Dossier – Ansichten des Natürlichen

Ansichten des Natürlichen

| Alexandra Seitz :: Michael Pekler |

Achtzehn Miniaturen

Greed
(USA 1924, Erich von Stroheim)

Ausdauernd, verzahnt in Hass und Missgunst, haben McTeague und Marcus gegeneinander gekämpft. Um Trinas gehüteten, begehrten Goldschatz. Und nun ereilt sie das Ende am passenden Ort, im Death Valley. Erbarmungslos gleißt die Sonne vom Himmel, auf den erschlagenen Marcus, der mit Handschellen an den erschöpften McTeague gefesselt ist. Fünfzig Grad im Schatten. So es denn Schatten gäbe. Um die Männer her nichts als Stein und Geröll und die große Gleichmut der vom Gold nicht zu beeindruckenden Erde, die soviel größer ist und soviel mächtiger und die das in diesem Moment mit gottgleicher Erbarmungslosigkeit in ihre nichtsnutzigen Sturschädel hämmert. Welche Vergeblichkeit! Welche Verschwendung!

Grass
(USA 1925, Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack)

„Grass“, der Zwischentitel hallt wie ein Sehnsuchtsruf in diesem Stummfilm, in dem zwar kein animierter Riesenaffe duch einen gemalten Urwald poltert, der aber doch mindestens ebenso phantastisch wirkt und nicht weniger dramatisch ist. Cooper, Schoedsack und die Journalistin Marguerite Harrison begleiten eine Gruppe Bachtiaren (ein Nomadenstamm im südwestlichen Iran) auf seiner alljährlichen strapaziösen Wanderung vom Sommer- ins Winterlager, zu den fetten grünen Weiden, die das Überleben sichern. Männer, Frauen, Kinder, Hausstand und Vieh sind unterwegs. Barfuß über Schneefelder und steile Bergpässe, durch Sturm und Kälte und einen reißenden Fluss. Die Menschen stemmen sich mit ihrer ganzen Kraft gegen die Gewalten der Natur und die Natur stemmt sich mit all ihren Gewalten dagegen. Es ist ein zähes Ringen. Es ist der alte Kampf um Leben und Tod.

Steamboat Bill, Jr.
(USA 1928, Charles Reisner und Buster Keaton)

Ein Hurrikan fegt durch River Junction. Alles weht davon und fliegt herum, die Gegenstände geraten in Bewegung. Als sich das Hospital mit dem Wind davon macht und er in seinem Krankenbett durch die Straßen saust, erwacht endlich auch Willie aus seiner Bewusstlosigkeit. Oh Schreck! Die Suche nach einem sicheren Ort erweist sich als ausgesprochen schwierig. Der Sturm bläst ihn in die Horizontale, das Schließen einer Tür verwandelt ein Haus in Streichhölzer, im Vaudeville-Theater spielen die Requisiten verrückt. Buster Keaton wirbelt herum wie ein Blatt im Wind, und möglicherweise erzeugt überhaupt er erst diesen Wirbel und bildet das Auge des Sturms. Und er wagt jenen Stunt, der ihm einen Ehrenplatz in der Ewigkeit sichert: Er lässt eine ganze Hauswand auf sich herabfallen, und steht dann ungerührt in der Aussparung eines Dachfensters.

The Wind
(USA 1928, Victor Sjöström)

„Der Mensch … schwach  aber beharrlich stellt er sich dem ewigen Kampf mit der Natur. Nach und nach entschlüsselt er ihre Geheimnisse, bändigt ihre grimmigen Elemente – und erobert die Erde!“ Wenn er vorher nicht am Rande des Wahnsinns andere Menschen tötet, so wie Lillian Gish, die Jungfrau aus Virginia, die in den Westen kommt und im Sandsturm landet. Unaufhörlich bläst der Wind durch die Ebene und die Ritzen des kleinen Häuschens, das eine Farm sein soll. Eifersucht, Hass, Vergewaltigung. Immer wieder Bretter, Dielen, schlagende Fenster und Sand. Sand wohin man schaut. Und dazwischen schnaubend das weiße indianische Geisterpferd in einer Überblendung.

The Wizard of Oz
(USA 1939, Victor Fleming)

Der Tornado ist ein Musselin-Strumpf inmitten von Miniaturen und das aus dem Himmel stürzende Haus fällt in Wirklichkeit auf den mit Wolken bemalten Studioboden. Das Land Oz ist von Kansas aus eben nur mit ganz besonderen Mitteln zu erreichen. Und der Unterschied zwischen beiden beschränkt sich auch nicht nur auf den Wechsel von Sepia zu Technicolor. Der Unterschied liegt auf der Leinwand, die den Kinosaal vom Land jenseits des Regenbogens trennt. Um dieses Reich der Phantasie zu erreichen, muss die Welt aus den Fugen gehen, müssen die Naturgesetze aufgehoben werden. Die Behauptung, dass es zu Hause doch am schönsten sei, soll lediglich sicherstellen, dass wir wiederkommen.

Moby Dick
(USA 1956, John Huston)

„Call me Ishmael.“ So beginnt die berühmte Geschichte vom weißen Wal, Moby Dick, und seiner Nemesis, Käpt’n Ahab – und dessen Nemesis, dem weißen Wal. Moby Dick, der Ahab sein Bein nahm. Der ihn aus dem Gleichgewicht brachte und ihn im Innersten verwundete. So dass Ahab ihn jagen muss, wie besessen jagen, Moby Dick, das Riesentier, das sich ihm nicht untertan machen wollte. In dem Ahab das Böse erkennt und den Auftrag zur Demut verkennt. Braun, rosa, grau leuchtet das Meer in Technicolor, blau, rot und grün strahlt der Himmel. Und als Moby Dick schließlich auftaucht, da ist seine Haut nicht weiß, sondern mannigfach gezeichnet von den Spuren des ewigen Kampfes, der sein Leben ist. Er kommt, um Käpt’n Ahab zu holen, Moby Dick, der große weiße Gott.

Kumonosu Jo
(Das Schloss im Spinnwebwald, Japan 1957, Kurosawa Akira)

Die beiden Samurai-Generale Washizu und Miki sind auf dem Weg zum Schloss ihres Befehlshabers; es gilt, einen berüchtigt in die Irre führenden Wald zu durchqueren. Nebel zieht auf. Schon haben die beiden Reiter die Orientierung verloren! Reiten mal von rechts nach links durchs Bild, dann wieder von links nach rechts, von oben nach unten, von unten nach oben, kreuz und quer und hin und her. Der Wald steht und schweigt, die Nebelschwaden wabern. Oder strecken sich die Äste wie greifende Arme? Verdichtet sich der Dunst zum undurchdringlichen Hindernis? Pferde wiehern panisch, stoßartig geht der Atem, Geschirr und Waffen klirren, spürbar näher kommt die Bedrohung. Es will einem wie eine Ewigkeit scheinen, in der der Wald seine Gestalt wandelt, sich verwandelt in die Heimstätte des Schicksalsfaden spinnenden Geistes. Wo sonst sollte der auch wohnen?

The Big Country
(USA 1958, William Wyler)

„It’s a big country“, muss sich das Greenhorn aus dem Osten wiederholt von den wettergegerbten Einheimischen anhören. Die Liebe hat James McKay in den Westen verschlagen und der Westen ist groß. So groß, dass die unvermeidliche Prügelei mit Ranch-Vormann Steve Leech – begeistert, förmlich mit Anlauf springt der in seine Jeans hinein, als es eines Nachts endlich soweit ist – in einer Totalen stattfindet, die die beiden Kämpfer auf die Größe von Ameisen schrumpfen lässt. Lange währt der siegerlos bleibende Kampf in der Weite der Prärie. Lediglich der Mond und die Sterne und ein möglicherweise vorbeistreunender Coyote sind Zeugen dieses Beweises von Männlichkeit, der zudem ein schlüssiges Bild für die Fruchtlosigkeit menschlicher Bemühungen liefert.

Figures in a Landscape
(Im Visier des Falken, Joseph Losey, GB 1970)

Er wisse nicht, wessen Land das sei, meint Robert Shaw, kurz bevor er am Ende des Films über die blendend weißen Schneefelder den verschneiten Pass erreicht, der Sicherheit verspricht. Oben, hinter den hellblauen Grenzsteinen, warten die Soldaten in Uniform und Schneemasken und bewegen sich keinen Schritt auf die Flüchtenden zu. Dann hört man schon von weitem das dröhnende Geräusch des schwarzen Helikopters, und Shaw kehrt um, vergisst die soeben überstandene Nacht im strömenden Regen, das Leid und den Schmerz. Nur die Rache zählt. Umsonst. Shaw, im Laufe des Films auf der Flucht mit der Natur eins geworden, liegt da. Im besten Film Loseys, ein dunkler Fleck im weißen Schnee.

Silent Running
(Lautlos im Weltraum, Douglas Trumbull, USA 1972)

Das Paradies. Langsam gleitet die Kamera über rote, lila und weiße Blüten. Berührt fast jeden einzelnen Tautropfen, der sich auf die Blätter gelegt hat, um den Blick über Schnecken und Schildkröten schweifen zu lassen. Frösche. Kaninchen. Stufen der Evolution. Ein Mann im hellen Kittel, ein Missionar der besonderen Art. Er ist Mensch und Schöpfer zugleich. Das, was von der Erde übrig blieb, ist in einem Raumfrachter gelandet. Hat die Menschheit zu lange Gott gespielt, um das letzte Stück Natur wie einen kostbaren Schatz zu bewahren? Als kleiner Junge habe er einmal eine Flasche mit einem Zettel, auf dem sein Name stand, ins Meer geworfen, erzählt Bruce Dern als Missionar der Welt. Nie habe er erfahren, ob sie gefunden worden sei. Heute schickt er eine andere Flaschenpost als Erbe der Menschheit ins Weltall. „Take good care of the forest, Dewey.“

Picnic at Hanging Rock
(Picknick am Valentinstag, Peter Weir, AUS 1975)

Für das Verschwinden der Menschen in der Natur braucht es keine Erklärung, es braucht aber auch keine Magie. “What we see and what we seem are but a dream, a dream within a dream.” Drei Mädchen, die sich aufmachen, um für ein Picknick ein kleines Felsmassiv zu erkunden, kehren nicht zurück, und auch eine Erzieherin des Mädchenpensionats ward nicht mehr gesehen. Nur eine rote Wolke steht über dem australischen Zauberberg, nervöse Pferde und aufgescheuchte Vögel hätten Warnung sein können. Doch wenn man genau hinsieht, kann man erkennen, was die Kamera aus dem Gestein herausschält: eine Fratze.

Der Tod des Empedokles oder Wenn dann der Erde Grün von neuem Euch erglänzt
(BRD/F 1987, Danièle Huillet und Jean-Marie Straub)

Er prägte die Vier-Elemente-Lehre von Feuer, Erde, Wasser und Luft: Empedokles, der aus Sizilien stammende Vorsokratiker, der sich der Legende nach in den Ätna stürzte. „Der Tod des Empedokles“ heißt ein von Friedrich Hölderlin hinterlassenes Dramenfragment, das Material liefert für einen Film von Straub/Huillet. Oder vielmehr: Eine Übung in Askese. Doch wie passend: all das Pathos aus dem Text des armen wahnsinnigen Hölderlin getrieben und all die Theatralik aus dem Leben der Figur. Ein Mann steht im Grünen und redet. Feuer Wasser Erde Luft. Mehr ist nicht da. (Oder?)

Mononoke Hime
(Prinzessin Mononoke, Japan 1997, Miyazaki Hayao)

Wenn der Waldgott sich durch sein Reich bewegt, dann sprießen Blumen und Kräutlein aus jedem seiner Schritte und Tritte. Der Waldgott kann auf dem Wasser gehen und sein Hauch spendet Leben. Er sieht aus wie ein Hirsch, sein Geweih ähnelt einer Krone und in seinem weisen Affengesicht breitet sich ein Ausdruck von Verwunderung aus, als ihm der Kopf abgeschlagen wird. Von fleißigen kleinen Menschen, die das Holz seines Waldes in ihrer Eisenhütte verfeuern wollen. Gott ist tot – und alles gerät aus dem Gleichgewicht. Faulige Dunkelheit macht sich breit. Reue auch. Da ist es ein Glück, dass in einer gezeichneten Welt Versöhnung möglich ist und am Ende die Utopie einer höheren Ordnung steht.

The Ice Storm
(Der Eissturm, Ang Lee, USA 1997)

New Canaan, Connecticut. Thanksgiving. Ein Sturm zieht auf über den Fassaden der gläsernen Häuser und der Scheinheiligkeit. Dass er kommen wird, ist gewiss, denn er kündigt sich bereits an, und die Vorboten sind unübersehbar. Aber es ist kein gewöhnlicher Sturm, sondern einer von tödlicher Schönheit. Ein Eissturm. Der Wind lässt die Eiszapfen in den Bäumen klirren, und der Junge, eingehüllt in seinen dicken, roten Anorak, genießt die Einsamkeit der Nacht. Vollmond. Andacht. Ein elektrischer Sprühregen, und einen Moment später gleitet ein lebloser Körper über den spiegelglatten Asphalt. Ein Film wie eine Katastrophe. Die äußere und die innere Erstarrung haben ihr Opfer gefunden.

The Thin Red Line
(USA 1998, Terrence Malick)

Eigentlich ist es ein ganz normaler Hügel. Bewachsen von hohem Gras, das saftig in der Sonne glänzt und sich sanft im Wind wiegt. Doch er liegt auf der japanisch besetzten Dschungel-Insel Guadalcanal und im Verlaufe der von August 1942 bis Februar 1943 währenden Schlacht um diesen unschuldigen, im Pazifikkrieg aber strategisch wichtigen Flecken Erde muss dieser Hügel erobert werden. Am Morgen des Angriffs geht die Sonne mit einem zarten Spektakel auf, das Lt.Col. Tall an Homer erinnert: „Eos rhododoctoros…rosy-fingered dawn”, sagt er und gibt das Signal. Während sich nun also der Tag mit Rosenfingern übers Firmament vorantastet, tasten sich die Soldaten durch die Wiese hügelaufwärts. Und oh wie trügerisch ist diese Wiese. Sanft streicht der Wind über das hohe sonnenbeschienene Gras, in dem die Soldaten sang- und klanglos auf Nimmerwiedersehen verschwinden, als von oben Maschinengewehr und Artillerie einstimmen und dem Wind und dem Licht ihr Feuer beigesellen.

Limbo
(Wenn der Nebel sich lichtet, John Sayles, USA 1999)

Das Wasser hat ihm vor fünfundzwanzig Jahren das größte Unglück seines Lebens beschert, zwei Männer sind damals in den Fluten vor Alaska ertrunken. Vielleicht bietet sich nun für David Strathairn als wortkarger Fischer eine zweite Chance. Noch einmal hinaus auf die hohe See, doch wie die Lachse, die John Sayles zu Beginn diese Films zeigt – Hunderte, vielleicht Tausende –, müssen auch der Mann, die Frau und das Mädchen auf der einsamen Insel ums Überleben kämpfen. Was die Natur hier im hohen Norden hergibt ist nicht viel und doch alles. Am Abend errichten die Gestrandeten ein Lagerfeuer, und das Mädchen liest aus einem Tagebuch vor, das sie in einer verlassenen Hütte gefunden hat: Geschichten einer Vorgängerin, wie die Erwachsenen glauben, doch die Seiten sind leer. Das Schicksal dieser Familie erfüllt sich erst jetzt und hier.

Gerry
(USA 2002, Gus Van Sant)

Es geschieht unmerklich. Gerry und Gerry steigen aus dem Auto, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Sie marschieren los, ab ins unwirtliche Gelände, zwischen Kakteen, Felsbrocken, Sträuchern hindurch, über Hügel hinweg. Sie unterhalten sich und geben nicht Acht auf ihre einförmige Umgebung. Die lässt sich nicht ungestraft derart unterschätzen und macht aus ihrer Einförmigkeit eine Waffe. Gerry und Gerry verlaufen sich, sie laufen und laufen, durch die jordanische Wüste, die argentinische Pampa, die Salt Flats von Utah, das Death Valley Kaliforniens. Ihre Köpfe wippen auf und nieder, im Rhythmus ihrer durch den Sand knirschenden Schuhe. Das Land verschlingt sie. Speit Reste aus.

Sud Pralad
(Tropical Malady, Thailand 2004, Apichatpong Weerasethakul)

Es sieht aus, als habe einer mitten im Dschungel einen riesigen Christbaum dekoriert. Es sind Glühwürmchen. Doch es könnten auch kleine leuchtende Geisterwesen sein, wie jene, die Miyazakis Wälder bevölkern. Schließlich sprechen in diesem Dschungel die Affen, und Raubkatzen nehmen mitunter die Gestalt von Menschen an, um diese in die Irre zu führen. Es gibt keinen Widerspruch zwischen dem konkreten wuchernden Grün und den Behauptungen, die Märchen und Legenden über dessen Wesen aufstellen. Deswegen ist der Blick in die Augen des Tigers, der uns so überraschend geschenkt wird, ein Blick in eine andere Welt. Und diese Welt schaut zurück.