Damages – Im Netz der Macht

Dossier Fernsehen

Das Prinzip Vernichtung

| Roman Scheiber |

Wie man mit langem Atem und überraschenden Wendungen originell erzählen kann, ohne seinen Figuren untreu zu werden, zeigt die dritte und bislang beste Staffel der Anwaltsserie „Damages“.

Man kann sich in dieser Rolle nur schwerlich eine andere Schauspielerin vorstellen. Der eisige Blick. Die herablassende Attitüde. Die vernichtende Wucht ihrer Sätze. Unter effektvoller Nutzung steten Informationsvorsprungs schleudert sie mal spontan Spöttisches, mal gezielt Verbalinjurien, mal zorngerötet Ultimaten in Richtung ihrer Kontrahenten – sei es ein juristischer Widerpart, ein unbotmäßiger Zeuge oder auch die ältere Freundin ihres jugendlichen Sohnes, die den Fehler gemacht hat, nicht bei seiner Mutter um Erlaubnis zu fragen, bevor sie ein Kind von ihm bekommt.

Glenn Close ist Patty Hewes, berüchtigte Wirtschaftsanwältin in New York. Sie kann zwar auch anders, aber was sie grundsätzlich mit ihren Gegnern macht, ist schon aus dem Titel der Serie abzulesen, die von Todd Kessler, Glenn Kessler und Daniel Zelman rund um die charismatische Figur herum entworfen wurde: „Damages“. Und es ist aus dem durchaus infektiösen Titelsong herauszuhören: „There won’t be anything left, when I am through with you.“ Für den Schaden, den Patty Hewes bei der rechtsunfreundlichen Gegenseite anrichtet, haftet sie ebensowenig wie für die zahlreichen Kollateralschäden, die während der oft eher detektivischen als juristischen Feldzüge ihrer Sozietät zu verzeichnen sind. Glenn Close hat es gar zwei Emmys und einen Golden Globe eingetragen. Zum Gaudium des Publikums nimmt sich Patty jeweils eine ganze Staffel über Zeit, die Konkurrenz in die Ecke zu treiben. In der ersten war es der fast schon pathetisch eitle Milliardär Arthur Frobisher (dargestellt von Ted „I know I look like Frankenstein“ Danson), dessen korrupten Börsengeschäften sie mit Hilfe seiner entlassenen Mitarbeiter ein Ablaufdatum verpasst. Ein aus Profitgier umweltfeindlicher Energiekonzern wird in der zweiten Staffel in die Schranken gewiesen, wobei Pattys Ex-Lover Daniel Purcell (der wie immer großartige William Hurt) als Wissenschafter des Konzerns ein Doppelspiel auszutragen scheint.

 

Spannung am Stück

in der dritten Staffel hat Patty einen Finanzbetrüger im Visier, der einen Investmentfonds nach dem Schneeballsystem betrieben und am Ende ein Milliardenloch zurückgelassen hat. Die „Damages“-Macher greifen damit Ereignisse während der Weltwirtschaftskrise auf und stricken den realen Fall Bernie Madoff zu einer Geschichte um eine Familie weiter, der der Patriarch abhanden kommt. Um „the Tobins‘ money“ dreht sich hier alles, denn Patty vermutet ganz zu Recht, dass der alte Lewis Tobin seiner Familie ein verstecktes Vermögen hinterlassen hat. Um den geschädigten Investoren zumindest einen Teil der Verluste auszugleichen, muss Patty mit ihrem Team dieses Geld finden. Nach einigen falschen Fährten und einer wenig produktiven Zusammenarbeit mit dem ehrgeizigen Staatsanwalt führen die Nachforschungen von Pattys Partner Tom Shayes (Tate Donovan) schließlich in die Karibik, wo die Story sich zuspitzt und der Druck auf die Tobin-Familie steigt. Campbell Scott als alkoholgefährdeter Sohn, Lily Tomlin als Mutter, Mädchen Amick als Ex-Geliebte von Lewis und der eher als Comedian bekannte, überraschend überzeugende Martin Short als Familienanwalt der Tobins bilden den Kern des tollen „Guest Cast“ der Staffel.

Wie schon in den vorangegangenen Staffeln wird der Spannungsbogen des Falls über alle 13 Episoden gedehnt. Wieder beginnt die Erzählung mit rätselhaften Flash Forwards. Hier sind es blaugefilterte, ausgewaschene Fragmente, die von Folge zu Folge und Stück für Stück erweitert, aber erst im Showdown zu einem Gesamtbild zusammengesetzt werden. Aus einem dieser Vorausblicke ergibt sich bald, dass Tom (der kühlen Miss Hewes von den Autoren ursprünglich als Sympathieträger beigestellt) die Staffel in einem Leichensack beenden wird. Pattys Ex-Kronprinzessin Ellen Parsons (äußerlich fragil, innerlich robust: Rose Byrne), die in der zweiten Staffel beim Staatsanwalt angeheuert und mit dem FBI undercover gegen Patty ermittelt hat, nähert sich ihrer einstigen Mentorin allmählich nolens volens wieder an (Titel der siebenten Folge: „You Haven’t Replaced Me“).

Fortlaufende Freiheiten

Niemand ist hier nur gut oder nur böse. Neben einer geschickt konstruierten Spannungsdramaturgie und ausgefeilten Dialogen ist das eine der Stärken von „Damages“. Die Entwicklung der weiblichen Hauptfiguren gewinnt durch die Ausgestaltung von Backstories, in beiden Fällen ausgehend von bruchstückhaften Träumen, an Profil. Patty erscheint zunächst ein Pferd in einem Loch in der Wand ihres Apartments, Ellen träumt von ihrer Kindheit mit einer fremden Frau in der Rolle ihrer Mutter.

Dem inzwischen an der vierten Staffel arbeitenden Autorenteam (Judd Hirsch soll einen beruflichen Mentor Pattys spielen) ist es gelungen, Figurentreue und Vertiefung der Charaktere mit einem originellen, wendungsreichen Fall zu verbinden. Dabei kann man sich Freiheiten erlauben, die nur im Rahmen einer fortlaufenden Erzählung denkbar sind: In einem höchst vergnüglichen Nebenstrang zum Beispiel kehrt Arthur Frobisher zurück, der, nach einer ausgedehnten Selbstfindungs-Meditationstherapie vom Ego-Saulus zum Altruisten-Paulus gewandelt, nicht nur in ein gemeinnütziges Windkraft-Projekt investiert, sondern seine Lebensgeschichte auch gern – dem neuen Image gerecht – verfilmt sehen möchte. Keine Frage, dass im Zuge der Probenarbeit zu dem Heldenstück irgendwann die hässlichen Flecken auf dem Yogakittel zum Vorschein kommen.