„United States Of Tara“ schaut einer Powermama bei der Flucht in andere Persönlichkeiten zu. Toni Collette glänzt in einer Vierfachrolle.
Tara Gregson (Toni Collette) ist seit 17 Jahren mit dem Landschaftsgärtner Max (John Corbett) verheiratet. Mit dem nicht nur gut aussehenden, sondern auch unerschütterlichen Mann hat sie zwei wunderbare Kinder. Leider kann sich Tara am gemeinsamen Familienleben nur bruchstückhaft erfreuen, denn sie wird regelmäßig daraus verdrängt. Tara leidet an einer dissoziativen Identitätsstörung. Immer mal wieder übernehmen andere ihren Körper und damit den Platz in der schrecklich netten Familie. Die Familie hat aber gelernt, damit zu leben. Wenn sich die Mutter mal wieder in eine 16-jährige Schlampe namens T verwandelt, äußert Sohn Marshall (Keir Gilchrist) artig: „We like it when T comes around.“ Tochter Kate (Brie Larson) freut sich sogar aufrichtig über Ts Erscheinen, weil sie mit ihr trefflich die Shopping Mall unsicher machen kann.
Die Serie beginnt mit einem Einschnitt im Leben der Gregsons: Tara hat in Absprache mit der Familie beschlossen, ihre Medikamente abzusetzen. Es soll eruiert werden, was es eigentlich ist, wovor die anderen Persönlichkeiten die leidgeprüfte Frau schützen. Stoisch erträgt es die Familie nun also, dass die ganze Gang wieder auf der Bildfläche erscheint. Als Tara eines Tages im Rucksack ihrer 16-jährigen Tochter Kate ein Rezept für die Pille danach findet, möchte sie am liebsten aus der Haut fahren. Eben noch am Boden zerstört, reißt sie sich plötzlich die weiße Baumwollunterwäsche vom Leib und macht sich auf die Suche nach einem fetzigen String-Tanga. T hat mit den sexuellen Aktivitäten von Kate kein Problem. Im Gegenteil: Sie war es, die ihr die Pille danach besorgt hat. Nachdem Tara wieder in ihrem Körper zurück ist und mit der Tochter verantwortungsvoll über Sex reden will, erntet sie nur ein angewidertes „sometimes you make me feel like I’m living in a lifetime lady tampon movie“.
Vor solcher Verachtung geht Tara in die Knie, nicht so ihr Fünfziger-Jahre-Hausfrauen Alter Ego Alice: Die bedient sich aus dem Seifenspender und wäscht der unflätigen 16-Jährigen so richtig den Mund. Es ist auch Tochter Kate, die den Trigger für das Auftreten des dritten „Anderen“ liefert: Buck. Er ist Taras streitsüchtiges, männliches Macho-Alter-Ego. Der vorgebliche Vietnam-Veteran ist verständlicherweise nicht gerade die beliebteste von Taras anderen Persönlichkeiten, aber auch er ist nicht unnütz: Buck will eigentlich lieber zum Schießstand, wo er in seiner räudigen Aufmachung auch besser hinpassen würde, aber letztlich schlurft er dann doch im Flanell-Hemd zu einer Schulaufführung, wo er dem Gothic-Freund von Kate – der das Mädchen gelegentlich eine Spur zu grob anfasst – die Kinnlade frisiert.
Turbulentes Sexleben
Die Probleme mit der pubertierenden Tochter sind zwar häufig Auslöser für Taras Wandlungen, sie sind aber nicht das Einzige, das die Handlung vorantreibt. Auch das Sexleben der Gregsons ist durch die Krankheit auf vielfältige Weise turbulent, so werden z.B. die Abmachungen zwischen dem Ehepaar immer wieder geändert. Derzeit gilt: kein Sex mit den „Anderen“. Dass das in Anbetracht der vielfältigen Dessous, in denen die „Anderen“ Max vor der Nase herumtanzen, nicht immer leicht ist, bleibt auch Tara nicht verborgen.
Das Kleinfamilienpersonal wird von Charmaine, Taras Schwester, ergänzt. Ihr kommt die Rolle zu, die Krankheit von Tara in Frage zu stellen. Damit ist sie in der Serie ziemlich allein. Abseits davon befindet sie sich mit ihrem Zweifel aber in bester Gesellschaft: Zahlreiche Fachleute halten die Multiple Persönlichkeitsstörung für eine Erfindung, die von Filmen wie Three Faces of Eve (1957) und Sybil (1967) ihren Ausgang genommen hat. Die Fachstreitigkeiten um die Krankheit haben Steven Spielberg nicht davon abgehalten, das Thema aufzugreifen und die 33-jährige Oscar-Preisträgerin Diablo Cody (Juno, 2007) mit der Umsetzung seiner Idee zu beauftragen. Da Cody mehr für mit popkulturellen Referenzen gespickte Drehbücher bekannt ist als für serielle Fernsehproduktionen, hat man ihr eine ganze Reihe von erfahrenen Autorinnen und Autoren in den Writer‘s Room mitgegeben, allen voran Alexa Junge, die schon bei „Friends“ mitgeschrieben hat. Das Autorenteam um Cody steuert in der ersten Staffel mit Courage und „multiplen“ Erzählsträngen auf das traumatische Ereignis zu, das Taras Persönlichkeit gespalten haben könnte. Auf dem Weg dahin ergeben sich Wendepunkte, die sogar die beherrschten Gregsons – wenn auch nur für einen Moment – aus der Fassung bringen. In das dafür notwendige, breit gestreute Figurenensemble wird mit Hilfe von Amateur-Video-Aufzeichnungen oder Flashbacks, die Dialoginhalte illustrieren, relativ zügig Einblick gegeben.
Die Familienkrise
„Over the course of a day, how many different women do we have to be?“ Mit dieser Frage spricht schon früh in der Serie eine erfolgreiche Single-Frau – später als „yuppie cunt“ betitelt – ein zentrales Thema in „Tara“ an: Die unzählbaren Rollenanforderungen an Frauen und Männer im 21. Jahrhundert. Taras „Andere“ stehen für die vielen gegensätzlichen Funktionen, die Frauen heute zu erfüllen haben: Alice ist die Frau, die für den Kuchenverkauf in der Schule eine kunstvoll dekorierte Mehlspeise beisteuert, T repräsentiert die frisch gebliebene sexuelle Lust, und manchmal ist Buck, der Mann mit Eiern, gefragt. Aus der Rollen-Perspektive betrachtet, ist Max nahezu der perfekte Mann. Während Tara ihren Körper den „Anderen“ überlassen muss, um allen Anforderungen gerecht zu werden, ist Max von Natur aus ein Multitalent: Nonchalant erfüllt er die Pflichten des Brötchenverdieners, Vorzeigevaters und Frauenverstehers. Wenn seine Frau sich in einer Spielhalle auf einer Tanzmatte räkelt, kann Max sich noch immer ein stolzes „my bitch is fresh“ abringen. Aber nicht nur die Eltern sind in ihren Rollenansprüchen tagtäglich gefordert, sondern auch die Kinder. Während Kate von den Eltern unbemerkt ihre Wirkung auf Männer austestet – und sich damit ungewollt einen Stalker heranzüchtet – küsst Marshall zum ersten Mal einen Jungen. Weil es sich kein Mitglied der Gregson-Familie leicht macht, ist permanent Krise angesagt. Wie schon in Juno geht es besonders auch in „Tara“ um eine Familie, die durch die unkonventionelle Bewältigung von Krisen für Aufsehen sorgt. Vorwegnehmend sagt Marshall Gregson schon in der Pilotfolge: „We’re lucky, Mom. Because of you, we get to be interesting“. So sehr Tara ihre Kinder beschützen und Ärger von ihnen fern halten will, so sehr stürzen ihre „Anderen“ die Brut von einer Krise in die nächste. Auch wenn das Leben der Gregsons deswegen auf den ersten Blick äußerst anstrengend wirkt: Die Familienkrise ist dann doch in jeder Folge auch lustvolle Herausforderung.
