Dossier Louis Feuillade – Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

| Maya McKechneay |

Mit der Filmfigur des Fantômas schuf Louis Feuillade nicht nur den ersten anarchistischen Superverbrecher des Kinos, sondern zugleich eine Projektionsfläche versteckter bürgerlicher Ängste. Denn wie Feuillade selbst ist auch Fantômas ein Meister der Inszenierung.

Im Internet entschlüpft er einem ebenso leicht, wie seinen Verfolgern in den Geschichten: Fantômas. Googelt man ihn, wird man zu unzähligen Seiten der nach ihm benannten Band von Mike Patton geleitet. Das gleiche bei YouTube: Musikvideos, Ausschnitte aus Louis de Funès-Filmen der Fantômas-Reihe. Das kommt der Sache schon näher, doch der Ur-Fantômas, jene Gestalt aus den Romanen des Autoren-Duos Pierre Souvestre und Marcel Allain, ist nicht so leicht zu fassen. Ebenso schwer fällt die Suche nach der gleichnamigen Filmserie aus dem Studio Gaumont, die in den Jahren 1913 und 1914 entstand. Eine Rarität – doch vielleicht nicht mehr lange, denn mittlerweile erscheinen Fantômas-DVDs und Bücher. In Zeiten wie diesen brauchen wir den Schwarzen Mann.

Das Wahre im Falschen

Doch beginnen wir, wo alles begann, im Jahr 1911 in Paris. Der auf Mystery-Geschichten spezialisierte Verleger Arthème Fayard beauftragte die Autoren Pierre Souvestre und Marcel Allain mit einer Geschichte, wie sie damals eben gut lief: ein bisschen wie Gaston Leroux’ Phantom der Oper (Erstveröffentlichung 1911), ein bisschen wie Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes (erschienen zwischen 1887–1927) – und schon gab es Fantomous, der aufgrund eines Korrekturfehlers schließlich „Fantômas“ hieß, und seine beiden Gegenspieler, den etwas behäbigen Inspektor Juve und den jüngeren Journalisten Jerômé Fandor.

Dass der Polizeibeamte hier nicht durch einen behäbigen Arzt wie Watson, sondern durch einen findigen Reporter begleitet wird, mag daran liegen, dass Souvestre, der Seniorpartner des Autorenduos, selbst jahrelang als Journalist gearbeitet hatte – wie im übrigen auch Feuillade selbst, bevor dieser zum Kino kam. So grotesk und blutrünstig die Höhepunkte der Geschichten auch ausgestaltet sind: In den Romanen und in den Filmen Feuillades haben sie stets eine erstaunliche Detailgenauigkeit. Unheil und Katastrophen sind gewissermaßen aus der Alltagsrecherche geboren – weshalb sie uns auch dermaßen betreffen.

Aber zurück zu Fantômas. Zu Beginn der Feuillade-Episoden ist jeweils eine Nahaufnahme seines Darstellers René Navarre zu sehen. Mit starrem Gesicht und leicht zusammengekniffenen Augen blickt er direkt in die Kamera und dreht anschließend den Kopf langsam zur Seite, während eine Überblendung ihn ins nächste Kostüm transportiert. Anfang des letzten Jahrhunderts ein absoluter High-End-Trick. Während sich das Gesicht durch Bärte, Schminke und falsche Haarteile langsam verändert, bleiben allein die Augen konstant. Ein unheimlicher Effekt: das menschliche Gesicht als Maske. Doch was hat er vor? Fantômas untergräbt nicht nur die bürgerliche Ordnung, sondern erweist sich dabei als Regisseur des Verbrechens, dem es Spaß macht, das Unheil mit großem Pomp zu inszenieren: In den Romanen füllt er in einem Pariser Kaufhaus Parfümfläschchen mit Schwefelsäure. Er setzt pestverseuchte Ratten auf einem Passagierschiff aus oder legt einen Widersacher mit dem Gesicht nach oben in die Guillotine.

In den Filmen sieht man ihn und seine Bande zwei Züge kollidieren lassen. Fantômas trägt Handschuhe aus Menschenhaut, um beim Morden falsche Fingerabdrücke zu hinterlassen. Er macht sich eine Dame der Gesellschaft, Lady Beltham, hörig, und setzt sie zu seinen Zwecken ein. Er ist ein Popstar ohne Skrupel: Als man am Höhepunkt seiner Berühmtheit ein Stück über ihn spielt, trickst Fantômas ein weiteres Mal und schickt den Vaudeville-Darsteller, der ihn verkörpert, in Maske und Kostüm an seiner statt aufs Schafott. In der schönsten Szene der Folge Juve contre Fantômas sprengt der schwarze Mann eine ganze Villa voller Polizisten in die Luft. Triumphierend steht er im rot viragierten (monochrom eingefärbten) Feuerschein und reckt die Hände in die Luft.

Kern der Faszination sei „die kindliche Allmachtsfantasie“, schreibt Thomas Brandlmeier in seiner Fantômas-Studie (siehe Seite 26). Fantômas sei „der schwarze Mann, der alle Ängste der Bürger zusammenfasst“, aber eben auch ihre geheimen Wünsche. Wie die Figur des Detektivs oder Kommissars – mit der sich das Bürgertum in der Freizeit schon immer gern identifizierte – überwindet auch er bestehende Klassenschranken. Das macht ihn attraktiv. Fantômas ist auf jedem Parkett, in jeder Maske zuhause. Nur eben nicht, um wie Holmes zu ermitteln, sondern um zu morden, zu rauben und zu sabotieren. Fantômas bewegt sich in Hehlerspelunken ebenso sicher wie beim Verlobungsbankett einer Prinzessin. Seine Komplizen sind Straßenmädchen, Gefängniswärter und Adlige.

Räumlich äußert sich diese Bewegungsfreiheit innerhalb der Milieus, zwischen Unten und Oben, in Fantômas’ Gängen durch das unterirdische Paris im Wechsel mit seinen Klettertouren über die Zinnen und Dächer der Stadt. Seine Beute lagert Fantômas unter dem Polizeihauptquartier, eine Leiche transportiert er über die Giebel des Justizpalastes. Der Fall der Klassenschranken – dieser Wunschgedanke vieler Groschen-romanleser(innen) – sollte nach dem Ende der Feuillade’schen Serie, mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieg seiner Erfüllung zwar näher kommen. Aber um welchen Preis …

Die Ausstattung der Fantômas-Filme ist bemerkenswert modern: Studiobauten wechseln mit Open-Air-Szenen im Gewimmel der Pariser Boulevards. Und selbst im Studio gibt es die typisch flachen Staffagen nicht. Bei hoher Tiefenschärfe reichen die Räume hinter Fenstern oder halbgeöffneten Türen stets in die Tiefe und suggerieren so ein Dahinter und Darunter, eine Dimension des Geheimen.

In den Zwanziger Jahren, nach Abklingen der ersten großen Mainstream-Begeisterung, entdeckten auch die Surrealisten ihre Liebe zum Anarcho-Phantom. Sie rezipierten die Stoffe gemeinsam mit Freuds Traumdeutung. Einige Theoretiker, wie Sight & Sound-Kritiker Kim Newman, vertreten die Theorie, dass die an sich bürgerlich-konventionell orientierten Autoren Allain/Souvestre durch die pure Geschwindigkeit, in der sie produzierten, in eine Art écriture automatique, ein automatisches Schreiben, verfallen seien. Dass also ihr Unterbewusstes ungefiltert zu Papier gekommen sei. Für Surrealisten natürlich ein Traum: René Magritte entlehnte sein Ölbild, in dem Fantômas mit Augenmaske und Zylinder überdimensional über der Stadt Paris thront, einem Original Groschenheft-Cover; Max Ernst, Paul Éluard und Jean Cocteau ließen sich in ihrer Arbeit von der Figur inspirieren.

Wesentlich weniger nahe am Vorbild wirken da schon die späteren französischen Fantômas-Filme mit Jean Marais in der Titelrolle – die eigentlich gar keine Verfilmungen sind. Denn mit den Romanen von Allain/Souvestre haben die Stoffe der Sechziger Jahre nur noch wenig gemein. Sie greifen vor allem die emblematische Figur auf und besetzen Fantômas (mit blauer Gummi-Maske statt schwarzer Lochkapuze) und den Journalisten Fandor mit dem gleichen Darsteller (Jean Marais). Louis de Funès als dauergefoppter Kommissar Juve gibt dem Ganzen den komödiantischen Twist – zu ihrer Zeit war die dreiteilige Serie ein großer Erfolg (Fantômas, 1964; Fantômas se déchaîne, 1965; Fantômas contre Scotland Yard, 1967). In Deutschland kamen mit der Wiederaufnahme der Dr.Mabuse-Serie ab 1960 und der Wallace-Verfilmung Der Hexer geistesverwandte Stoffe ins Kino. Auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs war die Idee des unsichtbaren Überverbrechers wieder en vogue.

Geformte Bosheit

Warum nun das Phantom  in der Vor- und Zwischenkriegszeit seine erste und in Zeiten des Kalten Krieges eine zweite Hochkonjunktur erlebte, ist inzwischen vielleicht klar: Fantômas gibt der gesichtslosen Bedrohung einen Körper. Wer sich insgeheim mit ihm verbündet, wird Teil der Gefahr und braucht keine Angst mehr zu haben. Mag also auch der heutige Alltag weiter auf die Auflösung unserer Identitäten hinwirken, indem er uns Chipkarten und Nummern zuteilt, indem standesspezifische Garderobe durch Freizeitmassenware abgelöst wird; wir wollen uns nicht fürchten. Denn am Ende ist gerade Identitätslosigkeit Trumpf.

Die Autorin dieser Zeilen („ich“ zu schreiben wäre wie ein unerwarteter, direkter Blick in die Kamera) lernte die Figur Fantômas übrigens in einer tschechischen Kinderserie aus den Achtziger Jahren kennen: In Luzie, der Schrecken der Strasse (Lucie, postrach ulice) späht die kleine Titelheldin nachts ins elterliche Wohnzimmer und sieht Jean Marais als Fantômas im Fernsehen. Schwer beeindruckt von seiner Bosheit formt sie einen eigenen Fantômas aus Plastilin, der zu leben beginnt. Fantômas als subversiver Rohstoff.