Anhell69 (2022, R: Theo Montoya)

Filmfestival

DOK Leipzig: Starke Dokumentar- und Animationsfilme

| Kay Hoffmann |
Gerade ging das gut besuchte 65. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm zu Ende. In dieser Mischung ein Alleinstellungsmerkmal.

Familien, Archivaufnahmen und Krieg – thematische Schwerpunkte waren Filme über die eigene Familiengeschichte, die oft historisches Filmmaterial nutzten sowie die Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine. So gab es eine neue Sektion „Panorama“ mit osteuropäischen Filmen und gezeigt wurden fünf Filme des ukrainischen Festivals DocuDays UA, das diesen März wegen des russischen Angriffs nur virtuell stattfinden konnte. Spannend war der direkte Vergleich zwischen dokumentarischen und animierten Produktionen.

Insgesamt war das Programm von DOK Leipzig ein überdurchschnittlicher Jahrgang. Ergänzt wurden die Filmvorführungen mit zahlreichen Veranstaltungen wie DOK Industry, dem Archivtag und Masterclasses, in denen die Themen vertieft werden konnten. Fünf ausgezeichnete Langfilme und sechs Kurzfilme sind diese Woche in Deutschland noch im DOK Stream 2022 zu sehen. Bei der Preisverleihung wurden insgesamt neun Goldene und Silberne Tauben sowie zahlreiche weitere Preise mit einer Gesamtdotierung von knapp 55.000€ vergeben und Sachleistungen in Höhe von 10.000€ (alle Gewinner unter https://www.dok-leipzig.de/auszeichnungen-jurys-0). Die Gewinner der Goldenen Tauben in den Internationalen Wettbewerben für Lang- und Kurzfilme qualifizieren sich für die Nominierung der Academy Awards.

Internationaler Wettbewerb

Im Internationalen Wettbewerb liefen insgesamt 13 lange Dokumentarfilme, darunter der fantastische neue Film von Nikolaus Geyrhalter Matter Out of Place über Müll und Müllentsorgung selbst in entlegensten Orten der Welt. Er bleibt seinem ästhetischen Konzept mit statischen Aufnahmen und dem Verzicht auf Kommentar und Interviews treu. Historische Aufnahmen aus der Kolonialzeit Niederländisch-Indiens, dem heutigen Indonesien, unterlegt ein Kollektiv in Tropic Fever mit Kommentaren eines damaligen Plantagen-Managers und ausgefeiltem Soundtrack. In Ciné-Guerrillas: Scenes from Labudović Reels porträtiert die serbische Filmemacherin Mila Turajlić den Kameramann Titos, den dieser 1959 in den Algerienkrieg schickte, um den Kampf um Unabhängigkeit der Algerier gegen die Franzosen zu dokumentieren. Es wird klar, wie wichtig schon damals Medien für den Krieg waren.
Die Goldene Taube im Internationalen Wettbewerb (mit 10.000€ dotiert), ging an Theo Montoya für Anhell69. Die internationale Koproduktion porträtiert eine junge, queere Generation im von Gewalt und Repression geprägten Kolumbien und wird als ganz reale Geistergeschichte in stimmungsvollen Bildern erzählt. „Ein furioser filmischer Bewusstseinsstrom, genährt vom menschlichen Lust- und Todestrieb“, heißt es in der Jurybegründung. Mit der Silbernen Taube für die beste Nachwuchsregie (6.000€) ausgezeichnet wurde Faustine Cros für A Life Like Any Other, das Porträt ihrer Mutter, die mit den Anforderungen der Mutterrolle hadert und depressiv wird. Für ihre Familiengeschichte nutzt sie die Aufnahmen des Vaters, der die Familie über Jahre filmisch begleitet hat.

Deutscher Wettbewerb

Im Deutschen Wettbewerb konkurrierten neun lange Produktionen, darunter Pepe Danquarts Porträt des Malers Daniel Richter oder Horst Emigholz’ Schlachthäuser der Moderne. Auch hier gab es einige Produktionen über die eigene Familie wie Blauer Himmel Weiße Wolken von Astrid Menzel über eine Kanufahrt mit ihrer dementen Mutter oder den berührenden The Homes We Carry von Brenda Akele Jorde über das Schicksal von Familien in der DDR, dessen Väter nach der Wiedervereinigung nach Mosambik zurückgeschickt wurden: Eine Tochter begibt sich auf Spurensuche und bekommt ein Kind mit einem Mann aus Mosambik. Tilman König porträtiert in König hört auf seinen Vater Lothar König, der in der DDR ein engagierter Jugendpfarrer war und sich für die Opposition und Umweltschutz stark machte. Nach der Wende engagiert er sich im Kampf gegen Rechtsradikalismus. Jetzt geht er in den Ruhestand, bleibt aber ein sperriger Typ. Die Goldenen Taube (3.000€) gewann hier Sönje Storm für Die toten Vögel sind oben. In dem Dokumentarfilm öffnet Storm den Nachlass ihres Urgroßvaters Jürgen Friedrich Mahrt. Der Landwirt und Naturkundler dokumentierte mit Hilfe der Sammlung von Tieren und von Fotografien die lokale Flora und Fauna. Er wies dadurch schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert das Artensterben sowie Vorboten der heutigen Klimakrise nach.

Drei Frauen gewinnen den Publikumspreis

Im Wettbewerb um den Publikumspreis ging die Goldene Taube (3.000€) an Drei Frauen von Maksym Melnyk, der anhand der Begegnungen mit drei selbstbestimmten Frauen das Landleben im ukrainischen Stuschyzja nahe der EU-Grenze porträtiert. „Dieser Film schenkt uns Bilder von Lebensfreude und Leichtigkeit. Bilder, die wir aus diesem Land aktuell nicht oft sehen. Er schafft Verbindungen und eint Menschen durch die Leinwand hindurch“, heißt es im Statement der Publikumsjury. Die Silberne Taube (1.500€) erhielt Olesya Shchukina für die russisch-französische Produktion Lada, Ivan’s Sister. Der animierte Dokumentarfilm erzählt von der Transition einer Frau, dessen Geschlecht bei der Geburt als männlich bestimmt worden war.