Dossier Fernsehserien – Der Lebenslauf einer US-Serie

Der Lebenslauf einer US-Serie

| Patricia Hauser |

Drama-Serien aus den USA nehmen immer mehr Sendezeit auf europäischen Fernsehkanälen ein und werden verstärkt auf DVD vermarktet. Gleichzeitig entstehen europäische Fassungen von bewährten US-Formaten. Ein Überblick über verschiedene Stationen im Leben einer US-Serie.

Die Ausgangschancen

Ein typisches US-Network lässt sich pro Jahr rund 500 Ideen für Serien präsentieren (Pitches). 50 bis 100 Drehbücher für erste Folgen (Pilots) werden in Auftrag gegeben. 10 bis 20 davon gibt das Network für die Verfilmung frei. Und gerade einmal ein Drittel dieser Pilotfilme schafft es, in Serie zu gehen – am Ende bleiben nur rund fünf Serien übrig, die einen Sendeplatz erhalten.

Aus Angst der Senderverantwortlichen vor Geld- und Jobverlust hält sich die Risikofreude, eine aufwändige neue Serie nach einer originellen Idee zu entwickeln, oft in Grenzen. Nur neue Ärzte, Polizisten oder Anwälte tauchen in schöner Regelmäßigkeit in der Glotze auf. Dennoch betonen die Auftraggeber immer wieder, dass sie nach Neuem suchen oder zumindest nach einem frischen Zugang zu etablierten Themen.

Die Ursprungsidee

Aus Sicht des Fernsehsenders gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten, an Ideen für Serien zu kommen: von außen und von innen. Im ersten Fall schlägt ein Produzent, ein Autor oder sonst jemand, dem es gelingt, einen Termin zu bekommen, der Entwicklungsabteilung ein Konzept vor. Im zweiten Fall lässt sich die Entwicklungsabteilung selbst etwas einfallen. Der Sender kann zum Beispiel Rechte an einem Buch oder Artikel erwerben. Wenn das Thema feststeht, wendet sich der Sender an einen Autor, Agenten oder eine Produktionsfirma. So hat etwa Carolyn Strauss von HBO nach Lektüre eines Sachbuchs über die US-amerikanische Bestattungsindustrie dem Produzenten und American Beauty-Autor Alan Ball vorgeschlagen, eine Show über eine Familie, die ein Bestattungsunternehmen führt, zu entwickeln. Bald darauf war Six Feet Under geboren, eine der bemerkenswertesten Serien der vergangenen Jahre.

Der Pitch

Sich selbst verkaufen zu können, mag gerade in der Fernsehbranche unter Umständen wichtiger sein als die Idee zu einer Show selbst. Beim Pitch geht es darum, mit einer prägnanten Kurzbeschreibung des Konzepts die Verantwortlichen so zu fesseln, dass diese bereit sind, mehrere Millionen zu inves­tieren. In maximal 15 Minuten müssen Hauptfiguren, wichtige Handlungsstränge und typische Konflikte in groben Zügen geschildert werden. Den Finanziers muss dabei ein elastisches Sprungbrett für weitere Möglichkeiten vorgeführt werden – auf der Ursprungsidee zu beharren, erweist sich für den Drehbuchauftrag meist als kontraproduktiv.

Der Pitch ist letztlich ein Verkaufsgespräch: Wer auf vorhersehbare Kommentare eingehen und überzeugen kann, wer über eine ausgefeilte Rhetorik verfügt, wird erfolgreicher sein als ein introvertiertes Genie. Findet das Serienkonzept Anklang und steht es alle Hierarchien durch, fordert der Sender das Drehbuch für den Pilot an.

Das Drehbuch für den Pilot

Als Reaktion auf seine erste Drehbuchfassung erhält der Autor schriftliche Anmerkungen von Produzenten, Senderverantwortlichen und Schauspielern (sofern diese bereits in das Projekt integriert sind). Der Autor hat jetzt Gelegenheit, seine Unvoreingenommenheit und Offenheit gegenüber guten Ideen anderer unter Beweis zu stellen und auf die weniger guten mit Fingerspitzengefühl einzugehen. Natürlich nivellieren dumme Anmerkungen originelle Ansätze, doch die gescheiteren Scriptdoktoren stellen richtige Fragen oder weisen auf Unlogisches im Drehbuch hin. Das Drehbuch sollte diverse Richtungen, in die sich die Serie bewegen kann, offen halten. Kommt das Drehbuch gut an, gibt der Sender die Verfilmung des Pilots in Auftrag.

Die Verfilmung des Pilots

Das Verfassen des Drehbuchs kann sich über Monate ziehen; ist der Auftrag zum Pilotfilm erteilt, erhöht sich das Tempo. Autoren, Schauspieler und andere wichtige Crew-Mitglieder müssen rasch gefunden werden. Das Ziel ist, rechtzeitig vor der Pilot-Präsentation auf den so genannten „Upfronts“ im Mai in New York fertig zu werden. Dort stellen die Sender ihre neuen Serien der Werbewirtschaft vor.

Die Aufgabe des Regisseurs ist, ein Modell für den visuellen Stil der Serie zu schaffen – auch als Vorbild für die Regisseure, die auf ihn folgen. Immer öfter übernehmen Hollywood-Regisseure diese Funktion: Der Pilot zur frechen Arztserie House M.D. (Dr. House) stammt von Bryan Singer (X-Men, Superman Returns, The Usual Suspects), Spike Lee drehte den Pilot zur voriges Jahr lancierten Anwaltsserie Shark mit James Woods, und Lasse Hallström inszenierte die erste Folge einer Serie rund um einen unsterblichen New Yorker Kriminalpolizisten für die nächste Saison (New Amsterdam).

Pilots sind wie kleinere Kinofilme budgetiert. Wenn auch heuer keiner mehr die kolportierten 10 Millionen Dollar des LostPilots erreichen wird, so kosten doch rund die Hälfte der Pilots für neue Serien 6 Millionen oder mehr.

Der Pilot-Test

Nach all diesem Aufwand wird der Pilot von Focus-Gruppen getestet, um die Chancen der Serie abschätzen zu können. Dabei geben die Testseher detailliertes Feedback – über einzelne Serienfiguren bis zum Gesamteindruck. Diese Vorgehensweise ist natürlich umstritten, die Einwände sind bekannt: nur das Durchschnittliche setzt sich durch, Ecken und Kanten werden aussortiert, und dennoch gibt es keine Garantie für den späteren Erfolg beim Publikum. Wegen der Fülle an getestetem Material schaffen es immer wieder auch weniger biedere Ansätze (etwa das Weeds-Konzept) durch das System, da diese eher Aufmerksamkeit erregen. Mittlerweile verzichten manche Sender auf das unberechenbare Testinstrument.

In der Pilot-Phase setzt oft schon das Marketing ein, nachdem sich diese Art des Timings beim Erfolg von Lost bewährt hat. Digitale Verbreitungen (der Auftritt im Internet und anderen zusätzlichen Plattformen) und on-air-Promotions werden zunehmend bereits im Pilot-Stadium angedacht. Zuletzt war die Fantasy-Serie Heroes schon vor der eigentlichen Fernsehpremiere ein Online-Hit und wurde daraufhin zum erfolgreichsten Start der vergangenen Saison (zu Heroes siehe auch den Schlusstext dieses Dossiers, „To Be Continued“).

Der Serienalltag

Ist der Pilot zufrieden stellend, bestellt der Sender Serienfolgen, bei Drama-Serien typischerweise 22 für eine Staffel. Nun schraubt sich das Produktionstempo auf Highspeed: In etwa einer Woche muss das (von den Autorenteams gemeinsam vorausskizzierte) Drehbuch einer Folge geschrieben sein, zwei Wochen später ist sie im Fernsehen zu sehen. Entsprechend dicht sehen die Produktionszeitpläne aus.

Die Lizenzgebühr, die die Produktionsfirma vom Sender erhält, deckt nur einen Teil der Produktionskosten jeder Folge ab. Der Rest ist Produzenten-Risiko. Pro Folge im Schnitt 1,2 Millionen Dollar beträgt die Lizenzgebühr. Da aber eine Folge derzeit etwa 4,5 bis 6,5 Millionen Dollar kostet, sind die wesentlichen Einnahmequellen für den Produzenten der Verkauf der Wiederausstrahlungsrechte an andere Sender, internationale Verkäufe und der Absatz von Serien-DVDs.

Das Schicksal einer Serie

Die Akzeptanz einer Serie hängt von schwer beeinflussbaren Faktoren (Konkurrenzsendungen am gleichen Sendeplatz auf anderen Kanälen, der Platz im gesamten Programmschema, Ausstrahlungstag), aber auch von geschickter Werbung und on-air-Promotion ab. Als entscheidend für die Überlegenheit vieler US-Serien auch in Europa sehen deutsche und englische TV-Produzenten den so genannten „Showrunner“. Der Showrunner ist zumeist der Erfinder der Serie, hat sie erschaffen, konzipiert und oft zumindest das Drehbuch für die erste Folge verfasst. Showrunner haben zumeist einen Background als Schreiber; Dick Wolf (siehe folgendes Porträt) und Jerry Bruckheimer zum Beispiel haben beide als Texter in Werbe­agenturen begonnen.

Der Showrunner plant und entwickelt die Handlung und die Schicksale der Figuren für eine Staffel im Voraus. Er überwacht das Set, die Schauspieler und das Budget, er kontrolliert alle Drehbücher seines Autorenteams. Das Ego des einzelnen Autors muss sich der Vision des Showrunners unterordnen. Dafür werden TV-Autoren sehr gut bezahlt: Der von der amerikanischen Autorenvereinigung vorgeschriebene Minimumtarif für eine einstündige Folge einer Networkserie beträgt 27.000 Dollar.

Bei Schwierigkeiten

In diesem Fall hoffen die Produzenten, dass die Serie ein so genannter „slow starter“ ist, aber später noch zum Hit wird, wie zahlreiche Beispiele aus der Fernsehgeschichte (etwa Seinfeld oder jüngst Dr. House, die anfänglich von baldiger Absetzung bedroht waren). Eventuell kann sich eine engagierte und organisierte Fangemeinde im Internet auszahlen: Die nach der ersten Staffel mangels ausreichender Quote von CBS abgesetzte Serie Jericho (über eine nach einem Nuklearunfall isolierte Kleinstadt in Kansas, derzeit auf ProSieben) kehrt nun für sieben Folgen in das CBS-Herbstprogramm zurück. Fans der Serie hatten einen Online-Protest orchestriert, der im Abladen von 20 Tonnen Erdnüssen vor den Toren des CBS-Headquarters in Los Angeles und New York gipfelte. Die Regel zu dieser Ausnahme heißt allerdings: Schlechte Quoten können eine Serie nach wenigen Wochen killen. Selbst die Beteiligung bekannter Namen beeinflusst die Geduld der Sender nicht nachhaltig. So wurde etwa Smith trotz seines Stars Ray Liotta nach drei Wochen abgesetzt.

Die Früchte des Erfolgs

Die Preise für Werbeeinschaltungen richten sich selbstverständlich nach den Quoten: ein 30-Sekunden-Spot in CSI kostete 2005 bis zu 280.000 Dollar, in Friends auf dem Höhepunkt der Beliebtheit gar 455.700 Dollar. Eine weitere wichtige Einnahmequelle für Produzenten und „Muttersender“ ist der Verkauf der Wiederausstrahlungsrechte (syndication rights) an andere (Kabel)Sender. Typischerweise erfolgt ein entsprechender Deal nach etwa 100 Folgen (also etwa in der 5. Staffel), immer häufiger aber schon früher. Beispielhafte Preise pro Folge: 1,325 Millionen Dollar für Without a Trace, 1,4 Millionen für Cold Case, 2 Millionen für Law&Order: Criminal Intent.

Konkurrenz treibt den Preis weiter in die Höhe: So setzte sich der Kabelsender A&E gegen den Konkurrenten TNT durch – mit der Bereitschaft, 2,55 Millionen Dollar pro Folge Sopranos zu zahlen. Bei 78 Folgen exklusiv für vier Jahre ergab das für HBO Einnahmen von 175 Millionen Dollar. Ausgezahlt hat es sich für A&E trotzdem: Die Wiederholung der Sopranos brachte dem Network eine Verdreifachung der Zuschauerzahlen und entsprechend erhöhte Werbeeinnahmen.

Weiterer Profit wird mit Videospielen, Ringtones und ähnlichem Merchandising generiert, immer relevanter werden auch zusätzliche Plattformen: „mobisodes“ sind Kurzfolgen extra fürs Handy, „webisodes“ gegen Bezahlung nur im Internet zu sehende Folgen. Video-on-demand bringt zusätzliche Einnahmen, aber auch Serienstaffel-DVDs beziehungsweise deren internationale Lizenzierung (Koch Media Deutschland etwa bringt dieser Tage bereits die achte Staffel der äußerst beliebten All-American-Sitcom King of Queens heraus).

Die internationalen Möglichkeiten

Der internationale Markt für US-TV-Programme wird auf über 5 Milliarden Dollar geschätzt. Allein deutsche Sender haben laut Branchenblatt Variety 2005 Ausstrahlungssrechte im Wert von 560 Millionen Dollar erworben. 2006 ist das Volumen von US-Programmen, die in Europa ausgestrahlt werden, um 20 Prozent gestiegen. Angesichts dieser Erträge wird die potenzielle Attraktivität für internationale Seher neuerdings von den Produzenten schon bei der Serienentwicklung mitbedacht.

Durchschnittlich erzielbare Preise auf Auslandsmärkten listet hollywoodreporter.com pro Stunde Serie wie folgt auf:

• England: 25.000-100.000$
• Deutschland und Italien, Lateinamerika: 25.000-75.000$
• Frankreich: 20.000-60.000$
• Niederlande: 10.000-20.000$
• Osteuropa: 15.000-50.000$
• Australien 20.000-50.000 $

Das sind Richtwerte, die im Einzelfall stark abweichen können. Quotenhits wie Lost, Desperate Housewives, CSI, Law & Order können bis zu einer Million Dollar pro Folge erreichen. In jüngster Zeit nimmt der Verkauf der Formatrechte für internationale Versionen von Drama-Serien zu. Die US-Studios verdienen an lokalen, von ihnen beaufsichtigten Adaptionen. Im September 2007 eröffnet NBC eine Dependance in London, die solche Versionen in Kooperation mit lokalen Firmen herstellen soll. Besonders in England, Frankreich, Spanien und Deutschland zeigt man Inter-esse an bewährten Konzepten, statt an eigenen Serienideen zu tüfteln und in riskante Eigenproduktionen zu investieren.