Dossier Yella – Zwischen den Welten ver(w)irrt

Zwischen den Welten ver(w)irrt

| Alexandra Seitz |

Seltsam vertraut und doch ungeheuerlich fremd: Auch in „Carnival of Souls“ von Herk Harvey entsteigt eine junge Frau nach einem Autounfall den Fluten und verliert zunehmend die Kontrolle.

Als sie zum zweiten Mal aus der Welt herausfällt, von einer Sekunde auf die andere keiner sie mehr zu sehen oder hören scheint, sie selbst wie in einem schalltoten Raum herumläuft, der lediglich das Geräusch ihrer übers Pflaster klackernden Absätze überträgt, und das auch noch asynchron – da also ruft die Organistin Mary Henry eine ebenso irritierte wie verzweifelte und ratlose Frage in den mit Schweigen antwortenden Raum: „What’s the matter with everyone?“

Sie fragt nicht: „What’s the matter with me?“ Das ist natürlich bemerkenswert und gäbe unmittelbar zu denken, wäre man nicht ohnehin bereits seit geraumer Weile damit beschäftigt, über die sonderbare Situation dieser eigenartigen Person zu reflektieren.

Möglicherweise nämlich ist Mary Henry ein Gespenst. Und zwar von jenem Moment an, in dem sie – nach einem schweren Unfall, bei dem ihr Auto von der Brücke in den Kansas River stürzt – überraschend wieder aus den schlammigen Fluten auftaucht. Als sei sie auf der Flucht, verlässt sie sodann rasch die Stadt, um eine Stelle als Organistin bei einer Kirche in Salt Lake City, Utah anzutreten. Unterwegs schwebt plötzlich das blasse Gesicht eines unheimlichen Fremden neben dem Seitenfenster ihres Wagens einher, und der in der Ferne vorüberziehende, aufgelassene Saltair Vergnügungspark übt seine magische Anziehungskraft aus. Orgelmusik erfüllt die Atmosphäre mit der geisterhaften Ahnung früherer Belustigungen. Möglicherweise ist Mary Henry eine verirrte Seele und der blasse Mann ist der Tod, der sie zurückholen, sie zu einem Reigen in der riesigen, alten Tanzhalle verlocken will, wo all die anderen schon warten.

Herk Harvey hat für die in Lawrence, Kansas beheimatete Educational Film Company Centron zwar über 400 Industrie- und Lehrfilme gedreht, aber nur einen einzigen langen Spielfilm: Carnival of Souls entstand 1962 im Laufe zweier Urlaubswochen für ein Mini-Budget von 30.000 Dollar und ist ein ganz außergewöhnliches, kleines Horrorjuwel, das seinen unbestritten festen Platz in der Geschichte des Genres hat. Harvey erklärte sich den dauerhaften Kultstatus seines aus tatsächlicher Unabhängigkeit geborenen Werks mit der ähnlichen Lage, in der sowohl Hauptfigur als auch viele jugendliche Zuschauer steckten. Wie Mary suchten die jungen Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden ihren Platz in der Welt, versuchten die Kontrolle über ihr Leben zu erlangen und seien dabei mit Autoritäten konfrontiert, die ihre Fähigkeit zu selbständiger Entscheidung hinterfragten. Eine plausible Erklärung, die zwar Zeugnis ablegt vom pragmatischen Charakter des verantwortlichen Lehrfilmers, in der jedoch wenig bis nichts ausgesagt wird über die subtile Verführungskraft, den rätselhaften Zauber dieses Films.

Das Licht, die Musik und der Ort gehen in Carnival of Souls eine Verbindung ein, die einen Raum außerhalb von Raum und Zeit schafft, in dem die Untoten wesen. Ein Zwischenreich, das zugleich seltsam vertraut und ungeheuerlich fremd wirkt. In dem die Lebenden und die Toten einander für kurze Zeit begegnen, bevor voneinander geschieden wird, was miteinander nicht sein kann.