Dossier Schauspieler – Zweite Wahl, erste Klasse

Zweite Wahl, erste Klasse

| Lukas Maurer :: Christoph Huber :: Bettina Schuler :: Tina Glaser :: Andreas Ungerböck :: Roman Scheiber |

Oft kommen sie einem ziemlich bekannt vor, allein ihre Namen kennt man nicht. „War das nicht der Verräter in Matrix?“, fragen die Leute einander, aus dem Kino kommend, oder: „Die spielt immer die Gouvernante, wie heißt die noch mal?“ Noch weniger bekannt als ihre Namen sind nur die ihrer deutschen Synchronsprecher, die oft noch deutlicher den jeweiligen Typus zum Klischee festigen sollen, auf den viele so genannte „Nebendarsteller“ ohnehin schon fixiert wurden: Kleinganove oder Streifenpolizist, patscherter Prolo, putzige Prom Queen, Karrieretussi, treusorgende Mama, profitgieriger Anwalt, Freak, drittes Bandenmitglied von links. Manche arbeiten sich ein Schauspielerleben lang daran ab, ihre Zuschreibung wieder los zu werden. Andere, wie Harry Dean Stanton, erreichen irgendwann Kultstatus. Charakterdarsteller, wie Timothy Spall, profilieren sich am Theater wie im Autorenkino und füllen ihre Konten mit Blockbuster-Rollen. Unbekanntere, wie Viola Davis, schlagen sich mit Miniauftritten in TV-Serien durch, bis sich endlich wieder eine interessante Kino- oder Theater-Rolle anbietet. Und dann gibt es die einstigen Shooting Stars, wie Béatrice Dalle, die kurz vor dem Verglühen doch noch auf überraschendem Terrain landen. Stellvertretend für alle Helden der zweiten Reihe: zehn Miniatur-Hommagen an internationale Schauspielerinnen und Schauspieler.

Joan Cusack

Nein, wir haben uns nicht verschrieben, auch wenn man den Namen Cusack zuerst mit ihrem jüngeren Bruder John verknüpft. Mit diesem teilt die 45-Jährige nicht nur die Scheu vor dem roten Teppich, sondern auch einige Kinoauftritte, wie in High Fidelity (2000). Gern wird die Dame mit dem kantigen Gesicht und den leuchtenden blauen Augen für die schrillen und albernen Rollen besetzt: als chronisch überforderte Schuldirektorin in School of Rock (2003) oder als sitzen gelassene Verlobte von Kevin Kline in der Komödie In&Out (1997), für die sie als beste Nebendarstellerin für den Oscar nominiert wurde.Die Nebenrollen sind ihre Glanzstücke, mit denen sie so manchem Hauptdarsteller die Schau stiehlt. Würde die Zweitälteste des Cusack-Clans sich nicht entschieden mehr für ihre eigene als für ihre diversen Filmfamilien interessieren, wäre sie längst ebenso bekannt wie ihr kleiner Bruder. Joan und John werden übrigens in der Actionkomödie War, Inc. erneut gemeinsam zu sehen sein. (Bettina Schuler)

Timothy Spall

Feist, hinterlistig, schmierig – so kennt man den gebürtigen Briten Timothy Spall. Der von Regisseuren und Castingdirektoren gern als der rückgratlose Gehilfe an der Seite der Bösen besetzt wird, wie in Tim Burtons Horrormusical Sweeney Todd (2007) oder in den Harry Potter-Filmen, in denen er Voldemorts Adlaten Peter Pettigrew gibt, der jeden und alles verrät, nur um die Gunst seines dunklen Meisters zu gewinnen.

Viel zu leicht vergisst man über diesen prägnanten Fantasy-Rollen, dass dem 51-Jährigen, der sein Kinodebüt in dem Subkultur-Musikfilmklassiker Quadrophenia (1979) gab, auch die wichtigen und ernsten Rollen liegen. Ein Talent, das insbesondere der Realist Mike Leigh aus dem „Officer of the Order of British Empire“ herauskitzelte, welches Timothy Spall aber bereits in jungen Jahren in der weltberühmten Royal Shakespeare Company unter Beweis stellte. Allein auf die Rolle des charmanten Verführers wird der kleine untersetzte Kerl mit der großen schauspielerischen Begabung wohl vergeblich hoffen, obwohl er mit seinem Witz mehr Charme versprüht als jeder Dutzend-Schönling. 
(Bettina Schuler)

Jack Nance

Bevor Jack Nance (geboren 1943 als Marvin John Nance) sich die Haare von seiner ersten Frau, Catherine E. Coulson (die spätere Log Lady aus Twin Peaks), zu einer irrwitzigen Stehfrisur kämmen ließ, um zu David Lynchs Eraserhead (1977) zu werden, spielte er am Theater. Als Mitglied der schrägen Performancetruppe Do-Da Gang legte er sich sogar drei Tage in einen Sarg. David Lynch, den er in den Siebziger Jahren in Los Angeles kennen lernte, fand er zunächst nicht sehr interessant. Doch dann entdeckten beide ihre Vorliebe für hölzerne Autogepäckträger und Donuts.

Nance war Alkoholiker. Dennis Hopper, selbst Besessener in mehrerlei Hinsicht, half ihm einmal auf die Beine. Jack Nance starb 1996, angeblich an den Folgen einer unaufgeklärten Schlägerei vor einem Donut-Shop. Henry Spencer in Eraserhead blieb seine einzige Hauptrolle. Als seltsamer Mann, den Hut im Hinterkopf, scheinbar orientierungslos, doch mit der Sicherheit eines geistig Verwirrten, schlurfte er durch fast alle Lynch-Filme, in denen es streng genommen ohnehin keine Nebenrollen gibt.
(Tina Glaser)

Béatrice Dalle

Zu Karrierebeginn drohte sie kurz als nächstes Sexsymbol von Frankreichs Kunstgewerblern verheizt zu werden: Mit ihrem schmollmundigen Debüt in der Titelrolle des durchdesignten Erotikerfolgs Betty Blue (1986) schien das vormalige Model Béatrice Dalle (geborene Cabarrou, der Nachname ist vom ersten Gatten) mit 22 Jahren auf dem Weg zum Star. Gottseidank kam ihre rebellische Persönlichkeit dazwischen und sie wurde stattdessen die geisteskranke Göttin des internationalen Kunstkinos.

Wenn die Dalle die Welt nicht gerade mit Schlagzeilen aus ihrem Privatleben verblüffte – Drogen sowieso, aber auch die wüste Attacke auf eine Pariser Politesse, die ihr einen Strafzettel für das Besetzen eines Behindertenparkplatzes gegeben hatte, zuletzt Heirat eines Sträflings (natürlich im Häfen!) –, verblüffte sie Kinofreunde mit gern ebenso exzentrischen Auftritten für die Weltspitze der Autorenfilmer. Etwa Abel Ferrara, Nobuhiro Suwa, Michael Haneke – und immer wieder Claire Denis. Die dankte es Dalle zuletzt in L‘Intrus (2004) mit der einzig ihr angemessen Rolle: als „Königin der nördlichen Hemisphäre”.
(Christoph Huber)

Tom Sizemore

Auf der Leinwand ist es ein bisschen still geworden um ihn, aber bis vor ein paar Jahren hatte Tom Sizemore einen Lauf: Da war er abonniert auf Typen, denen, egal ob der traumatisierte Cop in Natural Born Killers (1994), der Gangster-Sidekick in Michael Manns Heat (1995) oder der langhaarige Privatdetektiv-Rocker in Strange Days (1995), stets etwas Aggressiv-Gewalttätiges, Prolliges, Käufliches, Sadistisches und Sexistisches anhaftete, die triebhaft-animalisch handelten und dabei selten clever genug waren, um nicht über kurz oder lang ins Gras beißen zu müssen.

Wie sehr ihm diese Charakteristika – als Schauspieler versteht sich – auf den Leib geschneidert waren, zeigt sich daran, dass Tom Sizemore selbst als good guy (wie etwa in Black Hawk Dawn, 2001, oder in True Romance, 1993) so wirkte, als könne er einem im Fall der Fälle jederzeit den Hals umdrehen oder aus Paranoia kurzerhand seine Frau verprügeln. Im Kino war Tom Sizemore bislang buchstäblich wie sprichwörtlich der Mann fürs Grobe – und dabei so erschreckend glaubwürdig wie sonst kaum jemand.
(Lukas Maurer)

Harry Dean Stanton

Wenn man Harry Dean Stanton als Kultschauspieler bezeichnet, ist das fast genug, um das inflationär missbrauchte Präfix „Kult“ zu rehabilitieren. Sogar die selbst ziemlich kultige Blondie-Frontfrau Debbie Harry sang „I want to dance with Harry Dean“, was dieser dann prompt erfüllte: Er ist halt in jeder Hinsicht ein Weltverbesserer, nicht zuletzt musikalisch, mit der Tex-Mex-geneigten Harry Dean Stanton Band.

Über hundert Filme hat Stanton als Charakterdarsteller mit unverwechselbarer, immer ein wenig mitgenommen wirkender Art veredelt, darunter genug Dutzendware, auch Welterfolge wie Alien (1979) oder Pretty in Pink (1986), aber vor allem eine Reihe von Produktionen, so selbstverständlich unangepasst wie Stanton selber. Die sind, das kann man leider nicht anders sagen, längst Kultfilme geworden: Zu den schönsten zählen Two-Lane Blacktop (1971), The Missouri Breaks (1976) und natürlich Repo Man (1984) mit dem quintessenziellen Stanton-Auftritt, als Veteran für sanktionierten Autodiebstahl und anarchistische Alltagshaltung: „No commies in my car. No Christians either.“ Kein Wunder, dass er nie ein Star wurde. Und ein Glück.
(Christoph Huber)

Joe Pantoliano

Irgendwie ist dem Kerl nicht zu trauen. Er kommt ein klein wenig zu jovial daher, zu sehr wie der nette Typ von nebenan, der es eigentlich nur gut meint und es dabei immer ein bisschen übertreibt und der deswegen immer ein bisschen nervt. Und während man noch darüber nachdenkt, was genau eigentlich dieses Unbehagen auslöst, da zieht er auch schon brutal ein linkes Ding durch und richtet irreparablen Schaden an. Meist bekommt ihm das dann aber nicht gut.

Joe Pantoliano wurde 1951 in Hoboken, New Jersey, geboren, seine Großeltern stammten aus Italien. Es geht das Gerücht, er habe ursprünglich den Beruf des Friseurs ergreifen wollen. Glücklicherweise ist er dann aber bei der Schauspielerei gelandet und kann sich seither über einen Mangel an Engagements nicht beklagen. Zu Pantolianos einprägsamsten Figuren gehören der mit einem Emmy ausgezeichnete Ralph Cifaretto (2000–2004) in der Mafiaserie The Sopranos, Teddy Gammell in Memento (2000, unter der Regie des aktuellen Batman-Regisseurs Christopher Nolan) und natürlich Cypher in The Matrix (1999). „Ignorance is bliss“, sagt der und schiebt sich genüsslich ein Stück saftiges, blutiges Steak in den Mund. Und dann geht er hin und verrät seine Genossen.
(Alexandra Seitz)

Viola Davis

Erinnern Sie sich an Snow in Steven Soderberghs Solaris (2002)? Überfordert von den rätselhaften Ereignissen an Bord des Raumschiffes schlägt er vor: „Let‘s bring the women together, because then normally something good happens.“ Es vergehen einige Minuten, dann gehen sich alle gegenseitig an die Gurgel. Eine der Frauen nämlich ist Wissenschaftsoffizier Gordon und wird gespielt von Viola Davis, über die wiederum Soderbergh sagt: „Man hat das sichere Gefühl, dass man eine Auseinandersetzung mit ihr nicht gewinnen wird.“

Davis strahlt Autorität aus, Kompromisslosigkeit, Ernst und Integrität, sie gebietet Respekt – und sie ist viel zu selten auf der Leinwand und in größeren Rollen zu sehen. 1965 in Saint Matthews, South Carolina, geboren und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, hat Davis nach ihrer Ausbildung an der Juilliard School kontinuierlich am Theater gearbeitet. Daneben spielt sie in TV-Movies und übernimmt Gastrollen in Fernsehserien wie Law and Order und NYPD Blue. Ihre Auftritte in Kinofilmen sind rar; Grund genug, sie umso mehr zu schätzen.

(Alexandra Seitz)


 

Sandra Ng

Sandra Ng, geboren 1965 als Tochter des Schauspielers Chun Chau Ha, ist keine „Nebendarstellerin“ im klassischen Sinn. Sie hat in ihrer langen Karriere und in ihren zahlreichen Filmen sehr wohl auch Hauptrollen gespielt (so in Portland Blues, für den sie auch mehrfach ausgezeichnet wurde), aber sie genießt einen Sonderstatus in Hongkong, den nicht viele Schauspielerinnen haben: Die Erzkomödiantin mit dem „gewöhnlichen“ Gesicht braucht bloß mal in einem Film vorbeizuschauen, und die Leute stürmen die Kinos.

Sandra Ng spielt nicht so sehr, sie erscheint. Sie ist eine Institution, und das seit 22 Jahren. Ihren ersten bemerkenswerten  Auftritt hatte sie in Tsui Harks Peking Opera Blues (1986), der auch im Westen für Aufsehen sorgte, weiter ging es mit Kassenschlagern wie The Banquet (1991) oder Royal Tramp (1992). Zwischen Komödie und Klamauk streute sie aber immer wieder auch ernste Rollen, und sie war eine der Mikrofonstimmen für den Animations-Hit My Life as McDull. Verheiratet ist Sandra Ng mit dem bekannten Regisseur Peter Chan (Comrades – Almost a Love Story). 2005 drehten sie gemeinsam Perhaps Love – mit Sandra Ng in einer Nebenrolle.
(Andreas Ungerböck)

Bill Duke

Den wahren Egghead unter den Afroamerikanern Hollywoods erkennen geschätzte 95 Prozent des Mainstream-Publikums wieder, wenn sie ihn einmal gesehen haben. Wüssten fünf Prozent davon seinen Namen, wären es allerdings viele. Dabei könnte man sich schon fragen, wer eigentlich dieser Respekt einflößende ältere Herr ist, der Mal für Mal in Polizeiuniform auf der Bildfläche erscheint und derart gefährlich mit seinen (kein Witz:) schwarzgeränderten Augen rollen kann.

Immerhin hat Bill Duke eine beachtliche Filmografie als Schauspieler und (vorwiegend TV-Serien-)Regisseur aufzuweisen. In fast allen seiner Auftritte der vergangenen zehn Jahre, hauptsächlich in Trash-Dutzendware wie Exit Wounds (2001), war er auf den beamteten Schreibtischtäter wechselnden Dienstgrades, jedoch nur in Nuancen wechselnder Stoik abonniert – leider, muss man hinzufügen. Sollte James Bond es endlich wieder mit einem Voodoo-Bösewicht wie Dr. Kananga alias Mr. Big (Live and Let Die, 1973) zu tun kriegen, wäre er, obwohl schon 65, der einzig würdige Ersatz für Yaphet Kotto. Dukes lässiger Schwulenbar-Besitzer Leon war es übrigens, der einst Richard Gere in American Gigolo (1980) anschwärzte und dafür zu Tode stürzte.
(Roman Scheiber)