Diplomatie

Ein General mit Gewissen

| Jörg Schiffauer |
In „Diplomatie“ beleuchtet Volker Schlöndorff die Frage nach Anständigkeit auch in dunklen Zeiten.

Am 24. August 1944 stand für Paris und seine Einwohner das Ende eines mehr als vierjährigen Alptraums unmittelbar bevor. Die alliierten Streitkräfte näherten sich unaufhaltsam der französischen Hauptstadt, die Besetzung durch die Wehrmacht und damit das Ende der Naziherrschaft rückte in greifbare Nähe. Die verbliebenen deutschen Einheiten schienen nicht stark genug, um hinreichend Widerstand zu leisten und die unvermeidbare Niederlage signifikant hinauszuzögern. Als neuer Wehrmachtsbefehlshaber von Groß-Paris fungierte seit Anfang August General Dietrich von Choltitz, der sich nun jedoch einer schweren Entscheidung gegenübersah. Trotz der militärisch aussichtlosen Lage sollte Kapitulation keine Option sein, denn Adolf Hitler hatte wieder einmal einen seiner verbrecherischen Befehle ausgegeben, dessen letzter Satz lautete: „Paris darf nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen.“ Choltitz sollte nun diesen wahnsinnigen Nero-Befehl Hitlers exekutieren und das bis dahin von Bombenangriffen und Kampfhandlungen weitgehend verschonte Paris zerstören, was mit Sicherheit auch den Tod vieler Zivilisten zur Folge gehabt hätte. Doch General Choltitz tat etwas, was Offiziere der Wehrmacht im Verlauf des Zweiten Weltkriegs viel zu selten getan hatten: Er verweigerte sich dem mörderischen Irrsinn des „Führers“ und übergab die Stadt am 25. August unversehrt französischen Truppen, die als erste der Alliierten in Paris eingerückt waren. Soweit die nüchternen Fakten, doch natürlich war die Sache nicht ganz so einfach abgelaufen.

Volker Schlöndorff fokussiert sich in Diplomatie auf die entscheidenden Stunden im Leben des Dietrich von Choltitz, die mit jener Befehlsverweigerung, mit der der General in die Geschichte eingehen sollte, endeten. Schlöndorff hat dabei die Historie dramaturgisch verdichtet, indem er – basierend auf einem Theaterstück von Cyril Gély, der auch am Drehbuch von Diplomatie mitarbeitete – sich auf eine Begegnung Choltitzs mit dem schwedischen Diplomaten Raoul Nordling konzentriert. In der Suite jenes Hotels, das Choltitz als letzter Befehlsstand dient, versucht Nordling in eindringlichen Gesprächen in der Nacht vom 24. auf den 25. August den General davon abzubringen, Paris so knapp vor der Befreiung doch noch der Vernichtung preiszugeben. Der gebürtige Schwede Nordling, der schon lange seinen Lebensmittelpunkt in Paris hatte und deshalb der Stadt und ihren Bewohnern besonders verbunden war, war tatsächlich in die Kontakte, die in den Tagen vor der Befreiung zwischen Vertretern der Alliierten, der Résistance und Choltitz stattgefunden hatten, um Paris das Schicksal Warschaus zu ersparen, stark involviert. Die in Diplomatie im Zentrum stehende Begegnung hat allerdings in dieser Form nicht stattgefunden.

Schlöndorffs Inszenierung setzt die Konfrontation der so unterschiedlichen Charaktere als intensives Kammerspiel in Szene, das sich im Wesentlichen auf die beiden Protagonisten konzentriert. Ein dramaturgisches Prinzip, das bereits István Szabó in Taking Sides – Der Fall Furtwängler (2001) effektvoll angewandt hatte. Dabei musste sich der weltberühmte Dirigent Wilhelm Furtwängler im Zuge der Entnazifizierung gegenüber dem für seinen Fall zuständigen Offizier der US-Army, Major Arnold, für sein Verhalten in der Zeit des dritten Reichs rechtfertigen. Volker Schlöndorff greift nun anhand zweier historischer Persönlichkeiten an einer Schnittstelle der Zeitgeschichte Fragen von grundsätzlicher Natur auf. Seine Antagonisten fungieren dabei weniger als Charaktere dramaturgischen Zuschnitts sondern repräsentieren vielmehr exemplarische Haltungen und ideologische Positionen. Wobei das Gegensatzpaar nicht ganz so ausgeprägt ist wie in Taking Sides. Standen sich bei Szabós Film mit dem sich mittels seiner Kunst von der Welt abkapselnden und opportunistisch agierenden Furtwängler und dem rigiden Moralisten Arnold zwei weitgehend unversöhnliche Antagonisten gegenüber, sind die Standpunkte bei Schlöndorff nicht ganz so einzementiert. Das ist allein schon der Position Raoul Nordbergs geschuldet, der in Diplomatie im Bemühen Choltitz umzustimmen und Paris vor der Zerstörung zu bewahren, die unterschiedlichsten Argumentationslinien einsetzen muss – historisch, philosophisch oder schlicht an das Gewissen des Generals appellierend. Choltitz repräsentiert im Verlauf dieser Nacht die unterschiedlichen Haltungen, die Offiziere unter Hitlers Herrschaft eingenommen hatten. Das reicht von einer sich strikt auf die Befehlskette berufenden Pflichterfüllung, die zum Kadavergehorsam wird, über jene Form des Patriotismus, die Samuel Johnson als „die letzte Zuflucht eines Schurken“ apos-trophierte, bis hin zu nagenden Zweifeln, die schließlich in der Erkenntnis münden, dass das Prinzip von Befehl und Gehorsam in diesem Regime dem größten Sündenfall der Weltgeschichte den Weg geebnet hat. Den letzten Teil dieses Wegs  wollte Dietrich von Choltitz dann doch nicht mitgehen.

Das zähe Ringen der Protagonisten im Verlauf dieser Nacht gerät zum Lehrstück im besten Sinn, wobei eine Facette eine historisch zumindest verzerrende Perspektive liefert. Ein gewichtiges Argument, das von Choltitz in Diplomatie lange vorbringt, ist die Sorge um seine Familie, die er aufgrund der von den Nazis angewendeten Sippenhaft im Fall seiner Befehlsverweigerung ernsthaft bedroht sah. Nun ist diese perfide Methode, mit der der NS-Staat Terror ausübte, zwar Faktum, doch gerade in einem modellhaften Lehrstück, das das Verhältnis hoher Militärs zum Regime ausleuchtet, ein wenig irreführend. Wenn auch die Methoden eines diktatorischen Systems gewaltigen psychologischen Druck verursachen, so lässt sich das eifrige Mitmachen der Wehrmachtsführung über Jahre hinweg nicht mit der Furcht vor Repressalien argumentieren, die Gründe dafür waren nachweislich vielschichtiger und weit weniger nachvollziehbar als Angst um Leib und Leben der Angehörigen. Es hätte dieser Rechtfertigung für das Zögern des Generals, bis er schließlich doch seinem Gewissen folgte und sich Hitler widersetzte, gar nicht bedurft.

Dass sein Weg dahin ambivalent verlief, tut dem Respekt vor seiner Entscheidung keinen Abbruch, auch wenn man seine Motive geschichtswissenschaftlich heute ein wenig differenziert sieht. Der nach Kriegsende oft als „Retter von Paris“ apostrophierte Choltitz handelte dabei nicht nur uneigennützig, war ihm doch von alliierter Seite zugetragen worden, dass er im Fall der Zerstörung von Paris mit einer Anklage als Kriegsverbrecher zu rechnen habe. Zweifellos zählte Dietrich von Choltitz aber nicht zu jenen Durchhaltegeneralen vom Typus des berüchtigten Ferdinand Schörner, die bis in die allerletzten Kriegstage mit rücksichtsloser Härte weiterkämpfen ließen. Neue geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse verweisen auch darauf, dass sich Choltitz mit Fragen der Verantwortung schon länger auseinandergesetzt haben dürfte. Aus Protokollen von heimlich aufgenommenen Gesprächen, die hohe deutsche Offiziere in ihrem luxuriösen Gefangenenlager Trent Park nördlich von London – wo auch Choltitz nach seiner Kapitulation verbracht worden war –, die der Historiker Sönke Neitzel 2005 in dem  Buch „Abgehört“ veröffentlichte, geht hervor, dass der General einer derjenigen war, die nicht nur die Verwicklungen der Wehrmacht in den Holocaust bekannten, sondern auch persönliche Verantwortung zu übernehmen bereit waren. Auch das war vermutlich Teil jenes Nachdenkprozesses, der dazu führte, dass sich Dietrich von Choltitz schlussendlich doch von jenem Regime zu distanzieren wusste, dem er zu lange gefolgt war. Eine späte Entscheidung, doch im Gegensatz zu vielen anderen, die ihr Gewissen dauerhaft im Offizierskasino abgegeben hatten,  wenigstens am Ende ein Entschluss für das Anständige.