Filmstart

Drive My Car

| Alexandra Seitz |
Virtuos-melancholische Umkreisung des Profunden

Der angesehene Theaterregisseur und Schauspieler Kafuku Yusuke erhält das Angebot, im Rahmen eines Gastspiels in Hiroshima Tschechows berühmtes Bühnenstück „Onkel Wanja“ zu inszenieren. Dort angekommen, wird ihm eine Chauffeurin, Misaki, zugeteilt, da er, so der dortige Verantwortliche, aus versicherungsrechtlichen Gründen nicht selbst fahren dürfe. Und nein, leider, sehr bedauerlich, daran ließe sich auch nichts ändern, wird Kafuku beschieden, der Fahrten in seinem gut gepflegten, alten Wagen gemeinhin dazu nutzt, mithilfe von Kassetten seine Rollen zu lernen, und dem das also gar nicht recht ist. Eher widerwillig verzieht sich der etwas griesgrämige Mann nun auf den Rücksitz, vertraut sich und sein Auto der schweigsamen jungen Frau an und schickt sich drein. Mit der Zeit kommen die beiden miteinander ins Gespräch: Misaki erfährt, dass Kafukus Frau vor ein paar Jahren gestorben ist; Kafuku erfährt, dass Misakis bisheriges Leben alles andere als glücklich war. Gemeinsam machen sie sich an die Arbeit der Bewältigung von Verdrängtem.

Hamaguchi Ryûsukes Drive My Car, in diesem Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Preis für das Beste Drehbuch ausgezeichnet, fußt auf der gleichnamigen Erzählung von Murakami Haruki, erschienen 2014 in dem Band „Von Männern, die keine Frauen haben“. Wie immer bei Murakami bleibt das Zentrum der Geschichte flüchtig und opak, was jedoch Hamaguchi nicht anficht.

Mit der ihm eigenen Virtuosität umkreist er Themen und Motive, flicht sie probehalber ineinander, lässt sie wieder auseinanderlaufen, verlagert den Fokus, schenkt Nebensachen Aufmerksamkeit und behandelt Hauptsachen beiläufig. Solcherart ein narratives Gewebe kreierend, in dem allmählich die ganze Tragweite der schicksalhaften Verknüpfungen der Figuren erkennbar wird. Zumal auch auf der Meta-Ebene der Inszenierung des Tschechow-Stücks, das mit Darstellern aus unterschiedlichen Ländern besetzt ist, die alle ihre eigene Sprache sprechen und unter denen sich auch eine stumme Frau befindet, die sich in koreanischer Zeichensprache verständigt, ein komplexer Zusammenhang zwischen Artikulation und Verstehen hergestellt wird.

Am Ende geht es um nichts weniger als ums Weiterleben, darum, aus einer von Kummer und Schuld verursachten Versteinerung herauszufinden, sich zu vergeben, da es doch sonst niemand kann, und sich dem Geschenk der Existenz würdig zu erweisen.