Filmkritik

Dior und ich / Dior and I

| Alexandra Seitz |
Nicht nur für Ethnologen: Luxusprobleme im Luxussegment.

Als Raf Simons im Frühjahr 2012 seine Arbeit für Jil Sander beendet, die Nachfolge von John Galliano antritt und neuer Chefdesigner (Creative Director) des weltberühmten Pariser Modehauses Dior wird, hat er acht Wochen Zeit, um seine Antrittskollektion in der Haute Couture zu kreieren. Das ist eine absurd kurze Zeitspanne, und nicht nur Simons fragt sich, wie das zu schaffen sein soll – der Angstschweiß steht auch den Mitarbeitern auf der Stirn: den langjährigen Vertrauten und Assistenten, die den Belgier nach Frankreich begleiten, ebenso wie den alteingesessenen Beschäftigten des ehrwürdigen Hauses, die den Neuling und seine Entourage dort gespannt erwarten. Umso gespannter, als Simons bis dato keine Haute Couture-Mode entworfen hat und als Minimalist, als Vertreter nüchterner und dabei doch eleganter Linien gilt. Christian Dior hingegen kreierte 1947 mit dem „New Look“ eine Hommage an die Weiblichkeit, die der notgedrungenen modischen Sparsamkeit der Kriegsjahre das wieder entdeckte verschwenderisch Damenhafte entgegenstellte: Prinzessin statt Working Girl. Aber das nur am Rande.

Denn nicht nur Fashion Victims kommen in Frédéric Tchengs Dokumentarfilm Dior and I auf ihre Kosten. Auch Anhänger des goldenen Handwerks sitzen hier im richtigen Film, lernt der Zuschauer doch eine Menge über Struktur, Arbeitsweise und Gewaltenteilung eines etwas größeren Schneiderbetriebs. Nichts nämlich wäre Simons ohne Monique Bailly und Florence Chehet, die beiden Leiterinnen der Ateliers Tailleur (Anzüge) respektive Flou (Kleider), die sich im Dachgeschoß des Hauses befinden. Hier übersetzen die Praktiker des Designers Bekleidungsträume ins Konkret-Stoffliche, dabei immer wieder Anfällen von Verzweiflung trotzend. Verzweiflung, die im Übrigen auch den Meister selbst nicht verschont, ist dieser doch ein eher zurückhaltender, ziemlich öffentlichkeitsscheuer Mann und darin dem Gründer des Hauses stark wesensverwandt. Tcheng fängt Simons wachsende nervliche Anspannung bis hin zum erlösenden Tränenausbruch hinter den Kulissen während der Präsentation zwar ein, bleibt dabei aber immer respektvoll. Da schleicht sich zur anfänglichen Unsicherheit die nackte Panik in den Blick, beginnen die Augen verdächtig zu glänzen, wendet die Kamera sich gnädig ab. Ein Modeschöpfer ist schließlich auch nur ein Mensch; schade nur, dass seine wunderschönen Nichtigkeiten, getragen von Mager-Models mit Puppen-Gesichtern, an der weiblichen Lebensrealität weit vorbeigehen.