Dossier Terrorismus der 70er – Der Selbstdarsteller

Der Selbstdarsteller

| Roman Scheiber |

Einen luziden Blick auf die Geschichte des internationalen Terrorismus wirft ein bei der Viennale gezeigter Dokumentarfilm: L’Avocat de la terreur bewegt sich entlang der Biografie des berüchtigten Strafverteidigers Jacques Vergès.

Jacques Vergès würde den Fall nicht ablehnen. Das wäre von jemandem, der afrikanische Ex-Diktatoren, Geldsack-Terroristen, Holocaust-Leugner oder auch den ehemaligen Gestapo-Offizier Klaus Barbie vor Gericht verteidigt hat, auch nicht zu erwarten. Barbie, vom Boulevard „der Schlächter von Lyon“ genannt, schon in Abwesenheit zweimal zum Tod verurteilt, wurde 1987 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Prozess gemacht. Vergès ist um eine Einschätzung dazu nicht verlegen, und sie spricht Bände: Einer Armada von 39 Anwälten sei er bei dieser Show allein gegenüber gestanden, und das hieße ja wohl, dass jeder von denen nur ein Neununddreißigstel seines eigenen juristischen Gewichts aufzuweisen hatte. Und einen jungen Kollegen, der sich der Armada anschließen wollte, habe er gefragt: Glaubst du, dass da irgendjemand sich deinen Namen merken wird?

Der Name Jacques Vergès war zu diesem Zeitpunkt bereits Jahrzehnte lang bekannt und in Frankreich viel gehasst. Begonnen hat Vergès’ fragwürdige Karriere gewissermaßen auf der anderen Seite des politischen Spektrums: Als Kommunist und beherzter Sympathisant der nordafrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen verteidigt er, kaum 30-jährig aus Paris nach Algier gereist, eine Gruppe algerischer Bombenattentäter, darunter die spätere Nationalheldin Djamila Bouhired. Seine Leistung besteht weniger aus juridischen Schachzügen – Bouhired wird wie erwartet zum Tod verurteilt – als darin, so viel Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen, Medien mit Foltervorwürfen zu füttern und damit letztlich die Kolonialpolitiker unter Druck zu setzen. Mit der Rettung Djamila Bouhireds aus dem Todestrakt gewinnt Vergès sowohl bei den Antikolonialisten an Profil, als auch eine ätherisch schöne junge Frau für sich. Wenig später wird Algerien unabhängig, doch während Vergès im „imperialistischen“ Israel rasch einen neuen Gegner findet, beginnt seine Ehe bald zu bröckeln. L’Avocat de la terreur, das ist einer der Vorzüge des Filmporträts von Barbet Schroeder, entschärft das Politische nicht durch das Private, es stellt dem politischen das private Drama gegenüber.

Detektivischer Zugang

Das kosmopolitische Multitalent Schroeder – Produzent, Schauspieler, Regisseur – ist für tendenziell mäßig akklamierte Hollywood-Konfektionsregie (etwa Desperate Measures, 1998, oder Single White Female, 1992) ebenso bekannt wie für eigenwillige französische Autorenfilme und sein Faible für den Schriftsteller Charles Bukowski (Barfly, 1987, The Charles Bukowski Tapes, 1985). Für den Dokumentarfilm Général Idi Amin Dada gelang es ihm 1974, den Diktator von Uganda vor die Kamera zu bekommen, der freilich derart machtvoll in Schroeders Arbeit eingriff, dass dieser sich gezwungen sah, dem Titel seines Films das Suffix Self Portrait beizufügen. Mit L’Avocat de la terreur nähert Schroeder sich nun erneut einer höchst umstrittenen, mit politischer Gewalt und Terror untrennbar verbundenen Persönlichkeit der Zeitgeschichte an.

Schroeder verfährt nach konventionellen Methoden dokumentarischer Recherche, Inszenierung und Montage: Talking Heads, Zwischenschnitte auf Fotos, Doku-Footage und Ausschnitte anderer Dokumentar- und Spielfilme, Stimmen der Talking Heads, ein Treffen des Anwalts mit den Klientinnen von damals am Originalschauplatz im Gefängnis, dramatisierende Musik. Was L’Avocat de la terreur jedoch auszeichnet und spannend macht, ist sein mehr detektivischer als journalistischer Zugang – und die geschickte Zusammenstellung disparater Einzelteile. Selten hat ein Film die weltweiten diplomatischen, politischen, geheimdienstlichen und terroristischen Verwicklungen von der Nachkriegszeit bis in die achtziger Jahre so luzid neu sortiert und dabei den Faden nicht verloren. Querverbindungen zwischen Kommunisten, arabischen Terrororganisationen und Geldgebern mit nationalsozialistischem Hintergrund, Kontakte des französischen Geheimdienstes mit der Stasi, und mittendrin, als Rechtsvertreter oder fallweise auch nur als mentaler Beistand oder Bote für die Inhaftierten, einer, den bald alle kannten: Jacques Vergès.

Maßvolle Verurteilung

Natürlich interessieren Schroeder vor allem die Bruchstellen dieser Biografie. Vergès wird 1925 als Sohn eines französischen Kolonialbeamten und einer Vietnamesin in Thailand geboren und wächst in La Reunion auf. Schon als Kind erlebt er, wie die einheimische Bevölkerung den Besatzern weichen muss. Zorn aufgrund erlittenen Unrechts lernt er provokant zu formulieren; nie geht es ihm in seinen späteren Prozessen um Haftverkürzungen oder Gnadengesuche, sondern stets um eine möglichst scharfe Konfrontation mit dem unschlagbaren Ankläger – um die Ziele der zwangsläufig bald Verurteilten und ihrer Organisationen ein ums andere Mal mit Verve vor den Augen der Welt darzulegen.

Doch wie wird aus dem antikolonialistisch geprägten Anwalt der Unterdrückten ein international gefragter, hochbezahlter Spezialist für die Verteidigung arabischer Terroristen und afrikanischer Diktatoren? Wie geht er damit um, dass sein Freund Pol Pot zum Völkermörder von Kambodscha wird? Fliegt er dorthin, als er 1970 spurlos aus Paris verschwindet?

Vergès spricht vor der Kamera nicht über heikle Fakten oder seine achtjährige Abwesenheit, selbstverständlich ist er gewieft genug. Ebenso wenig spricht er von politischen Sinnkrisen, von persönlichen Verlusten, von Begehren und erloschener Liebe – und doch schafft es Schroeder fast unmerklich, dann und wann ein wenig Salz in die Wunden zu streuen. Vergès wegen Verbrechen gegen die Moral zu verurteilen, hieße beim Publikum offene Türen einrennen, der Filmemacher unterlässt das Kreuzverhör und bezichtigt ihn bloß der minderschweren Vergehen Eitelkeit und Genusssucht. Indem Schroeder Freunde, Mitstreiter, Zeitzeugen und Journalisten ausgewogen zu Wort kommen und auch schon mal ein wenig spekulieren lässt, füllt er so manche Lücke in der widersprüchlichen Lebensgeschichte eines Mannes, der bis zum Ende selbstgefällig genug bleibt, die Rolle der Prominenz einzunehmen. Selbst wenn er dafür immer wieder den Advokaten der größten Verbrecher dieser Welt spielen muss. Selbst wenn er dafür keinen Fall gewinnen kann, keinen Preis und keine Anerkennung. In einem Porträt für den Spiegel schrieb Alexander Smoltczyk über Vergès:

„Ein Strafprozess ist ein Kunstwerk“, sagt er. „Allein gegen das Gericht zu stehen und einer Tat ihren Sinn zu geben – das ist der Stoff eines Romans, einer Tragödie. Jeder baut sich die Elemente zusammen und erzählt eine Geschichte. Ohne ihren Prozess wäre Jeanne d’Arc als verrückte Schäferin vergessen worden. Durch ihre Verteidigung wurde sie zur Heiligen.“ Und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Für Jacques Vergès ein akzeptables Ergebnis.