Thelma Ritter war die Königin unter den Nebendarstellerinnen des klassischen Hollywood – mit einem bizarren Schicksal: Sechs Mal wurde sie für den Oscar nominiert, sechs Mal ging sie leer aus.
Es war der 8. April 1963. Die Oscar-Zeremonie fand damals noch im Santa Monica Civic Auditorium statt, der Moderator war (das waren noch Zeiten!) Frank Sinatra. Als der Oscar für die beste Nebendarstellerin vergeben wurde, hoffte das ganze Auditorium inständig, dass diesmal Thelma Ritter ihn bekommen würde. Doch es kam, wieder einmal, anders: Die 16-jährige Patty Duke erhielt die Auszeichnung für ihre Rolle in Arthur Penns The Miracle Worker. Ritter ging ebenso leer aus wie ihre Kollegen Burt Lancaster und Telly Savalas und der Kameramann Burnett Guffey. Der Film, für den die vier nominiert waren, hieß The Birdman of Alcatraz von einem jungen Heißsporn namens John Frankenheimer. Birdman gilt heute zu Recht als moderner Klassiker. Für die Schauspielerin war dies der Endpunkt einer langen und seltsamen Odyssee von Oscar-Verleihung zu Oscar-Verleihung.
Thelma Ritter wurde am 14. Februar 1902 in Brooklyn, New York, geboren. Nach einer Ausbildung an der American Academy of Dramatic Arts durchlief sie eine klassische Karriere am Theater und beim Radio. Erst 1946 gab sie ihr Filmdebüt, in einer winzigen Rolle in George Seatons Miracle on 34th Street. Die Legende besagt, der allmächtige Darryl F. Zanuck sei von ihrem Kurzauftritt so beeindruckt gewesen, dass er verlangt habe, ihren Part auszubauen. Nach einigen weiteren kleineren Rollen folgte Thelma Ritters „goldene“ Zeit – mitten im klassischen Hollywood und auf dem Höhepunkt des Studiosystems: Ritter war viele Jahre bei Twentieth Century Fox unter Vertrag. In Joseph L. Mankiewicz’ Fox-Klassiker All About Eve (1950), einer bitterbösen Satire auf die glitzernde Hohlheit von Ruhm und Showbusiness, glänzte sie als Birdie – eine ältere Schauspielerin, die als eine Art Assistentin für den großen Star Margo Channing (Bette Davis) arbeitet. Der Film ist bekanntlich gespickt mit messerscharfen, brillanten Dialogen und Onelinern („Fasten your seatbelts, it’s gonna be a bumpy ride.“ ist wohl der berühmteste davon) – und Thelma Ritter liefert einige der besten davon: Als die junge Eve Harrington (Anne Baxter), die sich in Margos Leben einschleichen will, zum ersten Mal auf die Starschauspielerin trifft, erzählt sie die tränenreiche Geschichte ihres unglücklichen Lebens, um Margo für sich einzunehmen. Die pragmatische Birdie, die den Schwindel durchschaut, kontert mit einem bissigen „What a story! Everything but the bloodhounds snappin‘ at her rear end!“ Und als Margo sich über ihre zu engen Hüfthalter beschwert („You bought the new girdles a size smaller, I can feel it.”), erhält sie ein schnippisches „Something maybe grew a size larger.“ zur Antwort.
Mit All About Eve war Thelma Ritter endgültig bekannt geworden. An Hauptrollen war „in dem Alter“ und „mit dem Gesicht“ „selbstverständlich“ nicht zu denken, aber in den folgenden Jahren wurde sie zu einer Art Königin unter den Neben- oder, besser gesagt, Charakterdarstellerinnen Hollywoods: Vier Mal hintereinander wurde sie für den Oscar nominiert, nach All About Eve folgten The Mating Season (Mitchell Leisen), With a Song in My Heart (Walter Lang) und, ein weiterer Meilenstein, Pick-Up on South Street (Sam Fuller). In diesem wunderbaren Film noir mit Richard Widmark und Jean Peters spielt Ritter eine Zeitschriftenhändlerin, die nebenbei als Polizeispitzel arbeitet – diese Konstellation beeindruckte den jungen Rainer Werner Fassbinder so sehr, dass er der Einfachheit halber große Teile des Plots in seinen Film Der amerikanische Soldat (1970) übernahm. Darin spielt Katrin Schaake die Figur, die bei Fassbinder Magdalena Fuller (!) heißt. Alfred Hitchcock verpflichtete Ritter als James Stewarts Pflegerin Stella für seinen Voyeur-Thriller Rear Window. Auch darin gibt es einige atemberaubende Wortduelle: „She wants me to marry her.” „That’s normal.” „I don’t want to.” „That’s abnormal.” Auftritte wie diese sorgten für Furore, und so durfte sie 1954 gemeinsam mit Bob Hope die Oscar-Zeremonie präsentieren – dass dabei die Funken sprühten, liegt auf der Hand.
Thelma Ritter spielte in weiteren Aufsehen erregenden Filmen (u.a. Daddy Long Legs mit Fred Astaire) und war auch im boomenden Medium Fernsehen äußerst präsent. Schließlich folgte mit Michael Gordons Doris-Day-Rock-Hudson-Vehikel Pillow Talk (1959) eine weitere Gelegenheit, ihre Glanzrolle als scharf beobachtende und spitzzüngige Instanz (sie verkörpert Doris Days Haushälterin Alma) zu spielen. Sätze wie „If there’s anything worse than a woman living alone, it’s a woman saying she likes it.” konnte nur sie auf diese unnachahmliche Weise vorbringen – und brachten ihr die fünfte Oscar-Nominierung ein. Auch John Hustons Außenseiter-Drama The Misfits (1961) mit Clark Gable, Marilyn Monroe und Montgomery Clift drückte sie ihren Stempel auf.
Es ist eine Ironie des Schicksals, dass Thelma Ritter den einzigen Preis, den sie tatsächlich erhielt, den Tony für das Broadway-Musical New Girl in Town (1957), am Theater gewann – und auch den musste sie mit ihrer Kollegin Gwen Verdon teilen. Das ändert allerdings nichts an ihrem Status als große Charakterdarstellerin Hollywoods. Hätte sie die Oscars gewonnen, wären diese längst verstaubt; ihre Leistungen auf der Leinwand aber strahlen bis heute.
