Don't Come Knocking

DVD/Blu-ray

Don’t Come Knocking

| Jörg Becker |
Die Quadratur des Kreises – Mythos und Wirklichkeit

„Nostalgietour durch Marlborough Country“ annoncierte vor 20 Jahren das Feuilleton den Wenders-Film, nach dessen Galavorführung 2005 in Cannes 28 Ovationsminuten gemessen worden waren. Auch „Heim zu Mama“ hieß es, „Tragödie eines lächerlichen Mannes“; „Müde gewordener Cowboy-Darsteller auf dem Selbsterkenntnistrip“; „Von der Unmöglichkeit, aus einem Hopper-Gemälde zu entkommen“.

Auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit, zwanzig Jahre nach Paris, Texas (1984), quasi als dessen „B-Seite“ oder „Wiedergänger, ist in Don’t Come Knocking die Hauptfigur nicht nur ein paar Jahre abgetaucht, sondern ein Leben lang Cowboy gewesen – als Darsteller auf der Leinwand. Auf einmal lässt er drei Jahrzehnte hinter sich, kehrt wie aus einem Freiheitsdrang, der sich als Illusion erwiesen hat, zu einer Basisgeschichte zurück – der einstigen großen Liebe, dem nie gesehenen gemeinsamen Kind. Der Western sei das einzige Genre, so Wenders, das von dieser Sehnsucht nach Rückkehr und ihrem gleichzeitigen Verfehlen handle.

Es gibt hier immer beides: höchste artifizielle Klasse der Tableaus (Kamera: Franz Lustig), das filmische Auge und darin auch den Sinn für Ehrlichkeit, für die traurige, armselige Wirklichkeit hinter dem Mythos, für Auseinandersetzungen, Abrechnungen in puncto Charakterschwäche, Feigheit, Bindungsunfähigkeit – zu sehen in der Szene mit dem natürlichen Wechsel des Lichts, in dem Jessica Lange gegenüber dem Rückkehrer nach 30 Jahren mit einem Mal ihre ganze angestaute Wut ausagiert, großes authentisches Gefühlsdrama – wie in einem beeindruckenden Bühnenbild. In Wenders’ Worten habe man „die Quadratur des Kreises versucht“: „Wir haben in dieser mythologischen Landschaft versucht, einen Film zu drehen, der von der Wirklichkeit handelt – der die Menschen etwas angeht.“