„Muppets“-Regisseur James Bobin inszenierte einen unterhaltsamen Abenteuer-Familienfilm, der mit der wissensdurstigen Protagonistin ein besseres Role Model liefert als Lara Croft.
Das Karussell der Realverfilmungen in Hollywood dreht sich munter weiter: Nachdem wir uns in den letzten Monaten bei Dumbo, Aladdin und The Lion King eingestehen mussten, dass der Zauber von Disney nicht einfach so mir-nix-dir-nix in die reale Welt übertragbar ist, wir aber gleichzeitig trotzdem gespannt auf die neuen Versionen von Mulan, The Little Mermaid und Lady and the Tramp warten, lädt uns aktuell der Teen-Abenteuerfilm Dora und die goldene Stadt ein, eine packend-lehrreiche Reise in den Dschungel Perus zu unternehmen. Anders als der Rest der Realfilme basiert Dora nicht auf einen Disney-Klassiker, sondern auf der höchsterfolgreichen Nickelodeon-Trickserie Dora the Explorer, in der das aufgeweckte und wissbegierige Latina-Mädchen Dora in insgesamt 172 Episoden (von 2000 bis 2014) nicht nur den Dschungel kennenlernt, sondern mithilfe der (Vorschul-)Zuseher auch knifflige Rätsel löst und uns ganz nebenbei auch noch Fremdsprachen beibringt. Nun folgt der erste Kinoeinsatz in Realfilm-Optik, der streng genommen eine Fortsetzung der Serie ist: Denn Dora ist nun kein achtjähriges Mädchen mehr, sondern ein 16-jähriger Teenager.
Den Großteil ihres Lebens hat Dora (Nachwuchshoffnung: Isabela Moner) damit verbracht, mit ihren ebenso abenteuerlustigen Eltern (Michael Peña und Eva Longoria) durch den Dschungel von Peru zu streifen und dabei allerhand interessante Dinge zu entdecken. Auf ihr gefährlichstes Abenteuer konnten sie diese Reisen aber nicht vorbereiten: nämlich die Highschool! In Los Angeles ist sie erst einmal einsam, von ihrem geliebten Äffchen Boots musste sie sich verabschieden. Gott sei Dank lernt sie bald ihren Cousin Diego (Mark Wahlbergs Neffe Jeffrey), ganz in familiärer Tradition ebenso keinem Abenteuer abgeneigt, kennen. Während eines Schulausflugs zum Naturkundemuseum werden Dora, Diego und zwei ihrer Mitschüler von zwei hinterlistigen Gaunern entführt. Die wollen mithilfe von Dora das mystische Rätsel der verlorenen Stadt aus Gold lösen. Gleichzeitig verschwinden Doras Eltern spurlos. Ein spannendes Abenteuer für Dora und ihre Freunde beginnt, das sie durch den gesamten Dschungel führt. Ganz nach dem Motto: „You can get the girl out of the jungle, but not the jungle out of the girl …“
Ganz klar: Dora und die goldene Stadt von Regisseur James Bobin (The Muppets) richtet sich zwar immer noch an eine junge, aber doch deutlich ältere Zielgruppe als das Nickelodeon-Vorbild. Die ganz Kleinen wären mit der Story, aber auch den mitunter sehr garstigen Bösewichten überfordert. Teenager dürften aber ihre Freude an Doras neuem Abenteuer haben: Irgendwo zwischen Jumanji, Alice in Wonderland und High School Musical angesiedelt und dabei als abgespeckte Teen-Version von Tomb Raider und Indiana Jones inszeniert, spart die Realverfilmung nicht mit packenden Mitsing-Songs, vorsichtig nach oben geschraubten Spannungskurven, reichlich Humor, Figuren (obwohl oftmals hart an der Klischee-Grenze kratzend) mit großem Identifikationspotenzial und vor allen Themen und Problemen, mit denen sich Jugendliche weltweit herumschlagen müssen: dem Gefühl, ein Außenseiter zu sein, abwesenden Eltern, mobbenden Mitschülern sowie der Erkenntnis, dass Freundschaft das Wichtigste im Leben ist. All das macht Dora zu einem Abenteuerfilm, gegen den auch Pädagogen nichts einzuwenden haben dürften. Eltern wiederum erfreuen sich an den zahlreichen Indy-Verweisen.
Es wäre aber nicht im Sinn der Sache, würde sich Dora zu sehr von der Mutterserie wegbewegen: Also gibt es nach wie vor zahlreiche Szenen, in denen Dora die vierte Wand durchbricht und das Publikum augenzwinkernd auffordert, ihr nachzusprechen – die vielleicht stärksten Stellen im Film. Die Protagonistin selbst wird immer noch von ihrem Wissensdurst getrieben, ist enthusiastisch, aber gleichzeitig naiv unbekümmert und stets optimistisch – sicherlich ein für Mädchen passenderes Abenteuer-Role-Model als Lara Croft. Der sprechende Rucksack wird zum endlosen Wunderrucksack, und Songs dürfen immer noch völlig deplatziert geträllert werden. Eine zynische Satire ist Dora natürlich trotzdem nicht geworden, eher eine liebevolle Weiterentwicklung der Franchise (dass ein zweiter Teil der Realverfilmung kommen wird, darf angenommen werden). Die größte Stärke des Films liegt aber vielleicht darin, dass um Whitewashing ein großer Bogen gemacht wurde: Alle Latino-Charaktere werden ausnahmslos von Latino-Schauspielern (inklusive Stars wie Peña und Longoria) mit sichtlicher Spielfreude verkörpert, Race ist allgemein kein Thema im Dora-Universum. Da verzeiht man auch die wenig spektakulären Kulissen, die ungewollt lustigen Special Effects, das hohe Kitschlevel sowie die vorhersehbare Story.
