Wuchtig, streckenweise virtuos und substanziell: Dennoch wird Lars von Triers „Nymphomaniac“ vor allem wegen der „skandalösen“ Sexszenen in Erinnerung bleiben. Eine Bilanz.
Alle paar Jahre wieder: Lars von Trier, der dänische Querkopf, inzwischen schon lange kein Enfant mehr, sondern ein Adult terrible, sorgt für Aufregung. Gerne tut er es mit verbalen Ausfällen wie 1991 in Cannes, als er seiner Enttäuschung über die nicht erfolgte Auszeichnung seines Films Europa Ausdruck verlieh, indem er den Jury-Präsidenten Roman Polanski angriff („Der Zwerg wollte mich nicht gewinnen lassen“), als er sich den Vorwurf einhandelte, anti-amerikanisch zu sein und er George W. Bush als „Arschloch“ bezeichnete (2005), oder 2011, als er sich mit seinem dummen Nazi-Sager in Cannes in die Ecke manövrierte und man ihn des Festivals verwies – ohnehin aber, versteht sich, nur für diese eine Ausgabe. Denn natürlich braucht selbst das größte und wichtigste Festival der Welt den ollen Lars. Was wäre Cannes schließlich ohne zünftigen Skandal? Ob Madonna auf den berühmten Treppen zum Festivalpalais ihre Gaultier-Unterwäsche präsentiert (1991), oder ob Gaspard Noés Irreversible 2002 mit ultra-brutalen Szenen sensible Festivalbesucher ins Sauerstoffzelt bringt – Hauptsache, man bleibt im Gespräch, und die Show muss bekanntlich weiter gehen.
Im Gespräch bleiben: Dasselbe gilt natürlich auch für Lars von Trier, und so lässt er sich auch für seine Filme immer wieder etwas einfallen, das die internationale Film-Community für eine Weile aufschreckt und beschäftigt. Ob Idioterne mit fröhlichem Rudelbumsen in körnigem Schwarzweiß, ob Dogma95-Manifest, ob katholische Erlösungsphantasie (Breaking the Waves), ob Musical mit „blinder“ Björk und Ouvertüren-Musik (endlich! die Goldene Palme! für Dancer in the Dark), ob Kino als abgefilmtes Theater mit Kreidestrichen auf dem Boden und mit Nicole Kidman (Dogville), ob extreme Gewalt (Antichrist) oder gleich gar der Weltuntergang (Melancholia) – der Meister liefert zuverlässig und pünktlich Gesprächsstoff. Für sein neuestes Werk Nymphomaniac, dessen erster Teil (von zwei) in einer „ungeschnittenen“ Fassung bei der Berlinale läuft und in einer „geschnittenen“ Version anschließend sofort ins Kino kommt (nur ja nicht den Festival-Hype ungenützt verstreichen lassen!), greift der alte Magier ganz tief in seinen Zylinder und zaubert etwas ganz Originelles hervor: tatatata … Trommelwirbel … Sex! Nein, mehr noch: expliziten Sex! Erigierte Pimmel. Muschis in Großaufnahme. Ein Blowjob. Sadismus. Masochismus. Zwei gut bestückte (und sichtbar erregte) Afrikaner, wenn auch nicht in Aktion. Lesbischer Sex. Hechel … und das ist nur die geschnittene Fassung, wie „arg“ muss erst der Director’s Cut sein! Selbstverständlich darf der Hinweis auf der Leinwand nicht fehlen, dass Meister Von Trier mit der zensurierten Fassung zwar einverstanden ist, aber nicht selbst Hand angelegt hat – wenn das in diesem Fall keine schiefe Metapher ist.
Substanz
Es ist etwas Eigenartiges an Lars von Triers Filmen, ob man sie nun mag oder nicht, ob man die ungeheuren Plattitüden, die der Regisseur der Presse gegenüber absondert (er ist ein eingefleischter Interview-Hasser), ernst nimmt oder nicht, ob man die ganze Hysterie, die sich rund um sie aufbaut – was z.B. vor der Premiere von Dancer in the Dark in Cannes los war, lässt sich mit Worten kaum beschreiben –, verabscheut oder nicht: Sie haben (fast) alle mehr Substanz als diejenigen, die wegen des ganzen Rummels nur mehr entnervt abwinken, wahrhaben wollen: In ihren besten Momenten – und davon gibt es im Laufe seiner langen Karriere sehr viele – sind sie brillante, genial entworfene und überzeugend inszenierte persönliche Visionen eines Schwierigen. Es geht immer um alles, um die Existenz, den Menschen, den Glauben, die Welt, und manchmal ist das einfach zu viel. Das Ganze muss natürlich auch spektakulär aufbereitet sein, und deswegen gibt es Ouvertüren (siehe oben), deswegen gibt es Kapitel mit bisweilen recht holprigen Überschriften (so auch in Nymphomaniac), und alles muss stundenlang dauern. Die Mysterien müssen wabern, und Von Triers filmischer „Übervater“ Carl Theodor Dreyer – wann hat eigentlich zuletzt jemand einen Dreyer-Film gesehen? – muss wieder und wieder herhalten, wenn die internationale Filmkritik um jeglichen anderen Vergleich verlegen ist.
Von daher kann es nicht überraschen, dass auch Nympho-
maniac einerseits more of the same bietet, während der Film doch andererseits – das muss man dem dänischen Exzentriker schon konzedieren – allein wegen des puren Exzesses turmhoch über das gängige europäische Arthouse-Kino hinausragt. Überhaupt, das europäische Arthouse-Kino: Das war noch nie Von Triers Ding. Sagt dieses nämlich: „Mach regionale Filme“, lässt der dänische Regisseur das Geschehen in einem nicht weiter definierten „Europa“ auf Englisch abrollen (wohl auch den zahlreich versammelten Miminnen und Mimen aus den USA und aus Großbritannien geschuldet). Sagt das europäische Arthouse-Kino: „Beschäftige junge, lokale Kräfte“, setzt Von Trier – schnarch – Rammstein, of all people, ein und entblödet sich nicht, zwei gamsige Teenager zu den Klängen der Sixties-Biker-Hymne „Born to Be Wild“ auf eine Sex-Safari durch einen nahezu ausschließlich mit Männern besetzten Zug zu schicken, der aussieht, als habe Agatha Christie darin eben noch „Mord im Orientexpress“ verfasst.
Und dergleichen mehr. Der ganze Von-Trier-Kanon. Katholisches, Übersinnliches (eine schwebende Jungfrau), Ostkirche vs. Westkirche, Ikonenmalerei, literarische Verweise, Musik, Psychiatrie, Wissenschaft, Privatgelehrtentum, allerlei Bildungsbürgerliches, das der selbst ernannte Bürgerschreck aus dem Norden immer dann völlig schamlos einsetzt, wenn es ihm nützt. Man muss ihn ob dieser Inkonsequenz fast schon lieb haben. Und auch dass er maßlos albern sein kann, hat Von Trier schon oft bewiesen, nicht nur mit Idioterne. Auch in Nymphomaniac manifestiert es sich in zweckfreien animierten Grafiken, die etwa eingesetzt werden, wenn die weibliche Hauptfigur ein Auto einparkt, und auch dann, wenn sie, 15-jährig, von einem groben Kerl, den sie sich selbst ausgesucht hat, reichlich lieblos entjungfert wird. Die Defloration als Initiation einer jungen Frau in die harte Erwachsenenwelt – ach, Lars!
Lebensbeichte
Die Geschichte geht so: Joe (Charlotte Gainsbourg) liegt auf der Straße, sie blutet, es beginnt zu schneien. Ist sie tot? Nein, nur verletzt. Ein älterer Herr namens Seligman (Stellan Skarsgård) findet sie, nimmt sie mit in seine reichlich abgefuckte Wohnung und kocht ihr Tee. Ist er Jude? Hat er einen Beruf? Man weiß es nicht. Ist er unheimlich? Nein. Er hat die Funktion des Zuhörenden, ist quasi unser Mann auf der Leinwand, stellt die Fragen, die wir als Publikum vielleicht auch stellen würden. Und Joe hebt an zu erzählen. Ihr einziges Thema: ihr Leben als Nymphomanin („We call ourselves sex addicts“, wird sie in einer Selbsthilfegruppe zurechtgewiesen, selbst auf dieses Gebiet also ist die politische Korrektheit schon vorgedrungen). Wir sehen diese Lebensbeichte nun vor uns abrollen, in allen grafischen Details, wie es so schön heißt, und – das ist nun wirklich ein bisschen langweilig – ziemlich chronologisch. Die Passion einer unheiligen Jeanne d’Arc (Dreyer!), der Leidensweg eines weiblichen Jesus Christus (inklusive Geißelung, einer der stärksten Abschnitte des Films)? Blasphemie womöglich? Nein.
Öfter kommt es zu Redundanzen, wenn man das sieht, was die Protagonistin eben geschildert hat – oder umgekehrt. Bis in den zweiten Teil hinein wird die ungehemmt agierende, kopulierende und fellierende Joe nicht von Gainsbourg, sondern von dem Model Stacy Martin dargestellt. Shia LaBeouf, der Joes Ehemann darstellt, wird gelegentlich, aber nicht immer, von einem Muskelprotz Body-gedoubelt. Seltsam. Die eine oder andere bemerkenswerte erzählerische Bresche durch den Sexdschungel wird freigelegt, wie die innige Beziehung Joes zu ihrem Vater (Christian Slater). In solchen Momenten deutet sich an, dass Nymphomaniac um einiges reichhaltiger ist, als es der vorauseilende Ruf als reiner „Skandalfilm“ vermuten lässt. Im zweiten Teil, wenn sich Joes Lust zunehmend in Frust wandelt, sich der einfache Sex-Kick mittels Missionars- oder Cowboy-Stellung nicht mehr so recht einstellen will, ungefähr ab da, wo die „echte“ Charlotte Gainsbourg – allerdings minus echter Vagina (siehe nachstehendes Interview) – zu sehen ist, verschärft Von Trier den Tonfall und die Gangart, und spätestens hier werden zartere Gemüter im Publikum ein Problem bekommen. Jamie Bell, der Tintin aus Steven Spielbergs Tim und Struppi, agiert hier ganz und gar un-Tim-und-Struppi-haft, eine der gelungenen Überraschungen des Films, ebenso wie die Kurzauftritte alter Von-Trier-Spezis wie Udo Kier, der als überforderter Kellner miterlebt, was Joe alles mit Löffeln anstellen kann, von Jean-Marc Barr (blown away), von Willem Dafoe oder Caroline Goodall (White Squall, 1996).
Zirkus
Ja, Lars von Trier kann einen immer noch verblüffen, etwa mit der großartigen (einzigen) Szene von Uma Thurman, der die Nymphomanin den Ehemann „entlehnt“ hat. Furios rückt sie mit ihren drei kleinen Söhnen an, um den Sprößlingen drastisch zu demonstrieren, wo ihr geliebter Papa sich die Nächte um die Ohren schlägt. Das ist eine Sequenz von solch umwerfender Komik, dass man sich buchstäblich im falschen Film bzw. beim falschen Regisseur wähnt. Doch die Szene ist auch ein wenig symptomatisch für die Grundproblematik des Films: Verblüffung hier, Staunen da, es ist ein bisschen wie im Zirkus, alles geht, alles dreht sich, alles bewegt sich, doch wer wird sich später daran erinnern? Nicht viele.
Es liegt eine gewisse tragische Ironie darin, dass Lars von Trier dann am besten ist, wenn er am wenigsten „provoziert“, und dass genau das doch am wenigsten bemerkt wird. So wird auch alles, was tiefer geht in diesem Film, und das ist nicht wenig, immer wieder überlagert von den ausladenden Sexszenen, die, so steht zu vermuten, in der Uncut-Version noch ein wenig länger dauern werden. So zieht man nach vier Stunden Von Trierschen intellektuellen und sexuellen Dauerfeuers, wenn Charlotte Gainsbourg ihre Version des Hendrix-Haderns „Hey Joe“ haucht, ein wenig ermattet Bilanz und stellt fest, dass man in des Meisters Kosmos zwar viel Virtuoses, aber letztlich doch wenig Neues entdeckt hat. Frauen, das sei hier nur kurz gestreift, weil es wirklich den Rahmen sprengen würde, müssen letztlich leiden oder zu Opfern werden, wenn sie Spaß haben und/oder frei sein wollen: Diesen Kausalzusammenhang kennt man schon aus früheren Von-Trier-Filmen, der konnte einem – bei aller seiner Brillanz und emotionalen Wucht – schon in Breaking the Waves gehörig auf den Wecker gehen. Männer wiederum sind, mehrere von ihnen und mehrmals in diesem Film, Schweine, auch das ist keine besonders neue Erkenntnis.
Und, um diese ketzerische Frage zu guter Letzt auch noch zu stellen: Wie sinnvoll Sinn ist es überhaupt, so viele pornografische Szenen zu drehen – mit Vaginal-Prothesen und Body Doubles, weil die gewünschten Darsteller und -innen (verständlicherweise) nicht so gerne ihre Genitalien in Großaufnahme zeigen wollen? Ist das nicht alles ein bisschen ein Krampf? Und ist es selbst heute, zur Hälfte des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, noch so, dass man reichlich Bildungsgut und Problem-Stoff in einen Film mithineinverpacken muss, damit auch die Bürgerin und der Bürger, die Studentin und der Student, die Unternehmerin und der Unternehmer, sich legitimiert sehen, sich diese hohe Konzentration an gelebter menschlicher Sexualität im Kino zu Gemüte zu führen? Sollten Sexszenen, wenn sie denn vorkommen müssen (das klassische Kino war in Bezug darauf bekanntlich anderer Ansicht), inzwischen nicht völlig selbstverständlich sein? Müssen diese Dinge alle paar Jahre wieder und wieder neu diskutiert werden? Muss jetzt wirklich wieder „Skandal“ geschrien werden? Womit wir wieder am Anfang angelangt wären.
