Serienguru und „Law&Order“-Erfinder Dick Wolf im Porträt.
Großmütter, die die eigenen Enkel vergiften, Siebenjährige, die Siebenjährige erschießen, Söhne, die ihre Eltern schlagen, Mütter, die ihre Söhne sexuell missbrauchen und zum Mord anstiften, sie alle haben ihn auf Platz 7 der Forbes-Liste der 25 Bestverdiener im Entertainment gebracht.
Dick Wolf, 60, ist der Erfinder von Law&Order (seit 1990) samt der Ableger L&O: Special Victims Unit (seit 1999, hierzulande L&O: New York) und Criminal Intent (seit 2001). Das Flaggschiff Law&Order kehrt diese Saison zum achtzehnten Mal auf die US-Bildschirme zurück, was die Serie wie einen Dinosaurier in der trendorientierten, nervösen TV-Serienbranche anmuten lässt. Keine derzeit ausgestrahlte Kino- und Dramaserie und nur eine in der gesamten Geschichte des US-Fernsehens (Gunsmoke) lief länger: Eine Formel, die jedes Jahr über eine Milliarde Dollar an Werbeeinnahmen generiert. Law&Order wird weltweit ausgestrahlt. Wer in fremden Ländern weilt und ihren Ernsthaftigkeit signalisierenden Jingle hört (von Wolf selbst als „Ching-Ching“ lautmalerisch beschrieben), verspürt fast ein Gefühl von Heimeligkeit.
Wolf beginnt als Werbetexter in New York. Nach seiner Übersiedlung nach Los Angeles schreibt er 1977 seinen ersten, von einer Zeitungsschlagzeile inspirierten Film Skateboard. Da ihm bei folgenden Filmprojekten die Zeit bis zur Realisierung zu lange dauert, wechselt er zum Fernsehen. In den 80er Jahren verfasst er Drehbücher für Miami Vice. Anfang der 90er Jahre besteht Wolf für Law&Order gegen alle Widerstände auf einem wackeligen, rauen Handkamerastil – mittlerweile eine vielfach kopierte Selbstverständlichkeit. In den ersten fünf Jahren sind die Cops und Anwälte aus Law&Order jede Saison von Absetzung bedroht.
Sekretär der Geschichte
Auf seine Ursprünge als Schreiber besinnt sich Wolf heute noch. Auf seinem Schreibtisch steht ein Schild mit der Aufschrift „It’s the writing stupid“. Jeden Tag liest er ein halbes Dutzend Zeitungen, um auf neue Ideen zu kommen. Wobei er dann seinen Geschichten mit den Autorenteams noch jenen intelligent durchdachten Extra-Twist verpasst, für den die Law&Order-Fälle berühmt sind. Die Ermittlungen bringen stets Ergebnisse, die eindeutig in eine bestimmte Richtung weisen, bevor die überraschende Wendung kommt. Nicht unangenehm belehrend, kreisen die Fälle immer wieder um aktuelle und medial präsente Themen wie Anti-AbtreibungsFanatismus, Sterbehilfe, Stammzellen oder Selbstjustiz. In den gelungensten Folgen sei „die erste Hälfte das Murder-Mystery und die zweite Hälfte das Moral-Mystery“, erklärt Wolf.
Ähnlich wie Balzac sei er „ein Sekretär der Geschichte“, seine Aufzeichnungen der unterschiedlichen Milieus von New York machen die Stadt (für alle, die sie lieben, wie bei Sex and the City) zum eigentlichen Star der Serie. Im Big Apple von Law&Order herrscht meist Winter, auf ihren hastigen Gängen von Termin zu Termin tragen die Figuren Mäntel, die brütende Schwüle des New Yorker Sommers kommt (bedingt durch die Drehzeitpläne) kaum vor. Die Hauptrolle New Yorks ist insofern erstaunlich, da Wolf und sein Autorenteam (mit einer Ausnahme) immer von Los Angeles aus arbeiten, wo auch Wolfs zu NBC gehörende Produktionsfirma beheimatet ist. Gedreht wird an den New Yorker Originalschauplätzen. Zwischen Fertigstellung des Drehbuchs einer Folge und dem Dreh hat man acht Tage Zeit, um Locations zu finden, zu casten und zu proben. „Wenn alles läuft, sehen wir Dick nicht. Er bringt sich nur ein, wenn es Unklarheiten gibt“, sagt Law&Order-Veteran Sam Waterston (der seit 1994 den stellvertretenden Bezirksstaatsanwalt McCoy spielt und in der kommenden Saison endlich zum Bezirksstaatsanwalt aufsteigt). Viele seiner Mitarbeiter und Schauspieler arbeiten schon seit Jahrzehnten für Wolf – außergewöhnlich in einer treulosen Branche.
Entwickelte Marke
Was Wolf mit CSI-Produzent Jerry Bruckheimer (der auf der Forbes-Liste einen Platz vor ihm rangiert) verbindet, ist das Festhalten an einem soliden Modell in sich abgeschlossener Folgen mit gering dosierten Backgroundstories aus dem Privatleben der Hauptfiguren. Was ihn von Bruckheimer und CSI unterscheidet, ist ein Mehr an Substanz, das Wolf selbst so umschreibt: „CSI ist ein Franchiseunternehmen, Law&Order eine entwickelte Marke.“ Bei Law&Order gehe es um Langlebigkeit und darum, für den Muttersender NBC ein Profitcenter zu sein, aber nicht darum, „hot“ zu wirken.
Mittlerweile arbeitet Wolf international an jeweils lokalen Versionen seiner Hits, einem französischen Criminal Intent (worauf er als Honorarkonsul von Monaco besonders stolz ist) und einem russischen Law&Order: Special Victims Unit. Auch jenseits des Seriellen ist Wolf erfolgreich: 2003 erhielt der von ihm produzierte Kurzdokumentarfilm Twin Towers einen Oscar, sein diesjähriger TV-Film für HBO, Bury my heart at Wounded Knee, ist für 17 Emmys nominiert.
Patricia Hauser hat an der University of London ein Postgraduate-Studium über Englische und Amerikanische Serienentwicklung/Produktion abgeschlossen. Sie arbeitet zur Zeit im Bereich Öffentlichkeitsarbeit.
