Wenn „Kevin – Allein zu Haus“ ein Horrorfilm wäre
Fans von The Evil Dead waren skeptisch, als Fede Alvarez, ein damals unbekannter Filmemacher aus Uruguay, im Jahr 2013 mit einem Remake von Sam Raimis Klassiker auftauchte, aber er ließ die Zweifel verstummen. Sein Zweitfilm Don’t Breathe gehört ganz allein ihm und zeigt, dass er auf eigenen Beinen stehen kann.
Die Prämisse ist simpel. Drei junge Hobby-Diebe (Jane Levy, Dylan Minnette und Daniel Zovatto) wollen ihre triste Existenz in Detroit für grünere Weiden in Kalifornien verlassen. Ein letzter großer Coup soll das ermöglichen. In der Gegend wohnt ein blinder Militärveteran, der auf einem Haufen Geld hockt, das ihm nach einem Unfall, der seine Tochter getötet hat, zugesprochen wurde. Der Mann ist blind, wie schwer kann es also sein, sich hinein- und hinauszuschleichen, wenn er schläft? Aber als die Teenager dort auftauchen, gehen die Dinge sofort schief, und der Mann im Haus, der einen offenkundig hungrigen Rottweiler besitzt, ist nicht ganz so hilflos. So wie auch Macaulay Culkin in Kevin – Allein zu Haus (Home Alone) kennt er sein Haus schließlich am besten. Während die Eindringlinge sich also in Schränken verstecken und versuchen, ihre Schreie zu unterdrücken, jagt der Hauseigentümer sie von einem Raum in den anderen, und es stellt sich heraus: Das ist weitaus beunruhigender zu beobachten als dauerndes Kreischen. Die Details sollten an dieser Stelle ungenannt bleiben, aber es soll erwähnt werden, dass es einen zutiefst unangenehmen Moment gibt, der die Baum-vergewaltigt-Frau-Szene in The Evil Dead fast in den Schatten stellt.
In einer anderen herausragenden Szene löst der Blinde einen Kurzschluss aus, der ihm die Oberhand gibt, während die anderen in der Dunkelheit herumstolpern. Und während alle Schauspieler solide Leistungen liefern, allen voran Stephen Lang als blinder, muskelbepackter Soziopath, so ist der eigentliche Star hier Fede Alvarez.
Er ist ein begnadeter Filmemacher, und mit seinem Kameramann Pedro Luque gestaltet er jeden Flur, jede Tür und jedes Fenster bedrohlich – stellenweise fast ohne Sound. Um sich auf das Katz-und-Maus-Spiel einlassen zu können, muss man über etliche Dinge hinwegsehen, die keinen Sinn ergeben, und einige Momente laufen Gefahr, in Slapstick abzugleiten, aber Alvarez hat einen Home-Invasion-Thriller geschaffen, der so unerbittlich und angespannt ist, dass man während seiner gesamten Dauer in einem konstanten Zustand der Unsicherheit schwebt. Alfred Hitchcock wäre vermutlich beeindruckt.
