Wie man einen französischen Film erzählt, zeigt Patric Chiha in einer fragwürdigen Anbahnung.
Béatrice Dalle als Mathematikerin, Mitte vierzig, vom Alkohol angeschlagen, durchstreift in erotischer Spannung mit ihrem
17-jährigen Neffen Pierre (Isaïe Sultan) Parks, Lokale, Lebenserinnerungen. Der Schüler wirbt um die obsessive Persönlichkeit, bis die Faszination verpufft. Ein Wrack hier, offene Homosexualität dort.
In seinem ersten Langfilm reizt Patric Chiha, österreichisch-libanesischer Filmemacher mit Lebensmittelpunkt in Paris, einmal mehr Stimmungen und Orte aus. Für die von ihm verfasste Geschichte scheint er sich nicht sonderlich zu interessieren. Chiha treibt sie nur gemächlich voran. Seine Reize entfaltet Domaine als permanente, persönliche Standortbeschreibung, in denen die Augenblicke, das Unentschiedene, die Erwartungshaltung hinter schnöden bis gespreizten Sätzen – etwa über den österreichischen Mathematiker Gödel – selbst zu kleinen Narrationen werden. Chiha drosselt das Tempo bewusst, um diese Momente zu entfalten. Hier bekommen Schauspieler Raum, um in das Innere ihrer Figuren zu greifen.
Coming-of-age, anrüchige Liebesgeschichte oder ganz generell Genre-Ansätze interessieren den Filmemacher nicht so sehr, alles, was sich in dieser Dramaturgie verfestigen könnte, schraubt Chiha zurück. Die beiden Charaktere bewegen sich also recht frei durch den Film: in trotzigen Posen gegen die Umwelt, einander belauernd, spürbar durch den Reiz der Destruktion aneinander gebunden. So muss sich gegen Ende der gemeinsame Weg als Anomalie offenbaren.
Béatrice Dalle, sehr körperlich, offensiv und fatalistisch, ist in diesem Projekt die Idealbesetzung. So wie die französische Sprache, die Straßen, Häuserfassaden, das Tor eines Parks in Paris diesem kurzen Frühling auf Pump zuarbeiten. Dass den Figuren ein versuchter Betrug unterliegt (sie betrügen zumindest sich selbst), könnte ironischerweise auch von der Erzählhaltung selbst behauptet werden: Chiha erzählt wie ein Alter – dass er keiner ist, wen kümmert’s.
Wäre Domaine mit etwas weniger Künstlichkeit ausgestattet, wäre er auch um seine Magie des großspurig gelassenen Tonfalls ärmer. Aus österreichischer Sicht hat das seinen Reiz. Gegen Ende springt die Geschichte schließlich in einer paradoxen geografischen Wende auf den Semmering. Dort findet man nach vorangegangenen Exzessen zwar nicht einander, dafür aber einen Modus. Im Kurhotel im Wald ist Ehrlichkeit Devise.
