Citroen DS Film

Dossier Gangsterfilm

Die Göttin der Unterwelt

| Andreas Ungerböck |

Mit der 1955 erstmals präsentierten Modellreihe DS gelang Citroën die perfekte Verschmelzung von Design und Zweck. Nicht nur Politiker und angesehene Bürger wussten das zu schätzen.

Dieses Auto war die Sensation des Pariser Automobilsalons im Oktober 1955. Schon am ersten Tag wurden 12.000 Vorbestellungen registriert, bis zum Ende der Ausstellung hatten unfassbare 80.000 Besucher das neue Flaggschiff des großen französischen Herstellers, die DS, geordert. Zu den frühen Bewunderern des Wagens zählte kein Geringerer als der französische Denker Roland Barthes (1915–1980), der in seinem berühmt gewordenen Text „Der neue Citroën“, erschienen in der Essaysammlung Mythologies (1957, deutsch: Mythen des Alltags, edition suhrkamp 92) nicht mehr und nicht weniger behauptete, als dass dieses Auto „vom Himmel gefallen“ sein müsse, ja, es handle sich um „einen Wendepunkt in der Mythologie des Automobils“. Barthes’ frühe Apotheose korreliert aufs Trefflichste mit dem Kult und dem Mythos, die sich seither um das Auto ranken: DS, so fanden gewitzte Zeitgenossen bald heraus, sei doch eine formelhafte Verkürzung des Wortes déesse (= Göttin). Es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, ob man sich bei Citroën dessen überhaupt bewusst war. DS 19 (der Name des ersten Modells) war jedenfalls, wie bei nüchternen Autobauern üblich, eine aus der Entwicklung heraus entstandene Typenbezeichnung, wobei die 19 für den Hubraum (ca. 1.900 cm³) des Autos stand. Wie auch immer, man nahm von Werksseite diesen Hinweis dankbar auf: A star was born. Tatsache war auch, dass der Wagen, der keinesfalls billig war und eher für die gehobene Klasse der Autokäufer gedacht war, sehr schnell zum Kultobjekt wurde – und es bis heute ist. Es gibt nicht wenige Geschichten darüber, wie sehr sich auch finanziell weniger potente Kunden nach der „Göttin“ sehnten. Wenngleich das robuste Auto ja ohnehin kaum kaputtzukriegen war, florierte auch der Gebrauchtwagenhandel mit der DS, und noch heute fahren sorgsam gehütete, aber seit ihrer Jugend nicht wesentlich gealterte Modelle bei Sonntagsausflügen und Veteranen-Treffen durch die Gegend, hauptsächlich natürlich im heimatlichen Frankreich.

Ein großer Fan des ikonischen Gefährts war der populäre Staatspräsident Charles de Gaulle – eine Tatsache, die die Beliebtheit der DS zusätzlich beflügelte. Die Legende besagt, dass de Gaulle ein im August 1962 von der für den Verbleib Algeriens bei Frankreich kämpfenden Untergrundbewegung OAS verübtes Attentat nur deswegen überlebte, weil die revolutionäre Hydraulikfederung (wer jemals in einer DS gesessen hat, weiß, wovon hier die Rede ist) es ermöglichte, trotz eines zerschossenen Reifens die Stätte des Anschlags in hohem Tempo zu verlassen. Und es war natürlich nur eine Frage der Zeit, bis sich auch die populäre Kultur des bereits hochgradig mythologischen Vehikels zu bedienen begann. Mit Louis Malles L’Ascenseur pour l’échafaud (Fahrstuhl zum Schafott, 1957) ging es los, danach gab es kein Halten mehr.

Cars on Film

Georg Seeßlen hat in Der Asphalt-Dschungel (1980), seinem Standardwerk zum Gangsterfilm, zu Recht bemerkt, dass der erste Höhepunkt der Popularität des Genres mit dem Aufkommen des Tonfilms in engem Zusammenhang steht – nicht so sehr, weil man die Gangster plötzlich reden hören konnte, sondern weil die Insignien des modernen Großstadtgangsters (Telefon, Waffen und – vor allem – Autos) plötzlich eine „Stimme“ hatten. Der Gangsterfilm ist ein Genre, das wie kaum ein anderes von den Versatzstücken lebt, von der Ausstattung, von den Requisiten. Und Autos, wen wundert es, waren und sind für Gangster erstens überlebenswichtig und zweitens perfekte Statussymbole.

Man kann gar nicht daran denken, vollständig aufzuzählen, in wie vielen Gangster- (und das heißt auch immer: Polizeifilmen) Autos eine zentrale Rolle spielen – von Arthur Penns Bonnie and Clyde (1967) mit seinem emblematischen Schlussbild des von Kugeln durchsiebten Fluchtautos des Gangsterpärchens über die bis heute unübertroffene Verfolgungsjagd durch die Straßen von Brooklyn in William Friedkins Meilenstein French Connection (1971) bis hin zu Jean-Pierre Melvilles Le Cercle rouge (Vier im roten Kreis, 1970). Im Mittelpunkt vieler Gangsterfilme, und nicht nur bei Melville, steht seit seiner Markteinführung sehr oft der Citroën DS: Man denke nur an die enorm populäre Fantômas-Trilogie (1964 bis 1966) von André Hunnebelle mit dem unsterblichen Duell zwischen Jean Marais als Oberbösewicht und Louis de Funès als schusseligem Kommissar Juve: Die im technikgläubigen James-Bond- Stil gedrehten Filme warteten sogar mit einer fliegenden DS mit einziehbaren Flügeln als Vehikel für den Superverbrecher Fantômas auf. Auch die Maigret-Serien in Kino und Fernsehen mochten auf das repräsentative Gefährt nicht verzichten. Der von Georges Simenon erfundene Pariser Kommissar war allerdings auch schon vor der DS Citroën-Fahrer.

Wie auch immer, die déesse war in Frankreich Zeit ihrer Existenz (1955–1976) und darüber hinaus stets mehr als bloß ein Auto, mehr als ein in Filmen verwendetes fahrtüchtiges Objekt, sie wurde darüber hinaus zu einem ikonografischen Merkmal dessen, was man etwas diffus „französisches Lebensgefühl“ nennen könnte: Gitanes oder Gauloises (filterlos, versteht sich) rauchen, Café Crême trinken, ein Croissant dazu essen und eine déesse fahren, so in etwa könnte man dieses Gefühl umreißen, jedenfalls und ganz bestimmt in den Sechziger und Siebziger Jahren, als Frankreich noch nicht dieses durch und durch amerikanisierte Land war, als das es sich heute, wenn auch von den Franzosen nicht gerne eingestanden, präsentiert.

In der Tat gibt es eine ganze Welle von französischen Filmen, French Connection II (John Frankenheimer, 1975) die ohne die DS einen ganz wesentlichen Reiz verloren hätte: Es handelt sich um den „typischen“ Gangsterfilm der Sechziger und Siebziger Jahre, der fast immer eine französisch-italienische Koproduktion (oder umgekehrt) war – „Gebrauchsfilme“ ohne allzu große künstlerische Ambitionen, aber sehr gediegen in Erzählweise und Ausstattung und enorm unterhaltsam. Diese Filme, gedreht von heute vielfach unterschätzten Regisseuren wie Henri Verneuil, Georges Lautner, René Clement, Jacques Deray und anderen und bevölkert von Stars wie Jean Gabin, Jean-Paul Belmondo, Alain Delon und Lino Ventura, sind heute – trotz nachweislich großer Fangemeinde – fast völlig von der Bildfläche verschwunden und in vielen Fällen auch nicht auf DVD erhältlich. Man hat sie unter anderem deswegen im Gedächtnis, weil in ihnen schweigsame Männer in einem „göttlichen“ Auto die Kurven an den Abhängen der Côte d’Azur hinuntergleiten wie auf den Schwingen eines großen, meist schwarzen Raubvogels. Diese Szenerie ist die „Essenz“ dieser sehr mediterranen Krimis, denn natürlich gehören der Süden, die Sonne, die Küste, kühle Drinks und schöne Frauen ebenso zu diesem sehr speziellen Genre wie Schmuggel, Glücksspiel, undurchsichtige politische Aufträge und das „Leben an der Grenze“ zwischen Frankreich und Italien im Allgemeinen, das auch als treffliche Metapher für Risikobereitschaft und ein unangepasstes Leben dient. Die Göttin war hier vornehmlich eine der Unterwelt.

Die eher avantgardistischen designerischen Qualitäten andererseits, die die déesse als kühne, einzigartige Erfindung von Anfang an kennzeichneten, zog aber auch städtische Intellektuelle (siehe Roland Barthes) unweigerlich an. Auch in vielen Filmen der Nouvelle-Vague-Regisseure spielte der Citroën DS in seinen verschiedenen Ausprägungen eine wichtige Rolle, so etwa in François Truffauts La Peau douce (Die süsse Haut, 1964) oder in Alain Resnais’ La Guerre est finie (Der Krieg ist vorbei, 1966).

Die Faszination der déesse blieb aber selbstverständlich nicht auf Frankreich beschränkt. Auch in Krimi-TV-Serien wie in dem britischen Publikumserfolg The Saint (deutsch: Simon Templar, 1962–1969) oder im amerikanischen MacGyver (1985–1991) zollte man dem französischen Kultauto Tribut. Und es blieb einem nicht-französischen Nicht-Gangsterfilm vorbehalten, die „Göttin“ auch in den Titel aufzunehmen: Im Jahr 2000 entstand der von der aus Hongkong stammenden Regisseurin Clara Law in Australien gedrehte Film The Goddess of 1967. J. M., ein junger, reicher Japaner kommt nach Australien, um eine DS zu kaufen. Doch der Händler, mit dem er den Kauf vereinbart hat, ist tot, als J. M. eintrifft. Im Haus befindet sich ein 17-jähriges Mädchen, mit dem sich der Japaner schließlich in einem pink(!)farbenen Citroën auf eine fünftägige Reise durch das australische Outback macht.

Citroën hat für 2010 die Wiedereinführung der DS-Serie angekündigt, doch die Enttäuschung unter Autofreaks war groß: Mit dem berühmten Aushängeschild der Firma hat das neue Fahrzeug – sieht man von den vier Rädern ab – wenig zu tun.