Jafar Panahi lotet erneut erfolgreich die Grenzen seines Arbeitsverbots aus.
Hausarrest, von wegen. Man möchte fast meinen, seit Jafar Panahi 2010 in seiner Heimat Iran mit einem 20-jährigen Berufsverbot belegt wurde, ist er umtriebiger denn je. Natürlich bleiben ihm Auslandsreisen und Interviews weiterhin strengstens untersagt. Doch kein Gesetz der Welt scheint den iranischen Ausnahmeregisseur davon abhalten zu können, auch in der Isolation weiterhin Spielfilme zu drehen – und äußerst sehenswerte noch dazu. Drei Gesichter ist mittlerweile das vierte Projekt, mit dem Panahi international Preise und Anerkennung gewinnt – unter anderem den Preis für das Beste Drehbuch in Cannes –, während ihm von der Zensurbehörde in seiner Heimat weiterhin die Hände gebunden sind.
Und es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Kunstfertigkeit und Schaffensfreude der Regisseur selbst unter schwersten Bedingungen an die Arbeit geht und sich zudem geschickt mit jedem neuen Werk ein Stück weiter hinaus, zurück ins öffentliche Leben bewegt. Nach Taxi Teheran (2015), in dem er als Chauffeur die belebten Straßen der Hauptstadt durchkreuzte und dabei allerlei plauderfreudige, groteske und regimekritische Passagiere umherkutschierte, sitzt Panahi in Drei Gesichter erneut hinterm Steuer, diesmal auf der Reise in eine abgelegene Bergregion im Nordwesten. Begleitet wird er von der berühmten Schauspielerin Behnaz Jafari, die den Regisseur zu der Fahrt überredet, nachdem sie über ihn die bestürzende Videonachricht eines jungen Mädchens namens Marziyeh Rezaie erhalten hatte. Marziyeh erzählt darin aufgebracht, wie sehr sie sich nach einer Karriere als Schauspielerin sehne, doch die Familie ihrem Wunsch trotz ihres Talents niemals stattgeben würde. Alarmiert von dem Hilfeschrei, machen sich Jafari und Panahi schließlich auf den Weg, um das Mädchen ausfindig zu machen.
An ihrem Wohnort angekommen, treffen sie allerdings nicht nur auf Marziyehs Familie und andere Dorfbewohner, sondern auch auf eine enigmatische, weil gänzlich zurückgezogen lebende, ehemalige Schauspielerin aus der Zeit vor der Revolution. Sie ist das dritte, das unsichtbare Gesicht, das zudem als einziges ungesehen bleiben soll. Während der Fokus des Films sich vordergründig auf die drei Frauen aus drei verschiedenen Generationen richtet, versteht es Panahi dennoch, auch seiner Nebenfigur mit viel Charme und Weisheit ein Gefühl von zentraler Präsenz zu verleihen. Den vorhergehenden Werken gegenüber mag Drei Gesichter konventioneller, weniger radikal und dringlich erscheinen. Doch entpuppt sich am Ende auch sein jüngster Film auf gewohnt elegante Weise als eine verstrickte Parabel voller Einsicht und Menschlichkeit, die zudem von einem Respekt für Frauen zeugt, von dem andere Regisseure noch manches lernen können.
