Funktioniert für Teenager wie für Eltern, als Parodie wie als Musical: „Glee“, die etwas andere Highschool-Serie.
Nein, „Glee“ ist kein zweites Highschool Musical. Und „Glee“ hat auch nichts mit dem Seventies-Serienklassiker „Fame“ zu tun. Denn „Glee” ist keine gewöhnliche Teenagerserie, sondern ein kräftiger Schlag ins Gesicht des bigotten Amerika. Die Serie zeigt, wohin der amerikanische Keuschheitswahn, der Drill zum Erfolg und das Pressen in Stereotypen führt: zu Teenager-Schwangerschaften, Mobbing an Highschools und zu fehlendem Gemeinschaftssinn.
Doch nicht nur das. Die Serie rechnet auch mit jener Zeit ab, die in der amerikanischen Gesellschaft und Populärkultur als die schönste im Leben hochstilisiert wird und in der angeblich schon entschieden wird, ob man für den Rest seines Lebens zu den Losern oder Winnern zählt. Popularität, das ist die Währung, mit der die Kinder an der Highschool für ihre Leistungen bezahlt werden. Und sogar für die Eltern, die nur allzu gern in ihren Highschool-Erinnerungen schwelgen, ist das am wichtigsten. Anders scheint es zunächst auch nicht an der Highschool in Lima, Ohio, zuzugehen – wären die Lehrer dort nicht so ganz anders als in den üblichen Highschool-Filmen. Denn an der William McKinley High unterrichten keine verständnisvollen Erwachsenen, die mit Liebe und Geduld das Beste aus ihren Schülern herausholen, sondern gestörte Existenzen, die besser eine Psychoanalyse gemacht hätten, bevor sie auf einen Haufen hormongesteuerter Teenager losgelassen wurden.
Das gilt insbesondere für die Cheerleader-Trainerin Sue Sylvester (Jane Lynch), der man auf Grund ihrer schicken Trainingsanzüge fast eine Verwandtschaft mit den Royal Tenenbaums andichten könnte und die felsenfest davon überzeugt ist, dass Terror für die Entwicklung von Kindern ebenso wichtig ist wie Muttermilch. Dann wäre da noch die rehäugige Schulpsychologin Emma Pillsbury (Jayma Mays), zu deren wichtigsten Accessoires ein Paar Handschuhe und Desinfektionsspray gehören und die sich nichts sehnlicher wünscht, als den Spanischlehrer und „Glee“-Club-Leiter Will Schuester (Matthew Morrison) zu küssen. Der wiederum hält treu zu seiner Frau, immerhin erwartet diese ein Kind von ihm. Denkt er zumindest. In Wahrheit stopft sie sich jeden Morgen nur ein Kissen unter ihr T-Shirt.
Seitenhiebe
Die Teenager des „Glee“-Clubs, einer Art Musical AG, entsprechen nur bedingt dem üblichen Football-Kapitän-versus-Outsider-Klischee. Denn im Gegensatz zu Disney-Produktionen à la Highschool Musical lassen sich die Darsteller nicht pauschal in gut oder böse einteilen. So ist Rachel, der musikalische Star des „Glee“-Clubs, keine arme gemobbte Außenseiterin, sondern wird wegen ihrer Geltungssucht verständlicherweise von den anderen Teenagern gemieden. Auch „Glee“-Club-Mitglied Kurt (Chris Colfer) wirkt nur auf den ersten Blick wie das übliche Abziehbild eines Homosexuellen, mit Seitenscheitel, hohem Stimmchen und Designer-Kleidung. Dabei scheut sich der Sohn eines Kfz-Mechanikers nicht, auch mal selbst ein Auto zu reparieren. Zumindest wenn er vorher seinen Alexander-McQueen-Pullover gegen einen Overall austauschen konnte. Und wenn die „Glee“-Macher bei der Charakterisierung der Figuren in die Klischeekiste greifen, so wie sie es bei Football-Quarterback und „Glee“-Mitglied Finn (Cory Monteith) tun, übertreiben sie dabei dermaßen, dass die Figur zu einer Parodie auf den Stereotypen wird.
Ein Beispiel dafür ist Finns Glaube an die unbefleckte Empfängnis, die angeblich über seine Freundin Quinn (Dianna Agron) gekommen ist. Dass diese sich hinter seinem Rücken mit seinem besten Freund und Football-Buddy Puck (Mark Salling) vergnügt hat, bleibt Finn verborgen. Der Seitenhieb auf die amerikanische Prüderie verwundert nicht, wenn man sich die Biografie von Autor und Produzent Ryan Murphy durchliest: Bereits in der Schönheitschirurgen-Serie „Nip/Tuck“ zog Murphy das amerikanische Wertesystem, in diesem Fall die fast schon fetischistische Fixierung auf Äußerlichkeiten, ins Lächerliche. Bei „Glee“ geht er ein Stück weiter. Die Serie verbindet das US-Klischee der heilen Highschool-Welt mit jenen Wohlfühlmomenten, die man aus Musical-Filmen kennt. „Glee“ ist daher nicht nur eine Persiflage des Musicalfilms, sondern bedient zugleich auch virtuos die Mechanik des Genres.
Die emotionsgeladenen Momente sind vor allem in den Musik-Sequenzen zu finden, in denen die Highschool-Kids ihre Sorgen, Ängste und Sehnsüchte durch die Interpretation eines Songs formulieren oder in einem Duett ihre Konflikte ausleben. Dabei bedienen sich die Sänger nicht nur aktueller Hits, sondern schöpfen aus dem popkulturellen Fundus der vergangenen 30 Jahre. Im Covern ist die „Glee”-Truppe so begabt, dass nicht selten die Popstars selbst bei Serienmacher Ryan Murphy anklopfen und ihn darum bitten, doch einen ihrer Songs von seiner Mannschaft covern zu lassen. Besonderer Qualitätsbeweis: Auch die „Simpsons“-Macher suchten beim „Glee“-Cast um ein Ständchen für Lisa an. Und sogar Präsident Obama hatte den „Glee“-Cast schon zu Besuch – der Gig war 2010 das Highlight des alljährlichen Osterfestes im Weißen Haus.
Mixtape
Doch wie gelingt es Ryan Murphy mit der Mischung aus Dramaserie, Highschool-Film und Musical, sowohl Teenager als auch deren Eltern in den Bann zu ziehen? Ganz einfach: Indem er beide Zuschauergruppen abholt, sowohl auf der musikalischen wie auf der narrativen Ebene. Für die jüngeren Seher funktioniert „Glee“ wie eine Teenie-Serie, in der gezeigt wird, dass die Rollenverteilung der Highschool-Welt nicht notwendig für das gesamte weitere Leben gelten muss. Und die Älteren werden auf eine Zeitreise in ihre Jugend geschickt. Die Zweiteilung spiegelt sich auch auf der Beziehungsebene, indem Probleme beider Generationen aufgegriffen werden.
Vor allem aber ist es die Musik, die beide Altersgruppen mitnimmt: Dank des Rückgriffs auf aktuelle Chartrenner ebenso wie auf hübsche Achtziger- und Neunziger-Hits, fühlen sich beide musikalisch zu Hause. So gelingt Ryan Murphy etwas Rares: Teenager und ihre Eltern friedlich auf der Fernsehcouch zu vereinen.
