Downton Abbey

Scheiden tut weh

| Pamela Jahn |
Auch die erfolgreichsten TV-Serien gehen einmal zu Ende. Mit zahlreichen Golden Globes und Emmys ausgezeichnet, verabschiedet sich das britische Historiendrama „Downton Abbey“ nach sechs Staffeln von seiner internationalen Fangemeinde. Im Interview zieht der Schauspieler Jim Carter, besser bekannt als Oberbutler Mr. Carson, seine ganz persönliche Bilanz.

Zugeknöpft, streng und rund um die Uhr im Einsatz, so kennt man Mr. Carson, den versierten Butler von Downton Abbey, der seit sechs erfolgreichen Fernsehjahren im Dienst der feinen Aristokratenfamilie Crawley steht und stets dafür sorgt, dass sowohl upstairs, in den Räumen der Herrschaften, als auch downstairs, im Reich der Bediensteten, alles wie am Schnürchen läuft. Der Schauspieler Jim Carter, der den robusten Diener mit Bravour mimt, erweist sich im wirklichen Leben als deutlich entspannterer Zeitgenosse, der im Gespräch weder seine ehrliche Meinung noch seinen britischen Humor zurückhält. Schon lange vor Downton Abbey hatte sich Carter mit zahlreichen TV-Auftritten im eigenen Land einen Namen gemacht, und auch im Kino war er immer wieder in kleineren Rollen zu sehen. Doch erst der überwältigende internationale Siegeszug der Serie machte ihn schließlich auch einem breiten Publikum bekannt. Was ihn mit seiner Figur in Downton Abbey verbindet, sagt Carter, sei ein spezieller Sinn für Traditionen und Werte, obwohl er selbst dem Fortschritt grundsätzlich um einiges aufgeschlossener gegenübersteht, als das bei Mr. Carson der Fall ist. Allerdings müssen auch Carson und der ehrenwerte Lord Grantham (Hugh Bonneville) im Laufe der jetzt auf DVD erschienenen finalen Staffel lernen, was es heißt, mit der Zeit zu gehen, um angesichts der gesellschaftlichen Umwälzungen des frühen 20. Jahrhunderts, die auch vor dem britischen Landadel nicht Halt machten, den feudalen Wohnsitz der Familie im südlichen Hampshire langfristig erhalten zu können. Als Konsequenz gilt es, das luxuriöse Leben etwas zurückzuschrauben und Personal abzubauen, was einige der Bediensteten in eine missliche Lage bringt. Die Crawley-Töchter dagegen, allen voran die kühle, selbstsichere Lady Mary (Michelle Dockery), genießen umso mehr die zunehmende Unabhängigkeit, die ihnen Mitte der Zwanziger zu Teil wird, während die strenge, aber zutiefst gutherzige Hausdame Mrs. Hughes (Phyllis Logan) auf dem besten Weg zu sein scheint, schließlich doch noch ihr spätes Glück mit Mr. Carson finden.

Wer jetzt zwangsläufig auf ein Happy End wartet, der sei gewarnt – und beruhigt zugleich. Denn bei allem Kitsch und Pomp war Downton Abbey über die Jahre immer wieder  auch für unschöne Überraschungen gut. Man denke nur an das Ende der dritten Staffel, als Lady Marys geliebter Ehemann Matthew gänzlich unverhofft bei einem Autounfall ums Leben kam und damit zu Weihnachten 2012 halb Großbritannien in tiefste Trauer und Empörung stürzte. Ähnlich schockierend war in der darauffolgenden Staffel die Vergewaltigung von Anna Bates, oder selbst die Dinnerszene in Staffel fünf, als Lord Grantham am versammelten Tisch Blut spuckte. Derartige Katastrophen rüttelten mitunter kräftig am Bild von der glanzvollen, harmonischen Welt zwischen Oben und Unten, das die Serie sonst so meisterlich inszenierte. Und dennoch ließ man sie geschehen. Denn was Downton Abbey über all die Jahre zusammen und lange Zeit an der Spitze der Einschaltquoten hielt, waren letztlich nicht nur die zahlreichen kleinen und großen Dramen, die geheimen Intrigen und verletzten Eitelkeiten, mit denen Julian Fellowes, der kreative Kopf hinter der Kultserie, immer wieder aufs Neue die Drehbücher spickte. Vielmehr lebte das Geschehen stets in erster Linie von seinen eigenwilligen, charakterstarken Figuren und einem exzellenten Ensemble, das sich stets ehrfürchtig um Maggie Smith in der Rolle der unverwüstlichen Gräfinwitwe gesellte. Und trotzdem, so scheint es, hat der britische Fernsehsender ITV gut daran getan, dem illustren Treiben nun ein vorläufiges Ende zu setzten. Denn lange dauert es nicht mehr, bis Netflix mit seinem millionenschweren Königsdrama The Crown den internationalen Serienmarkt aufrütteln und die in den britischen Adel verliebten Zuschauer hierzulande wie andernorts abfangen wird. Aber wer weiß: Wie endgültig der Abschied von Downton Abbey  tatsächlich ist, wird sich auch erst noch zeigen. Derweil kursieren die Gerüchte über eine mögliche Kinoversion fleißig weiter.

Mr. Carter, wie war das, nach so vielen Jahren auf einmal die endgültig letzte Szene von Downton Abbey zu filmen?

Na ja, wir konnten uns ja 18 Monate lang darauf vorbereiten, das heißt, ganz so plötzlich kam der Moment zum Glück nicht. Aber als wir dann alle zusammen dort saßen, unten im Aufenthaltsraum für die Angestellten, und plötzlich hieß es „Cut“, das war schon merkwürdig. Ich hatte wirklich nicht damit gerechnet, dass es so emotional werden würde, weil jeder Job irgendwann zu Ende geht und man dann einfach zum nächsten Projekt weiterzieht, so ist das eben in dem Beruf. Aber Downton war schon etwas Besonderes. Selbst die sonst so starken Burschen von der Crew hatten am Ende dicke Tränen in den Augen. Trotz allem denke ich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um Abschied zu nehmen. Schließlich hätten wir die Geschichten ja auch nicht ewig weiterspinnen können. Oder vielleicht schon, aber dann wäre das Ganze irgendwann nur noch eine Farce gewesen. Stattdessen hat Julian Fellowes die Serie zu einem schönen Abschluss gebracht, der die Figuren gewissermaßen auf einen neuen Weg bringt. Mit anderen Worten: Eine Tür schließt sich, und eine andere geht auf, heißt es nicht so?

In Ihrer Rolle als Oberbutler sind Sie über die Jahre nicht nur eine Art Vaterfigur für die Angestellten downstairs geworden, sondern in gewisser Hinsicht auch für die Töchter upstairs.

Ja, das stimmt. Es gibt eine Szene, die liegt mir bis heute ganz besonders am Herzen, und zwar, als Lady Mary in ihrem Hochzeitkleid die Treppe herunterkommt, während Lord Grantham und ich unten stehen und auf sie warten, und sie fragt: „Will I do, Carson?“ Woraufhin ich ihr antworte: „Very nicely, my lady.“ Da spricht quasi der Ersatzvater in mir.

War Lady Mary insgeheim immer Ihre Lieblingstochter?

Ein bisschen schon. Es gab auch in der ersten Staffel eine Szene, die ich sehr schön fand, die aber letztlich nicht gedreht wurde, weil die Zeit einfach zu knapp wurde. Als dann feststand, dass es eine zweite Staffel geben wird, habe ich Julian darum gebeten, dass wir sie ins neue Drehbuch übernehmen, und er hat ja gesagt. In der Szene erzähle ich Mrs. Hughes die Geschichte, als Lady Mary mit fünf von zu Hause wegrennen wollte und mich vorab fragte, ob sie ein paar Teile vom Tafelsilber mitnehmen dürfe, um es im Dorf zu verkaufen. Die Geschichte hat mich immer an meine eigene Tochter erinnert, und ich muss gestehen, ich habe die wenigen privaten Momente, die wir als Angestellte in der Serie hatten, immer sehr genossen. Natürlich gab es immer wieder Kritiker, die bemängelten, dass das Verhältnis zwischen der Familie und ihrer Dienerschaft nicht historisch korrekt dargestellt sei, aber mich hat das nie gestört. Und mal ganz ehrlich, ständig nur das Abendessen zu servieren und aufrecht in der Ecke zu stehen, ist nicht unbedingt der spannendste Job, da freut man sich als Schauspieler, wenn man mal eine Szene hat, in der es ein bisschen persönlicher wird.

Wie Ihre Beziehung zu Mrs. Hughes.

Ja, genau. Carson ist ja immer schrecklich zugeknöpft, sehr britisch eben. Aber tief im Inneren hat auch er ein Herz.

Wem haben Sie in all den Jahren am liebsten das Essen serviert?

Oh je… Shirley [MacLaine] würde ich sagen. Shirley war immer zu einem Schwätzchen aufgelegt, und wir hatten sehr viel Spaß am Set.

Gibt es jemanden, den Sie gerne bedient hätten?

Ich fand es immer besser, dass wir nicht allzu viele Gastauftritte hatten. Obwohl es natürlich jede Menge Leute gab, die unheimlich gerne dabei gewesen wären, aber letztendlich nicht unbedingt nach Downton Abbey passten. Jemand wie Tom Hanks zum Beispiel, ein toller Schauspieler, keine Frage, aber diese Wangenknochen sind einfach so gar nicht zwanziger Jahre. Sorry!

Worin, denken Sie, besteht das Geheimnis dieses enormen internationalen Erfolges, den die Serie über die Jahre genossen hat?

Das weiß keiner so genau. Julian sagt immer, wenn er es wüsste, würde er nichts anderes mehr schreiben.

Wie geht es nach Dowton Abbey jetzt für Sie weiter?

Ich bin Vorsitzender des Hampstead Cricket Club, da gibt es immer viel zu tun. 2015 haben wir unser 150. Jubiläum gefeiert und hatten die englische Frauen-Cricket-Nationalmannschaft zu Gast – das war ein großer Spaß!

Und beruflich?

Ich würde unheimlich gerne eine Dokumentation über die Erfinder von Zaubertricks machen – ich habe früher selbst als Zauberer gearbeitet.

Was sagen Sie zu den Gerüchten, dass es demnächst eine Kinoversion von Downton Abbey geben soll?

Wissen Sie, ich glaube, das ist mal wieder so eine Geschichte, bei der die Journalisten mehr wissen als diejenigen, die es betrifft. Ich persönlich lebe nach der Regel, nichts für beschlossene Sache zu halten, solange der Vertrag nicht unterschrieben ist. Und derzeit gibt es lediglich eine Reihe von Leuten, die Downton Abbey gerne auf der großen Leinwand sehen würden, aber dazu braucht man auch erst mal ein Drehbuch. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich will Ihnen jetzt auf keinen Fall die Illusion nicht rauben, aber im Moment gibt es tatsächlich einfach noch nichts Konkretes zu sagen. Warten wir es also am besten einfach ab!