Das Biopic „Lovelace“, kürzlich auf DVD und Blu-ray erschienen, porträtiert eine Berühmtheit aus der großen Zeit des Hardcore-Porno.
Würde man nach den kommerziell erfolgreichsten Filmen der siebziger Jahre fragen, die spontanen Antworten wären wohl vorgezeichnet: Die großen Erfolge New Hollywoods wie The Godfather, Jaws oder Star Wars sollten schon mit hoher Wahrscheinlichkeit unter den meistgenannten anzutreffen sein. Doch einen Film – obwohl der zumindest vom Titel nicht nur Cineasten ein Begriff sein dürfte – werden dabei nicht viele auf der Rechnung haben: Deep Throat. Das mag damit zusammenhängen, dass man einzelne Produkte aus der Abteilung „Hardcore“ üblicherweise nicht mit Mainstream-Erfolgen assoziiert, nichtsdestoweniger spielte Deep Throat die unfassbare Summe von 600 Millionen Dollar ein. Ein derartiger Zuspruch war nicht mehr bloß mit der für Hardcore-Filme üblichen Zielgruppe zu erklären, mit Deep Throat war Pornografie schlagartig in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Geschichte um die außerordentlichen Fähigkeiten der Protagonistin Linda Lovelace in der Kunst des Fellatio – die noch dazu auf witzige, teilweise ziemlich skurrile Weise aufbereitet wurde – sprach neue, breitere Publikumsschichten an, die weit über die bislang prototypischen Rezipienten hinausreichten.
Der Film wurde aber auch eine Art Aushängeschild für die in den sechziger Jahren durch die Gegenkultur initiierten gesellschaftlichen Wandlungen, mit Deep Throat fand die sexuelle Revolution einen Kulminationspunkt, der die Umbrüche jener Zeit ganz deutlich sichtbar machte. Als der Journalist Ralph Blumenthal in der „New York Times“ in einem Artikel, der sich mit dem Erfolg von Deep Throat auseinandersetzte, erstmals den Begriff „Porno Chic“ prägte, war der kleine Film, der mit einem Budget von kaum mehr als 20.000 Dollar produziert worden war, endgültig zum popkulturellen Phänomen mutiert, das bis in die New Yorker High Society vorzudringen vermochte – sogar Jackie Kennedy zählte zu den Zuschauern von Deep Throat.
Im Auge des Orkans
Keiner der an der Billig-Produktion von Deep Throat Beteiligten hätte sich wohl je träumen lassen, welches Ausmaß der Erfolg des Films annehmen würde. Doch die damit verbundene Popularität zog auch so manche Schattenseite nach sich. Im Fall der Hauptdarstellerin Linda Lovelace zeigte sich diese Ambivalenz besonders deutlich.
Der Geschichte von Linda Susan Boreman – so ihr bürgerlicher Name – versucht sich das Biopic Lovelace anzunähern. Die enthält zunächst so ziemlich jede Klischeevorstellung, die man mit einer Geschichte eines jungen Mädchens (facettenreich von Amanda Seyfried gespielt), das katholische Schulen besucht, ihre strenge Erziehung hinter sich lässt und Karriere als Pornostar macht, in Verbindung bringen könnte. Aufgewachsen in einem Elternhaus mit rigiden Moralvorstellungen, die im krassen Gegensatz zur Aufbruchsstimmung der sechziger Jahre stehen, ist die Rebellion gegen die zu Hause vorherrschende Sittenstrenge geradezu vorprogrammiert. Besonders Sharon Stone in der Rolle von Lindas verhärmter Mutter, die ihre Tochter auf enervierende Weise zu gängeln versucht, macht diese Atmosphäre von fast unerträglicher Restriktion, in der Linda aufwächst, geradezu spürbar. Als sie den großspurig auftretenden Chuck Traynor kennenlernt und prompt auf ihn hereinfällt – Peter Sarsgaard verkörpert ihn kongenial mit einer Mischung aus abgeschmacktem Charme und aalglatter Schmierigkeit – erscheint ihr dieser Mann als die Möglichkeit, die enge, kleinbürgerliche Welt ihrer Eltern hinter sich zu lassen – schon bald sind Chuck und Linda verheiratet. Doch Traynor ist nicht der erfolgreiche Gastronom, der er vorgibt zu sein, sondern eine kleine Nummer im Rotlichtmilieu, der mit den perfiden psychologischen Tricks eines Zuhälters Linda in seine Geschäfte verwickelt. Die macht in einer Mischung aus Naivität und fehlgeleiteter Loyalität ihrem Mann gegenüber mit und schon bald findet sie sich am Set einer Hardcore-Produktion mit dem Titel Deep Throat wieder – der Rest ist Geschichte, wie es so schön heißt.
Linda Lovelace wird zur landesweiten, weit über die Erotikbranche hinausreichenden Berühmtheit, zu einem Darling der Medienwelt, mit dem sich auch die Größen des Showbusiness nur allzu gerne schmücken. So veranstaltet Playboy-Gründer Hugh Hefner eine Galavorführung von Deep Throat, bei der kein Geringerer als Sammy Davis, Jr. zugegen ist. Dass derartige Bekanntschaften sich als bloße Koketterie mit dem Porno Chic erweisen, wird Linda bald lernen müssen. Zudem, und hier beginnt die Geschichte in Richtung Tragödie zu kippen, hat der Ruhm als Hardcore-Star eine pechschwarze Kehrseite. Denn in den Vereinigten Staaten mit der dort herrschenden unfassbaren Bigotterie formiert sich eine fanatisch agierende Gegenbewegung – auf staatlicher Ebene spielte sich dabei mit Richard Nixon ausgerechnet jener Präsident zum Verteidiger der Moral auf, dessen politische Machenschaften sich als besonders skrupellos und schändlich erweisen sollten –, die mit aller Macht gegen „Obszönitäten“ wie Deep Throat vorzugehen bereit ist. Der Name Linda Lovelace wird zu einem Synonym für vermeintliche Unmoral. Eine kleine Szene von Lovelace macht die katastrophalen Folgen dieser Doppelmoral deutlich: Linda flüchtet sich vor ihrem prügelnden Ehemann aus dem Haus, um schließlich mitten auf der Straße des schicken Viertels in Los Angeles von ihm eingeholt zu werden. Eine gerade vorbeifahrende Polizeistreife scheint Hilfe zu versprechen, doch als die beiden Beamten Linda – die augenscheinlich in Panik und bedroht ist – erkennen, fordern sie Chuck Traynor nur auf, seine Frau ins Haus zu schaffen: Eine Frau, die in Sexfilmen mitspielt, wird sich den Ärger wohl schon selbst eingebrockt haben. Doch zuvor muss Linda einem Polizisten noch ein Autogramm geben, dafür ist der Pornostar gerade gut genug.
Die Kontroverse um die gesellschaftliche Akzeptanz von Pornografie, die sich im Fall von Deep Throat exemplarisch entzündete – der formidable Dokumentarfilm Inside Deep Throat aus dem Jahr 2005 gibt dazu ebenso spannende wie höchst vergnügliche Einblicke – setzt sich übrigens auch in der popkulturellen Auseinandersetzung mit diesem Thema fort. Dass diese Subkultur und ihre Protagonisten aus einer Reihe von Gründen geradezu maßgeschneidert für dramaturgische Umsetzungen sind, liegt auf der Hand. Die Repräsentation der Sexindustrie im fiktionalen Film sah und sieht sich dabei nahezu den gleichen Diskursen – Stichworte Verklärung und Romantisierung – ausgesetzt, die sich schon im Zusammenhang mit dem Porno Chic selbst entzündet hatten.
Der Kopf des Janus
Nun kann man den Regisseuren von Lovelace sicher nicht mangelnde Sensibilität im Umgang mit brisanten Stoffen unterstellen. Rob Epstein und Jeffrey Friedman haben sich in ihren bisherigen Arbeiten, die sich vorwiegend im dokumentarischen Bereich abspielten, geradezu vorbildlich mit gesellschaftspolitisch nicht unheiklen Themen auseinandergesetzt. Epsteins Porträt eines kalifornischen Politikers und Gay-Rights-Aktivisten, The Times of Harvey Milk, erhielt den Oscar als bester Dokumentarfilm, eine Auszeichnung, die der Filmemacher 1990 – bereits in Zusammenarbeit mit Jeffrey Friedman – für den Film Common Threads: Stories from the Quilt, der ein Projekt zur Erinnerung an Aids-Verstorbene dokumentiert, erneut einheimsen konnte. Für Lovelace hat das Regieduo ein durchaus spannendes dramaturgisches Gerüst entworfen: Die erste Hälfte des Films, die den Weg Lindas vom „netten Mädchen von nebenan“ – ein Attribut, das man ihr immer wieder umhängen sollte – zum Erotik-Superstar nachzeichnet, rekonstruiert die siebziger Jahre als eine Epoche des Aufbruchs und voller hedonistischer Lebensfreude. Die Inszenierung versteht es detailgenau, mittels Kostüm, Frisuren, Ausstattung und visueller Gestaltung, Lovelace eine gehörige Portion Retro-Charme zu verleihen. Dass sich Friedman und Epstein dabei auch durchaus stereotyper Vorstellungen und Bilder bedienen, erscheint vor allem rückblickend als Teil dieses Konzepts. Dazu gehört es auch, die Filmcrew von Deep Throat – und insbesondere Regisseur Gerard Damiano (Hank Azaria) – als enthusiastische Gruppe zu porträtieren mit dem Bestreben, eine Art Fusion von Kunst und Pornografie zu bewerkstelligen. Dabei mag die Atmosphäre von Lovelace zeitweilig ein wenig übertrieben fröhlich erscheinen, doch dies ändert sich zur Hälfte des Films abrupt.
Was wie eine heitere, ein wenig sentimentale Reminiszenz an die Seventies angefangen hat, wird schlagartig zu einem beklemmenden Drama. Denn wenige Jahre nach Deep Throat hat Linda ein Buch veröffentlicht, dessen Titel – „Ordeal“ – paradigmatisch den Richtungswechsel anzeigt. Nun werden die zuvor gezeigten Ereignisse aus ihrer Sicht wiederaufbereitet. Und da wird schnell ein nichtendenwollender Horrortrip sichtbar, der das Bild der ersten Filmhälfte völlig zu konterkarieren scheint. Linda wird von Chuck Traynor kontrolliert, gedemütigt, missbraucht und zur Prostitution gezwungen, bis er sie schließlich am Set von Deep Throat abliefert. Von der fröhlichen Community, die als Vorreiter der sexuellen Revolution die damit verbundenen Freizügigkeiten in Form eines kleinen Filmchens ausbreiten, kann keine Rede mehr sein. Auch der vermeintliche Starruhm, den Linda Lovelace nach Deep Throat erlebt, erweist sich als moderne amerikanische Tragödie, der etwa Hugh Hefner (James Franco) ein besonders niederträchtiges Kapitel hinzufügt. Linda gelingt es schließlich, völlig mit dieser Welt zu brechen, sie wird von jenen Feministinnen, die sich entschieden gegen Pornografie aussprechen, als Speerspitze in diesen Kampf geschickt, und es erscheint als bittere Ironie, dass die Frau nun ebenso instrumentalisiert wird wie in ihren Zeiten als Vorzeige-Girl der Erotik-branche und damit erneut Angriffen von unterschiedlichsten Seiten preisgegeben wird.
Mit dieser, ein wenig extravaganten Dramaturgie gelingt es Lovelace, die Ambivalenzen, die der Geschichte der Linda Boreman/Lovelace – und damit auch den Projektionen bezüglich des Erotik-Business – innewohnen, deutlich zu machen. Auch wenn anhand eines Lügendetektortests, den Linda auf Drängen des Verlages vor Veröffentlichung des Buchs absolvieren muss, insinuiert wird, dass ihre Version, und damit die zweite Hälfte des Films, mehr der Wahrheit entspricht, deutet einiges daraufhin, dass es sich auch dabei um eine Variante der Wirklichkeit handelt. Die Annäherung an die „Wahrheit“ wird sich am ehesten durch beide in Lovelace präsentierten Hälften finden lassen, und welcher man mehr Gewicht zumisst, wird zu einem nicht geringen Teil auch von ideologischen Positionierungen abhängen.
Damit soll nicht angezweifelt werden, dass Lindas Mann Chuck Traynor eine besonders üble Rolle gespielt hat, doch einige ihrer mit etlichen Jahren Abstand gemachten Schilderungen über ihre Hardcore-Ära sollte man – wie manche Zeitzeugen in Inside Deep Throat nahelegen – ein wenig vorsichtig betrachten.
Interessanterweise rücken zwei der besten Spielfilme, die sich mit der Hardcoreszene und ihrer Repräsentanz in der Popkultur auseinandersetzen, genau diese unterschiedlichen Projektionsflächen und Bilder, die bei der Rezeption und Reflexion über diesen Mikrokosmos immer wieder zutage treten, in den Mittelpunkt. Paul Thomas Andersons Geniestreich Boogie Nights (1997) bedient sich dieser Subkultur, um ein Porträt der siebziger- und achtziger Jahre und den dabei vorherrschenden Zeitgeist zu zeichnen. In einem kongenial geformten Mosaik aus atmosphärischer Dichte, Zeitkolorit, popkulturellen Mythen und Nähe zu realen Personen und Ereignissen verdichtet Anderson die Welt der US-amerikanischen Porno-Industrie zu einem Spiegelbild für den gesellschaftlichen Wandel und Umbrüche jener Zeit. Andersons Inszenierung spielt dabei höchst geschickt mit den unterschiedlichen Wahrnehmungen des Sex-Business, von den künstlerischen Ambitionen der siebziger Jahre bis hin zur knallharten Kommerzialisierung samt den oft gnadenlosen Auswirkungen mit dem Aufkommen von Videosystemen. Der von Burt Reynolds gespielte Regisseur in Boogie Nights lässt sich nur unschwer – und hier schließt sich der Kreis zu Deep Throat – als Alter Ego von Gerard Damiano identifizieren. Die dabei vorgegebene Maxime, Pornofilme mit Anspruch zu drehen, mag aus heutiger Sicht ein wenig naiv oder auch anmaßend erscheinen, Faktum ist jedoch, dass angesichts des breiten Erfolgs von Deep Throat solche Bestrebungen tatsächlich eine Zeit lang vorherrschten. Hardcore-Filme wie Damianos The Devil in Miss Jones oder Behind the Green Door gelang es sogar, diese Erwartungen mehr oder weniger zu erfüllen, beide Filme haben sich selbst im Arthouse-Bereich ein gewisses Maß an Respektabilität verschaffen können. Das kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die überwiegende Zahl dieser Filme nicht mehr als die Aneinanderreihung von Szenen kopulierender Menschen war, doch die Vehemenz, mit der die Auseinandersetzungen um Deep Throat bis hin zur Beschlagnahme des Films geführt wurden, rührt auch daher, dass dieser Konflikt auch die Grundsätze von Rede- und Kunstfreiheit berührte.
Der grundsätzlichen Problematik, eine objektivierbare Form von Wahrheit zu finden, geht der ein wenig unterschätzte, von James Cox inszenierte Wonderland (2003) anhand einer True-Crime-Geschichte nach. Im Mittelpunkt steht dabei mit John Holmes (hier gespielt von Val Kilmer) ein weiterer Protagonist der Porno-Industrie, der – ähnlich Linda Lovelace – popkulturellen Star-Status erlangte. Wonderland setzt zu jener Zeit in den achtziger Jahren ein, als Holmes‘ Ruhm zu verblassen begann und er in einem Sumpf aus Drogen, finanziellen Sorgen und Involvierung in kriminelle Machenschaften zu versinken drohte.
Diese Verstrickungen führten schließlich dazu, dass Holmes an einem Einbruch in ein Haus in der titelgebenden Wonderland Avenue beteiligt war, der mit der brutalen Ermordung von vier Menschen endete. Ähnlich wie Kurosawa Akiras Rashomon rekonstruiert James Cox’ Inszenierung unterschiedliche Varianten der Geschehnisse, die – abhängig vom individuellen Blickwinkel – John Holmes als hinterlistigen Täter oder als tragischen, weitgehend unfreiwillig Verstrickten erscheinen lassen. Ein abschließendes Urteil fällt Wonderland nicht, womit der Film dem wirklichen Leben ziemlich nahekommt. John Holmes wurde zwar in einem Gerichtsverfahren von der Mordanklage freigesprochen, doch Zweifel über seine tatsächliche Rolle bei diesem Verbrechen blieben bestehen.
Die Höhen von Wonderland und insbesondere Boogie Nights vermag Lovelace zwar nicht ganz zu erreichen, doch die Aufsplittung in zwei dramaturgisch und atmosphärisch konträre Hälften reicht doch über ein Biopic konventioneller Machart deutlich hinaus. Verwunderlicherweise fand Lovelace, der immerhin bei Festivals wie Sundance und der Berlinale gezeigt wurde, in Deutschland und Österreich keinen Kinoverleih und erlebt hierzulande seine Premiere mittels DVD-Veröffentlichung. Die Schwierigkeit, zwischen schwelgerischer Verklärung des Porno Chic und beinharter Abrechnung mit der Sex-Industrie den richtigen Ton zu treffen und das richtige Maß zu bewahren, macht Lovelace auf jeden Fall ziemlich gekonnt deutlich. Dass Linda Boreman in dem um Deep Throat tobenden Kulturkampf, in dem sie noch dazu auf beiden Seiten an vorderste Front geschickt wurde, beinahe aufgerieben wurde, war für die Kreuzzügler beider Fraktionen vermutlich von untergeordnetem Interesse. Linda, die für ihre Rolle in Deep Throat gerade einmal 1.250 Dollar bekommen hatte – die zudem auch noch Chuck Traynor einstreifte – beklagte sich in späteren Jahren auch darüber, dass sie für ihre zahlreichen Auftritte bei Veranstaltungen der Anti-Porno-Bewegung mit ein paar hundert Dollar abgespeist wurde, während Autorinnen mit ihren dort propagierten Büchern – die immer wieder auf Lindas Geschichte verwiesen – gute Geschäfte machten. Linda Marchiano – wie sie nach einer Heirat im Jahr 1976 offiziell hieß – starb am 22. April 2002 an den schweren Verletzungen, die sie bei einem Autounfall erlitten hatte. Sie war gerade einmal 53 Jahre alt.
