„Dem Himmel sei Dank, dass Wayne ein lachhafter politischer Ignorant war und ein heuchlerischer Kriegstreiber, obendrein ungedient. Dem Himmel sei Dank, dass er mit dem Western assoziiert wird, einem Genre, das sich leichthin abtun lässt. Aber Wayne wird nicht so einfach verschwinden.“ Jedenfalls wird er sich nicht so einfach aus dem Staub machen wie am Ende von John Fords The Searchers, denn wer sich mit einem solchen Abschied in die Geschichte und damit ins Gedächtnis des Kinos einträgt, mit dessen Wiederkehr als Mythos muss gerechnet werden. Der US-Schriftsteller Jonathan Lethem, dessen Nähe zu Ford in seinem Roman „Girl in Landscape“ wunderschön zu erkennen ist, beschäftigt sich in seinem Aufsatz „Monument der Einsamkeit“, geschrieben im Jahr 2007 anlässlich von Waynes hundertstem Geburtstag, konsequenterweise also zunächst einmal damit, wie man sich auch viele Jahre nach Waynes Tod am besten von diesem distanziert: „Über seine politische Einstellung nachzudenken, ist eine Möglichkeit, sich John Wayne vom Leib zu halten. Sein brachialer Republikanismus ist eine prima Entschuldigung, vor den bösen Widersprüchen, für die er steht, zurückzuscheuen, ohne sie auch nur zu benennen.“ Das hat Methode: Natürlich kann man versuchen, sich diesem ständigen Wiederauftauchen zu entziehen, doch das funktioniert nur, indem man selbst so standhaft und starrsinning bleibt wie Wayne in vielen seiner Filme.
Wer also meint, über die Person John Wayne Bescheid zu wissen (über den Republikaner, den Patrioten, den unbeugsamen Kämpfer gegen den Krebs), der weiß auch – so könnte man schlussfolgern – über das Verhältnis zwischen Schauspieler und Rolle Bescheid. Denn dass es hier ein Naheverhältnis geben muss, steht gerade bei Wayne seit Jahrzehnten außer Zweifel und offensichtlich nicht zur Diskussion: Seine jederzeit in Verbissenheit umschlagende Hartnäckigkeit, sein an Unbarmherzigkeit grenzender Egoismus – das sind Eigenschaften, die sowohl auf eine große Anzahl der Rollen als auch auf den „echten“ Wayne übertragbar scheinen. Und es sind vor allem Eigenschaften, die man einem Mann in Cowboy-Uniform erlaubt, weil man sich Geschichten, in denen jemand anderer für uns die Schmutzarbeit macht, schon immer gerne hat erzählen lassen. Eine „schreckliche Sehnsucht Amerikas nach dem schwarzen Ritter“ erkennt Lethem tief verborgen in der amerikanischen Seele und sieht eine Wesensverwandtschaft zwischen den Wayne-Figuren und jenen finsteren Comic- und Hard-boiled-Helden, die das Land und seine Nation stets aufs Neue groß machen, ohne selbst am Gipfel des Erfolgs verweilen zu dürfen. Es sind Wegbereiter, die immer wieder ihrer Wege gehen müssen; Männer, die wie John Wayne am Ende von The Searchers ihren Stellvertretern und Nachfolgern buchstäblich Platz machen müssen.
Doch was bedeutet diese ständige Wiederkehr des Vertrauten? Zunächst einmal markiert sie ein Bedürfnis, das an den Wunsch nach jener Gewohnheit erinnert, mit der ein guter Bekannter uns über die Jahre und Jahrzehnte hinweg seinen Besuch abstattet. Das mag im Einzelfall ein Schauspieler sein, von dem wir glauben, dass nur wir ihm Zugang gewähren und dass nur wir ihm unsere Aufmerksamkeit schenken. (So erweisen wir unsere Gunst gerne weniger bekannten Schauspielern und beweisen damit angeblich Fachkenntnis.) Im Allgemeinen markiert diese Wiederkehr jedoch ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal – das zwischen Schauspieler und Star. Der Star ist mehr als nur Schauspieler, der Schauspieler aber kein Star, und auch wenn die Leistung des Schauspielers aufs Höchste zu bewundern sein mag, droht diese dennoch irgendwann in Vergessenheit zu geraten. Das bedeutet natürlich noch lange nicht, dass nicht auch Stars der Vergessenheit anheim fallen: Die nationale Kinogeschichte – man denke bloß an die vergessenen Stars der deutschen UFA – spielt hier ebenso eine große Rolle wie die Akzeptanz der verkörperten Rollenbilder und ein allgemeiner Wertewandel. Doch eines steht fest: Ein vergessener Star ist kein solcher mehr.
Als Schauspieler hat sich John Wayne im Laufe seiner Karriere natürlich gewandelt, hat seine Figuren zunehmend einer Selbstbeobachtung unterzogen. Doch dieser Wandel bedeutete keine Anpassung an die sich ebenfalls wandelnden gesellschaftspolitischen Verhältnisse, die nicht nur den Western in den Sechzigerjahren untergruben, sondern allenfalls eine Variation derselben Figur. Denn das entscheidende Merkmal sollte bis zu Waynes letztem Auftritt in The Shootist (1976) dasselbe bleiben: Nicht der Schauspieler John Wayne ist von Bedeutung, sondern die Bedeutung des Schauspielers John Wayne.
Wenn sich Wayne, der Schauspieler, etwa in True Grit (1969) schwerfällig und trunksüchtig für die Verbrecherjagd noch ein letztes Mal in den Sattel schwingt, dann tut er das natürlich auch als Star, der damit vor allem den eigenen Mythos befragt. Das macht aus heutiger Sicht seine Altersrollen sympathischer, möglicherweise gar menschlicher, aber niemals realistischer. Aber eben auch nicht reaktionär. In seiner Textsammlung „Der Mülleimer der Geschichte“ beschreibt der Literatur- und Pophistoriker Greil Marcus, wie Wayne in The Searchers und in Howard Hawks’ Red River „die Beweggründe und Taten seiner eigenen Charaktere beurteilt und richtig findet“. Denn es gäbe nur sehr wenige Schauspieler, „die sich in derart verzweifelte, psychologisch katastrophale Krisen begeben, und wenn sie es tun, dann schützen sie sich dagegen. Sie tragen zu dick auf und distanzieren sich und das Publikum vom Filmgeschehen“. Oder sie würden sich in ihren Rollen verlieren wie Robert De Niro und Al Pacino, die bei ihren in dieser Hinsicht besten Darbietungen als Individuen verschwinden würden. John Wayne hingegen, der zeit seines Lebens mit Method Acting nichts am Hut hatte, würde „den Fortgang der Handlung auch dann noch beobachten, wenn er sie voranträgt“.
Man könnte aber auch behaupten, Wayne war sich in seinen besten Filmen seiner Starqualität – durchaus im Sinne von Merkmal – in solchem Maß bewusst, dass er diese unmittelbar auf die Rollen übertrug: John Wayne war Rolle und Star zugleich, politische Figur und Privatperson in einem. In ihrem bemerkenswerten Essay „John Wayne’s Body“ erklärt Deborah Thomas, wie diese Auffächerung, wiewohl natürlich auch bei anderen Filmstars erkennbar, unmittelbar mit Waynes Körperlichkeit zu tun hat. Zum „echten“ Wayne und zum Star gesellen sich die öffentliche Person (der liebevolle Vater, der gute Amerikaner) sowie die „unvergesslichen“ Auftritte seiner fiktiven Filmfiguren. „What all these Waynes necessarily have in common is that they share the same body, and this places some limits on the qualities they can incorporate (or literally embody).“
Es ist diese Unmöglichkeit der Differenzierung, die das Gesamtbild John Wayne auf uns als Zuschauer zurückwirft. Wer sich nur jenen Teil nimmt, der die eigene Erwartung erfüllt – und weshalb man den Mythos John Wayne im Grunde sowohl von der Vereinnahmung als auch vor seiner Ablehnung befreien müsste –, dem bleiben entweder nur falsche Distanzierung oder ebenso falsche Bewunderung. „Am Ende ist John Wayne weder Mensch noch Filmstar“, schreibt Jonathan Lethem, „sondern eine archetypische Figur, mittels derer sich der tief sitzende amerikanische Widerstand gegen endgültige familiäre und gemeinschaftliche Bindungen wieder und wieder durchspielen lässt.“
