Dossier – Animationsfilm –Welt im Wassertopfen

Welt im Wassertopfen

| Sieglinde Hamacher |

Über beabsichtigte und unerwartete Wirkungen von unbequemen Themen.

Die adäquateste künstlerische Form, eine Geschichte im Zeichentrickfilm zu erzählen, ist die Parabel. Sie ist ein Gleichnis auf die Welt und das Leben und auch im besten Sinne lehrhaft. Mit Hilfe der Parabel kann man die Welt durch die künstlerische Phantasie betrachten. Die Welt kann man ja nicht wie in einem Foto abbilden, sondern in Sinnbildern und Gleichnissen, in einer anderen Weise als der der Erscheinungen. Die Wirkung aber, die man haben wird, ist nicht genau vorher zu bestimmen! In dem Film Kontraste (1982) nach dem Märchen Ein Wassertropfen von Hans Christian Andersen zeigte sich das exemplarisch. Im Originalmärchen zeigt ein Professor einem Freund unter dem Mikroskop einen Wassertropfen und fragt ihn, was das wohl sei. Der Freund blickt durchs Mikroskop und sieht unheimliches Durcheinander, Hauen und Stechen, Verfolgungen, Liebe und Leid und ist sofort davon überzeugt, daß es sich nur um die Stadt Paris handeln kann, denn nur dort können sich solche wüsten Dinge abspielen.

Ich musste nun das Innenleben des von Andersen geschilderten Wassertropfens gestalten. Das Leben im Wassertropfen naturalistisch darzustellen, könnte vielleicht die Aufgabe eines wissenschaftlichen Dokumentarfilms sein. Ich dagegen konnte zeigen, was ich an bewussten und noch mehr an unbewussten Erfahrungen in mir hatte. Das Leben im Mikrokosmos künstlerisch zu gestalten, war eine reizvolle Aufgabe. Als adäquate Lösungsform sah ich verschiedene in sich geschlossene Szenen, die als verbindendes Element von einem spinnendürren Mann zusammengehalten wurden, den eine voluminöse Frau verfolgt.

Außerdem setzte ich neue grafische Mittel ein. Alles selbst zu gestalten, jede Phase selbst zu zeichnen, nur mit Buntstiften und Kugelschreiber zu arbeiten, bedeutete das Finden eines neuen Stils, einer neuen Ästhetik. Die neuen Mittel haben aber auch ihre besonderen Gesetze. Vieles, was man bildnerisch darstellen will, entwickelt sich oft erst beim Zeichnen. Viele Szenen sind ausgedacht, haben mit der Wirklichkeit nicht immer viel zu tun. Ich ließ meiner Phantasie freien Raum. In jeder Szene traten neue Figuren auf, ohne den gestalterischen Gesamtrahmen des Films zu verletzen. Diese verschiedenen gestalterischen Mittel setzte ich ein, um das Geschehen auf verschiedenen Ebenen zu erzählen. Das war reizvoll und erzeugte ästhetisches Vergnügen. Kunstfiguren und die starke Künstlichkeit waren dem Gegenstand „Leben im Wassertropfen“ angemessen und steigerten die Wirkung.

Noch ahnte ich nicht, dass diese Szenen – zum Teil abstrahiert und stark überhöht – als Kritik an der Gesellschaft gewertet werden könnten. Untergründige Prozesse bringen diese Wirkungen hervor. Man kann sie nicht vorausplanen, man kann ihre Stärke nicht messen. Die Wirklichkeit, die reale Welt ist natürlich immer der Ausgangspunkt. Die Auflösung des Films zeigte, daß sich das Gesehene in einem Wassertropfen abgespielt hat. Der Wassertropfen, der zum Schluss auf die Erde fällt und neues Leben entstehen lässt, ist eine neue positive Qualität.

Während der Abnahme eines Films bei der Hauptverwaltung Film in Berlin waren außer den Vertretern des Ministeriums immer auch Vertreter von DEFA-Außenhandel und Progreß Film-Verleih anwesend. Nach der Vorführung wurden Qualität und Vertriebschancen eingeschätzt; danach erhielt der Film die staatliche Zulassung. Das bedeutete, er war „abgenommen“ und für In- und Ausland freigegeben. Nicht so bei meinem Wassertropfen, der, um seine Schlussauflösung nicht vorweg zu nehmen, unter dem Titel Kontraste lief. In Berlin sagte mir ein Vertreter der HV Film, dass keine Vorführung oder gar Diskussion stattfinden werde. Man habe sich Kontraste bereits angesehen, und er könne die staatliche Zulassung nicht erhalten. Man war äußerst aufgeregt, aber Begründungen für diese vernichtende Entscheidung wurden nicht gegeben. Der Film war nun nicht nur abgelehnt, man vernichtete sogar das Negativ!

1990 sah sich in Berlin eine Kommission des Film- und Fernsehverbandes diesen Film an, er wurde freigegeben und das Geld bereitgestellt, um vom einzigen noch vorhandenen Positiv ein neues Negativ zu ziehen.

Lebensbedürfnis

Eine ganz andere künstlerische Gestaltung wählte ich bei dem Film Lebensbedürfnis oder Arbeit macht Spaß (1989, Premiere: Mai 1990). Hier arbeitete ich mit realistisch gezeichneten Menschen. Ich wählte einen Stil, den die Zuschauer von sozialistischen Bildwerken kennen: starke, gesunde und Optimismus ausstrahlende Arbeiter, die mit Kraft und Lust ans Werk gehen. Weil aber in der modernen Industriegesellschaft die Prozesse und Zusammenhänge der Produktionswelt und ihre Wechselwirkungen zum Markt für den Einzelnen schwer zu durchschauen sind, hatte ich folgende Idee: Ich zeigte einen Arbeiter und eine Arbeiterin, wie sie zu einer mitreißenden Musik, die über einen Betriebslautsprecher übertragen wird, begeistert schuften. Die zwei arbeiten scheinbar unabhängig voneinander. Der Mann zertrümmert riesige Steine. Der entstandene Steinstaub wird unter verschiedenen Zusätzen in Formen gegossen. Durch weitere Arbeitsgänge entstehen nun schöne neue Steine, die von einer Frau auf einen Wagen gestapelt werden. Der Wagen fährt dann zu dem Mann, um neues Material zum Zertrümmern zu liefern. Zum Schluss wurde das Filmbild zur Totalen aufgezogen, und der Zuschauer sah erst jetzt die Sinnlosigkeit des Vorgangs, der aber den beiden Arbeitern verborgen blieb. So versuchte ich, den Zuschauer über die Situation einer idealisierten Arbeitswelt durch satirische Zuspitzung der Arbeitszusammenhänge aufmerksam und nachdenklich zu machen. Es gab aber im Ministerium Menschen, die diese Darstellung als unerwünschte Kritik am sozialistischen Staat sahen. Filme von gesellschaftlicher Prägnanz, die doch gewollt und erwünscht waren, sah man nun als Gefahr an. Um die Arbeitsfreude so recht zum Ausdruck zu bringen, flatterten im Rhythmus der Musik rote Fahnen im Hintergrund. Den Abspann schrieb ich auf eine neutrale weiße Fahne, die sich gut gegen den blauen Himmel abhob. Im Ministerium bat man mich, einige Korrekturen vorzunehmen. Eine große, rote, bildfüllende Fahne musste ich entfernen und die weiße Fahne im Abspann, die als Kapitulation gedeutet wurde, herausnehmen. Ich konnte die Änderungen machen, ohne die Aussage und die künstlerische Qualität des Film zu beschädigen. So hatte ich Glück, dass der Film eine staatliche Zulassung bekam, obwohl er starke Kritik an einer verklärten Arbeitswelt zum Ausdruck brachte und gesellschaftlich viel prägnanter war als die vergleichsweise harmlosen Kontraste. Außerdem erhielt ich auf der Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche den Preis des RGW (Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe). Die sozialistische Wirtschaftsgemeinschaft des Ostblocks hatte Verständnis und Vergnügen an meiner Darstellung der Arbeitswelt.

Okkupation

Eine überraschende Wirkung erzielte ich mit dem Film
Okkupation (1990). Die Geschichte erzählt die Erlebnisse eines kleinen, unscheinbaren Mannes, der immer wieder von einem sehr großen, wuchtigen Mann überholt wird. Wohin der Kleine auch geht, der Große ist immer zuerst da. Das geht so weit, dass sich der Große in der Wohnung des Kleinen einnistet und letztlich dessen ganzen Lebensraum okkupiert. Auch bei der Polizei findet der Kleine keine Hilfe. Er muß dem Großen dienen und wird am Ende aus seinem eigenen Haus verjagt. Es ist ein Gleichnis über die Großen, die die Kleinen und Bescheidenen unterdrücken. Hilflos verliert der Schwache den Kampf gegen den Übermächtigen. Okkupation wurde in der DDR begonnen, während der Wendezeit weiter produziert und in der BRD fertiggestellt, wo er das Prädikat „wertvoll“ bekam. Man sah in der Geschichte ein gelungenes Beispiel dafür, wie die starke BRD die kleine, hilflose DDR okkupiert hatte. Der Film wurde ganz anders verstanden als beabsichtigt. Auch die Zeitumstände wirkten auf die Rezeption ein. Die Phantasie der Menschen änderte unbewusst die Aussage, und es entstand eine nicht beabsichtigte, unverhoffte Wirkung. Aus dem Gleichnis „Der große Starke unterdrückt den kleinen Schwachen“ las man nun die Darstellung des konkreten Ereignisses.

Der Schafswolf

Die Leitung des DEFA-Trickfilmstudios gab mir des öfteren den Rat, lustigere Filme zu machen. Man meinte, meine Filme wären zu ernst, endeten oft in der Katastrophe oder mit dem Tod. Dazu fiel mir eine Bemerkung von Ernest Hemingway ein: „Das Alter, die Krankheit und der Tod“, so sagte er, „stehen am Ende eines jeden individuellen Lebens. Jede Geschichte geht aus diesem Grunde traurig aus.“ Es stimmte natürlich, dass einige meiner Filme ernste Probleme aufgriffen und sogar mit dem Tod des Protagonisten endeten. In Der Schafswolf (1985) beispielsweise wurde der Wolf, der sich als Schaf maskiert hatte, um unerkannt in die Schafsherde eindringen zu können, von einem anderen Wolf als Artgenosse nicht erkannt und deshalb gefressen. Diesmal wurde mir bescheinigt, zwar einen recht lustigen Film gemacht zu haben, aber – das Ende! Nach einem Kampf zwischen den beiden Wölfen zeigte ich eine kleine Waldlichtung, auf die abgenagte Knochen flogen, darüber legte ich den Abspann.

Trotz des grausamen Todes lachte das Publikum natürlich über das Schicksal des Schafswolfs und verstand die Botschaft der Geschichte. Da der Film den Wunsch nach Lustigkeit erfüllte, brauchte ich nur die Schlusseinstellung zu korrigieren, das heißt, es durften nur einige wenige Knochen auf die Waldlichtung fliegen. Die Begründung für die verlangte Knochenreduzierung war: Man kann unseren Menschen solche grausamen Bilder nicht zumuten!

Ein friedlicher Tag

Schwieriger war das Problem mit dem Stoff „Fragwürdige Sicherheit“. Es ging um das Schicksal eines kleinen Käfers, der von einem gefräßigen Vogel verfolgt wird. Die Situation des Käfers war lebensbedrohlich, aber nach einigen riskanten und gefährlichen Erlebnissen gelang es ihm doch, sich in einer dunklen, engen Höhle in Sicherheit zu bringen. Der Vogel versuchte vergebens, den Käfer zu fassen. Er musste sogar Reißaus nehmen, da er nun seinerseits von einer Katze bedroht und gejagt wurde. Der Käfer lachte hämisch und fühlte sich als Sieger. Da aber sah der Zuschauer, dass er sich unter der Schuhsohle eines lustigen Musikanten verkrochen hatte. Der Musiker beendete sein Geigenspiel, erhob sich und zertrat dabei den Käfer. Vermutlich erkannte man die Qualität der Geschichte, und ich durfte den Stoff machen. Aber der Titel „Fragwürdige Sicherheit“ musste geändert werden. Die politische Auffassung in der DDR war ja, dass man im sozialistischen Staat unbedingt in Sicherheit lebt, und diese durfte nicht in Frage gestellt werden. Dass es eine Illusion ist, Sicherheit zu garantieren, war der Leitung fremd. Außerdem sollte ich die Figuren nicht selbst entwerfen, sondern einen Gestalter nehmen, der bunte, heitere Tiere entwirft, damit der Kampf Vogel/Käfer nicht von vornherein optisch zu grausam ausfällt! (Dass ein Kampf auf Leben und Tod mit niedlichen Tieren noch aggressiver wirkt, da man es von solch freundlichen Wesen nicht erwartet, erkannten die Auflagengeber natürlich nicht.) Ein Gestalter, der mir bunte und naiv aussehende Figuren entwickelte, war schnell gefunden, und wir nannten die Geschichte in Umkehrung des traurigen Endes Ein friedlicher Tag. Der Film wurde ein großer Erfolg, er bekam das Prädikat „besonders wertvoll“ und lief als einziger DEFA-Film im Wettbewerb der Berlinale.

Unwirkliche Orte

Die Wirkung der Zeichentrickfilme, beziehungsweise ihre Auswirkungen, wurden oft sehr überschätzt. Das führte, wenn es ums Beurteilen der Stoffe ging, bei der Leitung des Studios zu Ängstlichkeit und Kleinmütigkeit. Man glaubte in den Geschichten sehr schnell und meist unbegründet eine Kritik an der sozialistischen Gesellschaft zu entdecken. Am meisten fürchtete man die Parabel, weil es möglich war, den im Film gezeigten konkreten Vorgang gleichnishaft auf verschiedene Situationen unseres Lebens zu übertragen. Die Vieldeutigkeit einer Geschichte verunsicherte, führte zu Misstrauen gegen gute Ideen und Stoff, die vielfach in Mappen liegenblieben und nie realisiert wurden. Aber gerade mit der Parabel kann ich eine Aussage besonders gut zum Ausdruck bringen. Durch Überspitzung des Geschehens erreicht man beim Publikum. daß es nachdenklich wird und, wie im Friedlichen Tag, die Sicherheit im Leben eben doch in Frage stellt.

Ich muss übertreiben, muss den Käfer zertreten lassen, er muss sterben, um beim Zuschauer Nachdenken und einen Aha-Effekt hervorzurufen. Positive Schlusslösungen wirken dagegen oftmals platt und können das Problem nicht erfassen. Um das Typische zu zeigen, benutzte ich den extremen Fall. Der Zustand einer Gesellschaft kann sich aber auch über eine private Geschichte verdeutlichen wie in Okkupation, dem Sieg des Starken über den Schwachen. Wichtig ist zudem der Ort der Handlung. Damit ich nicht nur zeige, was uns umgibt, was wirklich ist, was man unmittelbar kennt und erlebt, gehe ich in Phantasiewelten, in imaginäre Räume. Weder in Kontraste noch in Kontraste ist der Ort der Handlung konkret benannt. In Okkupation spielt Handlung in einem Haus irgendwo. In Kontraste sind es unwirkliche, nur in der Einbildung bestehende Orte. Damit erreichte ich eine starke Konzentration auf die Fabel. Offiziell war man auf einen idealisierten Naturalismus erpicht, der „Sozialistischer Realismus“ genannt wurde. Dieser war für meine Zeichentrickfilme untauglich, und deshalb konnte und wollte ich ihn nicht bedienen.