Dossier Australien – Qualitätsgaranten

Qualitätsgaranten

| Ralph Umard |

Die internationale Aufmerksamkeit, die der australische Film seit den Siebziger Jahren auf sich ziehen konnte, führte zu einem Kulturtransfer der besonderen Art: Australische Filmschaffende gelten international, besonders jedoch in Hollywood, als gefragte Mitarbeiter und liefern als Regisseure, Kameraleute oder Schauspieler einen nicht unbeträchtlichen Input für das Weltkino. Anhand von sechs Persönlichkeiten lässt sich die Vielschichtigkeit australischer Wertarbeit deutlich demonstrieren.

Christopher Doyle

Doyle (*2.5.1952) ist ein Unikum unter den Top-Kameramännern unserer Zeit. Von Abenteuerlust getrieben, verließ er seine Heimatstadt Sydney und landete nach ausgedehnten Reisen in Taiwan, wo er Chinesisch und als Autodidakt das Filmen lernte. In Hongkong, fortan sein Hauptwohnsitz, wirkte er als Kameramann von Wong Kar-wai mit hautnahen, mittels Schulterstativ beweglich gefilmten Bildern und einer Vorliebe für Reflexionen auf spiegelnden Oberflächen stilprägend. Im Teamwork mit Wong Kar-wai und Production Designer William Chang entstanden Meisterwerke wie Chungking Express oder In the Mood for Love, wobei
Doyle den „Look“ der Filme maßgeblich prägte. Bei Gus Van Sants Neuverfilmung von Psycho drehte er erstmals in Amerika, für Rabbit Proof Fence seines Landsmann Phillip Noyce kehrte er kurz in seine Heimat zurück. Doyle legt Wert darauf, die Bilder kreativ mitzugestalten, durch seine visuell einfallsreichen Aufnahmen wird selbst ein so monotoner Film wie Jim Jarmuschs The Limits of Control sehenswert.

Bruce Beresford

Mit beinahe 30 Regie-Arbeiten allein für das Kino, sowie Fernsehfilmen und Operninszenierungen verfügt der 1940 geborene Bruce Beresford über mehr Erfahrung und internationales Renommee als die meisten seiner Kollegen aus Down Under. Dabei hat er in seiner langen Karriere neben einigen Highlights wie dem Krimi Money Movers oder Breaker Morant auch einige mediokre Filme gedreht, wie die US-Produktion Tender Mercies mit Robert Duvall als trunksüchtigen Country-Sänger. Technisch perfekt inszeniert und schön ins Bild gesetzt sind seine Filme zumeist, mehrfach beschäftigte sich Beresford mit dem problematischen Verhältnis von Schwarzen und Weißen in Afrika (Mister Johnson) und den USA (Driv-ing Miss Daisy). Ein gelungenes, hierzulande wenig bekanntes Frühwerk ist Puberty Blues. Einfühlsam schildert Beresford das Leben, die Hoffnungen und allmähliche Desillusionierung von australischen Teenagern Anfang der Achtziger  Jahre.

Eric Bana

Die Darstellung eines zum Ausrasten neigenden Mutanten machte Eric Bana-dinovich (*9.8.1968) berühmt: als Wüterich Hulk brillierte er  im gleichnamigen Film von Ang Lee. Erneut spielen wollte er die Rolle jedoch nicht, zu anstrengend waren ihm die Actionszenen. Der Sohn eines Kroaten und einer Deutschen wollte erst Automechaniker, dann Schauspieler werden, weil er von Mel Gibson in  Mad Max so begeistert war. Seine Passion für schnelle Autos und Motorräder hat sich der Hobby-Rennfahrer bis heute bewahrt – und in der von ihm selbst inszenierten Doku Love the Beast augenzwinkernd ins Bild gerückt. Mit seinem zu Bana verkürzten Namen arbeitete er zunächst als Bühnen- und TV-Komiker, bis ihm die Titelrolle im australischen Kinohit Chopper anno 2000 im Filmgeschäft etablierte. Im Gefängnis hatte der psychopathische Kriminelle Mark „Chopper“ Read seine Autobiografie geschrieben, und Bana verkörperte ihn auf der Leinwand so eindrucksvoll, dass Ridley Scott dem gebürtigen Melbourner in Black Hawk Down besetzte und Brad Pitt ihm die Rolle des trojanischen Feldherrn Hektor im Historienepos Troy zuschanzte.

Hugh Jackman

Seine Hollywood-Karriere verdankt Hugh Jackman (*12.10.1968) einem Glücksfall: Als der für die Rolle des Wolverine in X-Men vorgesehene Schotte Dougray Scott ausfiel, weil er für Mission: Impossible 2 nachdrehen musste, bekam der Australier den Part. Viermal verkörperte Jackman bislang den Mutanten mit den Stahlklauen, am ausdrucksstärksten und charakterlich facettenreichsten in X-Men Origins: Wolverine, wo der studierte Journalist selber an der Drehbuchentwicklung mitwirkte. Andere Rollenangebote als Superheld (u.a. Daredevil, Iron Man, The Punisher) lehnte der noch immer bescheiden auftretende Superstar ab, um dem Typecasting zu entgehen und anspruchsvolle Filme wie The Fountain zu drehen, wo er in gleich drei ganz unterschiedlichen Rollen seine Vielseitigkeit bewies. Als viriler Cowboy in Australia eroberte Jackman die Herzen des weiblichen Publikums. Mit Regisseur Baz Luhrmann möchte der auch als Sänger versierte „Sexiest Man Alive“ (laut People Magazine 2008) bald ein Musical drehen.

Nicole Kidman

Als blondes Biest in To Die For zeigte sie eine ihrer größten schauspielerischen Leistungen. Nicole Kidman (*20.6.1967) verkörperte überzeugend eine extrem ehrgeizige Ehefrau, die vor nichts zurück schreckt, um im Fernsehen Karriere zu machen. Auch Kidman hat von jung auf verbissen und zielbewusst darauf hingearbeitet, ein Weltstar zu werden. Auf sich aufmerksam machen konnte sie bereits mit ihrer Rolle in Phillip Noyces brillantem Thriller Dead Calm, der endgültige Durchbruch gelang der in Honolulu geborenen und in Sydney aufgewachsenen Actrice 1990 mit ihrem ersten Hollywoodfilm Days of Thunder. Die noch im gleichen Jahr geschlossene und 2001 geschiedene Ehe mit ihrem Filmpartner Tom Cruise führte allerdings dazu, dass sie zeitweise mehr in der Boulevard-Presse präsent war als im Feuilleton. Kidman ist eine vielseitige Darstellerin, ihr Repertoire reicht  von Comic-Verfilmungen wie Batman For-ever über Gesangs- und Tanzauftritte in Moulin Rouge bis zu exzentrischen Arthouse-Movies wie Dogville. Die Mitwirkung in Flops wie Cold Mountain, Bewitched oder zuletzt Invasion haben Kidmans Superstar-Status jedoch keinen Abbruch getan.

Phillip Noyce

Er beherrscht die Kunst, dem Kinopublikum sozial- und gesellschaftskritische Inhalte unterhaltsam nahe zu bringen und ist einer der besten Regisseure vom Fünften Kontinent. Schon die erste Arbeit Castor and Pollux des Filmstudenten wurde 1974 preisgekrönt, für Newsfront kassierte Phillip Noyce (*29.4.1950) mehrere Auszeichnungen und landete 1978 einen nationalen Kinohit. In diesem Film über einen Bruderzwist, wie auch in späteren Thrillern wie Clear and Present Danger gelingt ihm eine schlüssige Verquickung von Politik und persönlichen Schicksalen, die den Zuschauer emotional anspricht und zum Nachdenken anregt. Nachdem Noyce mehr als zehn Jahre als Gastarbeiter im Hollywood-System tätig war (und gepflegtes Genrekino wie Patriot Games und The Bone Collector inszenierte), zog er zurück in die Heimat und drehte mit Kameramann Christopher Doyle das bildschöne Sozialdrama Rabbit Proof Fence, außerdem The Quiet American, stimmungsvoll inszeniert mit Michael Caine in einer Paraderolle als verlotterter Reporter in Saigon zur Zeit des Indochina-Krieges Anfang der Fünfziger Jahre.