Viennale und Filmmuseum zeigen transgressive US-Komödien, kuratiert von Jonathan Rosenbaum.
Amerika, um 2500. Die höchsten Gebäude der Großstädte sind Müllberge. Ein Porno-Rapper ist US-Präsident, die Bürger sind durch Barcodes markiert, die menschliche Norm-Intelligenz reicht kaum noch aus, den Klodeckel zu bedienen. Macht aber nichts, denn eine technologisch mehr oder weniger ausgereifte Matrix hat die weichgekochte Zerstreuungsgesellschaft unter Kontrolle. In dieser degenerierten Umgebung wacht GI Joe Bauer, 500 Jahre vorher als absolutes Durchschnittsexemplar seiner Gattung zu Forschungszwecken eingefroren, als mit Abstand klügster Mensch auf und rettet die Welt.
Amerika, um 1950. Professor Barnaby Fulton müht sich seit Jahren, ein Verjüngungsserum zu entwickeln. Bis ihm eine Versuchs-Schimpansin im Labor seiner Chemiefabrik zufällig behilflich ist. Das von den beiden gebraute Elixier führt bei der Einnahme durch den Konsumenten allerdings weniger dazu, die Falten der Haut als vielmehr die Lappen des Großhirns zu glätten – was in heftige Infantilisierungsschübe aller Beteiligten inklusive Barnys Gattin mündet und das Labor zum Tollhaus mutieren lässt.
Idiocracy (2006) und Monkey Business (1952) scheinen außer dem offensichtlichen Umstand, dass in beiden Filmen die Menschen im Wesentlichen auf eine Stufe mit Primaten gestellt werden, nicht viel gemeinsam zu haben. Der eine ist eine Brachialhumoreske von Beavis-und-Butthead-Erfinder Mike Judge, der andere eine muntere Screwball Comedy des großen Howard Hawks. Dennoch sind beide Filme bestens geeignet, in der diesjährige Retrospektive des Filmmuseums im Rahmen der Viennale gezeigt zu werden, denn hinter routinierter Dialogwitzelei und weidlich ausgeschöpfter Situationskomik ist jeweils eine klare Haltung auszumachen: dass sich die ebenso einfältige wie hemmungslose Tierart Mensch ständig selbst überschätzt.
Doppelpässe
The Unquiet American heißt die vom renommierten Filmpublizisten Jonathan Rosenbaum kuratierte Schau, Untertitel: Transgressive Comedies from the U.S. Mit „unquiet“ ist das Gegenteil von „still“ gemeint, also lautes und angeberisches Verhalten. Der Begriff Transgression dagegen lässt sich in diesem Zusammenhang umfassender deuten; Genre- und Geschmacksgrenzen werden überschritten, soziale Normen und sexuelle Rollen hinterfragt, gesellschaftliche Zustände im Kino auf den Kopf gestellt. In den Worten von Jonathan Rosenbaum: „Der Titel meiner Retrospektive postuliert eine Art von rücksichtsloser, ungezügelter und oft solipsistischer amerikanischer Geisteshaltung, die erheiternd und gefährlich zugleich ist, die Anarchie, Chaos und andere Arten von transgressivem Durcheinander verbreitet, worauf auch immer sie trifft. Diese Komödien sind sich in ihren besten Momenten dieser Geisteshaltung bewusst und setzen sie als Instrument zur Entdeckung sowie als Objekt für Satire und soziale Kritik ein.“
Als transgressives Durcheinander kann man auch die Filmauswahl sehen, die eine „absichtlich eklektische Übersicht“ darstellt, wie Rosenbaum selbst einräumt. Das Bild von den hin- und herfliegenden Screwballs, dem das einst prominenteste Subgenre der Komödie seinen Namen verdankt, drängt sich auch für die Kommunikation zwischen den einzelnen Lustspielen auf. Die Player der Show werfen einander Bälle zu, die mal mehr, mal weniger überraschend daherkommen, und jedenfalls nicht immer im ersten Versuch gefangen werden können. So kommt es, dass beispielsweise auf dem von Rosenbaum Sexual Tensions genannten Spielfeld Komödienklassiker wie Howard Hawks’ Gentlemen Prefer Blondes (Blondinen bevorzugt, 1953) oder der erwähnte Monkey Business mit groundbreaking Underground wie John Waters’ Female Trouble (1974), einer bitterbösen Satire auf den amerikanischen Körperkult, den Doppelpass üben. Oder: Ein zensurgeschädigtes Sex-Filmhybrid von Jim McBride (Hot Times, 1974) matcht sich mit allgemein beliebtem (und im deutschsprachigen Fernsehen bis in die Achtziger Jahre oft im Jahrestakt gesendetem) Slapstick wie The Ladies Man (Zu heiss gebadet, 1961) von und mit Jerry Lewis.
Wie das Match ausgeht, liegt beim Publikum, die nach oben offene Holzhammer-Skala ist für die Beurteilung jedenfalls, gerade auch bei The Ladies Man, schlecht zu gebrauchen. Als College-Absolvent und „Mädchen für alle Mädchen“ Herbert H. Heebert outriert Lewis zwar gewohnt spastisch in seiner Funktion als Trottel vom Dienst, doch hinter den Kasperliaden, in den Zimmern der (in manchen Totalen offen als Kulisse ausgestellten) Herberge für alleinstehende Damen, spielt sich das Wesentliche ab – die lustvolle Verhandlung von Geschlechterrollenklischees.
Twists & Tensions
Jerry Lewis wirft sich gewissermaßen selbst weitere Bälle zu: Als Eugene Fullstack wird er in einer feinen Passage von Frank Tashlins Pop-Art-Satire Artists and Models (1955) als lebendes Beispiel für einen durch Comic-Lektüre verblödeten Youngster in eine Talkshow eingeladen und überrumpelt die dort versammelten Experten (und Partner Dean Martin vor dem Schirm) dann mit einem elaborierten Vortrag über die Zusammenhänge von Albtraum, Fantasie und der Psychohygiene narrativer Bildverarbeitung. In King of Comedy (1983) wiederum, eben erst im Rahmen der Scorsese-Retrospektive im Filmmuseum zu sehen, darbt Lewis (autobiografisch) als Showmaster Jerry Langford gefesselt und geknebelt in der Gewalt des Möchtegern-Entertainers Rupert Pupkin – wenngleich von diesem und dessen obsessiver Komplizin abgöttisch verehrt. Pupkin erzwingt sich damit in aller Halsstarrigkeit „seine“ 15 Minuten Ruhm in Jerrys Sendung (und am Ende weit mehr als das). Diese beiden Lewis-Filme hat Rosenbaum in die Kategorie Cultural Tensions gesteckt, deren Bogen sich filmhistorisch vom schon erwähnten Idiocracy oder Peyton Reeds zuckerlbunter Designer-Hommage an Doris Day und Rock Hudson, Down With Love (2003), bis zur Psychoanalyse-Burleske When the Clouds Roll by (Victor Fleming, Theodore Reed) aus dem Jahr 1919 spannt.
Frank Tashlin ist ein zweites Mal in der Kategorie Deconstructive Anarchy and Romantic Anarchy vertreten, mit seiner erschreckend zeitlosen Satire über Werbung (und dabei vor allem über Eigen-PR) Will Success Spoil Rock Hunter? (Sirene in Blond, 1957) mit Tony Randall und Jayne Mansfield. In der anarchischen Abteilung findet sich, zum Beispiel neben den Marx Brothers (Duck Soup, Leo McCarey, 1933), Steven Spielbergs 1941 (1979) oder Spike Jonzes Adaptation (2002), auch Albert Brooks’ Mockumentary Real Life (1979), das die erste amerikanische Big-Brother-Variante zum Thema hat, aber die wiederkehrenden Erfolgswellen von Reality-TV bedauerlicherweise auch nicht brechen konnte.
In Brooks’ Pseudo-Aussteiger-Komödie Lost in America (1985) wiederum (aus der Abteilung Class Tensions and Ethnic Tensions) begibt sich ein wohlhabender, gleichwohl frustrierter Werbeprofi mit seiner Frau nach dem Motto Dropping out of society auf einen Trip quer durch die Staaten – natürlich im Schutzpanzer eines riesigen Motorhomes. Zu blöd, dass die Gattin das an sich reichhaltige Reise-Budget innert weniger Stunden in Vegas verprasst; denn sich mit McJobs über Wasser zu halten, ist den beiden auf Dauer zu wenig romantisch. Der Viennale-Pocketguide schreibt treffend zu diesem Film: „Yuppies nannte man solche Leute damals, und selten wurde ihre irgendwie auch tragische Lächerlichkeit so präzise getroffen wie in dieser Komödie“. In den beiden Filmen von Albert Brooks findet die „Entfremdung vom Arbeiterklasseleben“ (Rosenbaum) auf unterschiedliche Weise ihren jeweils treffenden Ausdruck.
Die Kategorie Americans Abroad schließlich mixt Entlegeneres wie The Three Caballeros (Donald Ducks Beitrag zur Völkerverständigung, 1944) und Ishtar (Warren Beatty, Dustin Hoffman und Isabelle Adjani versanden 1987 in der Wüste), mit Joe Dantes Horror-Komik zur Kubakrise (Matinee, 1993), und etwa Billy Wilders Avanti! (1972, mit Jack Lemmon), einen vergnüglichen wie herzigen Stereotypenvergleich zwischen Italien und Amerika.
In einer subjektiven Sammlung wie dieser, die aus einem riesigen fruchtbaren Acker die originell gewachsenen Früchte herauszupicken sucht, muss naturgemäß vieles fehlen. Bewusst weggelassen wurden, obwohl sicher von einigen vermisst, Werke von Woody Allen. Diese seien laut Jonathan Rosenbaum „ein wenig zu sehr mit sich selbst zufrieden, um als still oder transgressiv klassifiziert werden zu können“.
Was einem im Bereich rezenter Arbeiten abgehen könnte, ist wenigstens eine Fremdschäm-Komödie des Multitalents Judd Apatow (The 40 Year Old Virgin, 2005), derzeit mit Funny People in den heimischen Kinos. Und wäre die Retro erst in ein paar Jahren, dürfte der grandiose You Don’t Mess with the Zohan (Dennis Dugan, 2008) nicht fehlen, der nicht nur den Drehbuchcredits nach recht „Apatowian“ anmutet und so ziemlich alle Arten von Grenzen überschreitet.
Aber wofür gibt es Publikumsgespräche?
