder kann zurücksenden, nur weil die technischen Möglichkeiten vorhanden sind. Ähnlich verhält es sich mit der Interaktivität und den offenen Filmen, wo man sich dann aussuchen kann, wie es weitergeht. Letztlich bleibt das im Spektakelbereich. Die Stärke eines von vorne bis hinten erzählten Films, selbst wenn er noch so avantgardistisch und schräg ist, ist die künstlerische Geste eines Plots, den sich jemand ausgedacht und mit dem Kameramann, dem Editor, den Special Effects-Leuten, den Schauspielern usw. umgesetzt hat. Wir sind davon fasziniert, dass uns jemand eine Geschichte erzählt. Die neuen digitalen Möglichkeiten werden nichts daran ändern, dass Film ein hoch kompliziertes Netzwerk an Codes, Vereinbarungen und Stärken von Menschen ist, die das können und die versuchen, ein Produkt so gut wie möglich zu machen. Jede Art von Interaktivität schwächt dieses Produkt.

Findet durch das digitale Kino eine Liberalisierung des Zugangs für Indie-, Low-Budget- und Studentenfilme statt?
Irgendwie sicher. Es war ja auch so, dass viel mehr Leute Filme machen konnten, als es plötzlich 16mm gab. Das gleiche ist passiert, als die elektronischen Kameras immer kleiner und günstiger wurden. Es gibt sicherlich die Möglichkeit, dass gute Studentenfilme auf HD, die als Abschlussarbeit oder ähnliches geplant waren, nun schneller an einem Verleih gebracht werden.

Verlieren die USA durch das digitale Kino die Vormachtstellung im Filmbereich?
Nein. Die Vormachtstellung kommt aus der populären Kultur in Amerika. Da sind einfach mehrere Dinge zusammengekommen: Die Storyteller-Kultur, die man auch schon in der klassischen Literatur findet, das sonnige Kalifornien, der Glaube der Amerikaner an die Zukunft, die Technikverliebtheit, der riesige Markt, usw. Alles zusammen hat die Vormachtstellung der USA begünstigt. Die Kreativen sind bis heute aus Europa gekommen. Es müsste tief greifende gesellschaftliche Veränderungen geben, um diese Vermachtstellung zu ändern.

Home Cinema wird immer besser. Wird es das Kino, wie wir es heute kennen, überhaupt noch geben? Wird das Kino jemals ersetzt?
Wahrscheinlich nicht. In der Frühzeit des Films gab es Versuche, Kurzfassungen von klassischen Theaterstücken herzustellen. Erste Reaktion war ein Aufschrei, dass das Theater dadurch verschwinden würde. Das ist nicht passiert. Als das Fernsehen entwickelt wurde, wurde dem Film das gleiche Schicksal prophezeit. Der Film verschwand zwar nicht, aber die Erwachsenen ab 30 gehen nicht mehr ins Kino. Das ist in den USA ein bisschen anders. Dort gehen viele Erwachsene noch immer ins Kino, in Frankreich sowieso. Natürlich wird Home Cinema immer besser und billiger. Die Leute, die heute nicht mehr ins Kino gehen, kaufen sich DVDs. Aber das Kino wird deshalb nicht ersetzt. Den Eindruck einer großen Leinwand wird man sich immer hingeben wollen.

Welche Maßnahmen müssen Kinos ergreifen, um bestehen zu können?
Es gab eine dramatische Veränderungen, als es die erste Gene-ration des „Schuhschachtel-Kinos“ mit sieben Kinosälen oder so gab, wo plötzlich die Projektion schlecht und die Leinwand klein war und der Ton schepperte. Bald hat man, auch unter dem Druck des Fernsehens, das ja einen immer besseren Ton bekam, eingesehen, dass die einzige Chance darin liegt, großflächig und mit guter Qualität zu projizieren. Man hat dann die Kinocenter mit sehr gutem Ton, guten Projektoren und bequemen Sitzen ausgestattet. Dann war man aber zu gierig und hat zu viele dieser großen Leinwände gebaut, so dass wir heute ziemlich häufig alleine im Kinosaal sitzen, was wiederum das Gemeinschafts- und Live-Gefühl eines Kinobesuchs schwächt. Ich denke, dieses Oversceening sollte zurückgenommen werden und Zusatzangebote anderer Art sollten integriert werden. Was gut funktioniert, ist die Anbindung an Shopping Malls. Die Anbindung an das Erlebnis davor und danach ist wichtig, und dass aus den Kinos echte Entertainment-Center werden.

Dr. Christian Mikunda ist Autor des Buchs Kino spüren – Strategien der emotionalen Filmgestaltung (Filmlandpresse München 1986 und WUV Wien 2002). Er war ursprünglich Film- und Fernsehdramaturg und berät heute als „Vordenker neuer Erlebniswelten“ (Visa Magazin) die europäische Wirtschaft. Mikunda lehrt seit 17 Jahren Dramaturgie in Wien, war Guest Speaker an der Harvard University und Gastprofessor in Tübingen. Seine Bücher erscheinen auch auf Englisch, Chinesisch und Koreanisch, seine Seminare finden regelmäßig auch in New York, London, Dubai und Las Vegas statt.