Jochen Förster gibt „Dummy“ heraus, ein Berliner Themen-Magazin. Im Gespräch über monothematische Zugänge, über Fußball, Filme, Frauen und Kinder landet der Magazingründer beim Identitätsproblem des modernen Mannes. Motto: Mut zur Peinlichkeit.
Irgendwann hatte er genug vom Medien-Mainstream und gründete ein eigenes Magazin: monothematisch, politisch unkorrekt, ein Ding, das sich von Nummer zu Nummer selbst neu erfindet und damit eine ästhetische und thematische Routine gar nicht erst aufkommen lässt. Dummy-Herausgeber Jochen Förster war der Stargast der ersten Tagung alternativer Magazinkultur in Graz, wo er unter anderem Oscar Wilde zitierte und die Stromlinienform alter und neuer deutscher Magazinprodukte ironisch kommentierte. Nach der Tagung baten wir zum Interview.
Wie kann der Journalist ehrlich zu sich selbst bleiben, wo doch zusehends die Regeln des Produktmanagements auf Medien angewandt werden?
Sehr schwer. Indem er sich ein Maximum an geistiger Freiheit erhält und die Medien nicht so wichtig nimmt, wie sie selber es tun. Indem er sich immer wieder daran erinnert, dass die meisten Medien Nachrichten von einer Halbwertszeit produzieren, die nicht erwähnenswert ist.
Glaubst du, dass nur selbstverliebte Menschen in relevante Positionen kommen?
Das glaube ich schon. Wenn wir ganz generell reden: Um im deutschen Journalismus in die Chefetagen zu kommen, muss man von der Wichtigkeit der eigenen Meinung restlos überzeugt sein. Sensibelchen oder empfindlichere Menschen haben es da sehr schwer. Die schaffen es – wie ein Harald Martenstein – nur als Exoten.
Das von dir gemeinsam mit Oliver Gehrs gegründete Magazin Dummy erfindet sich mit jeder Ausgabe neu. Wie kommt man darauf, ein Magazin zu machen, von dem man keine Ahnung haben will, wer sich als Leser letztlich dafür interessiert?
Indem man die andere, von Lesergruppenanalyse dominierte Seite des Magazinmachens über viele Jahre kennen gelernt hat und dermaßen angeödet davon ist, dass man aufgrund des eigenen Überlebenswillens und des eigenen Lebensstandards versucht, sich etwas auszudenken, das einen besser unterhält.
Und unterhält es dich?
Ja sehr! Ich kann das nur jedem empfehlen. So wie die momentane Entwicklung aussieht, werden wir in zehn Jahren Verhältnisse haben, wo jeder sein eigenes Magazin macht. Make your magazine, ist doch wunderbar. Ich habe in meiner Arbeit nie etwas als sinnvoller erachtet, als dieses Magazin zu machen. Es ist so eine Art Baby-Verhältnis.
Woher kam der Impetus für das Thema Kinder der vorigen Dummy-Ausgabe?
Wir machen das Heft zu zweit. Kollege Gehrs hat Kinder, ich nicht. Wir versuchen uns gegenseitig zu erklären, warum der eine so tickt und der andere so, und ich glaube, dass uns die Kinder sehr stark trennen. Das Thema beschäftigt uns in unserem jetzigen Lebensabschnitt. Kinderwelten zu erschließen, fand ich sehr reizvoll. Denn wie alle unsere Themen findet das Thema Kinder überall statt, aber selten richtig.
Wovon hängt ab, wann ihr welches Thema behandelt?
Natürlich haben wir die Fußball-Ausgabe nicht zufällig jetzt gemacht, wir wollten bei allem Übermaß medialer WM-Vorbereitung zeigen, wie toll Fußball wirklich ist. Und natürlich haben wir die Deutschland-Ausgabe gemacht, als das Jammern in Deutschland am größten war, und dieses Jammern kam bei uns nicht vor. Wir schielen nicht auf den Markt, sondern das Thema muss uns sinnvoll erscheinen.
Euer Schmäh ist, sowohl inhaltlich als auch optisch unberechenbar zu sein.
Die Abwesenheit eines Logos kann ein Logo werden. Die Abwesenheit eines festen Markenzeichens kann ein Markenzeichen sein.
Und ihr scheut euch nicht, auch mal peinlich zu sein.
Es ist aber nicht unser Ziel, peinliche Geschichten zu machen. Wir suchen nach überraschenden Geschichten: In der Juden-Ausgabe hatten wir eine sehr schöne Geschichte über jüdische Sadomaso-Phantasien, die Nazis betreffend. Die mit Abstand erfolgreichste Buchserie der Geschichte Israels war eine in den 60er Jahren erschienene Billigbuchreihe, bestehend aus Sadomaso-Geschichten in einem Arbeitslager. Blonde Arierinnen erniedrigten gefangene englische Soldaten sexuell, worauf sich die Soldaten nicht minder sexuell an ihnen rächten. Das war ein riesengroßer Verkaufserfolg in Israel und erzählt so viel über die libidinösen Verstrickungen, die der Nationalsozialismus hinterlassen hat und die in Deutschland ein ganz großes Tabu sind. Das mag vielen Leuten als Thema peinlich erscheinen, interessiert uns aber. Das sind die Linien, an denen wir uns am liebsten bewegen. Ein anderes Beispiel ist die Geschichte des Aufklärungsbuchs Zeig mal! An dieser Geschichte fanden wir spannend, wie dramatisch sich im Lauf der letzten 30 Jahre vor allem durch die Medienberichterstattung über Pädophilie der Umgang mit dem Bild nackter Kinder geändert hat. Natürlich haben die vielen Berichte das Bewusstsein für Pädophilie geschärft. Aber als Nebenwirkung ist ein natürlicher Umgang mit Nacktheit von Kindern überhaupt nicht mehr möglich. Wenn du nackte Kinder zeigst, bist du ein Schwein.
Euer aktuelles Heft dreht sich um Fußball. Frauen kommen nur in einer delikaten Anzeige auf dem Heftrücken und in der Halbzeitpause vor, wo Models berühmte Szenen der Fußballgeschichte nachspielen. Seid ihr frauenfeindlich?
Ach Quatsch, mir sind Frauen in vieler Hinsicht lieber als Männer. Worauf wir überhaupt nicht stehen, ist diese political correctness, die dem Thema anhaftet. Sich wer weiß wie für Frauenfußball interessieren, weil man nicht schreiben darf, dass es nun mal weniger aufregend ist. Womit man keine frauenfeindliche Aussage macht, sondern nur darauf hinweist, dass Fußball einfach ein dynamischer Sport ist, den nun mal der Männerkörper besser hinkriegt als der Frauenkörper. Damit diskriminiert man ja niemand, die Einschaltquoten belegen das ja.
Und eure nächste Ausgabe beschäftigt sich mit dem Thema Frauen.
Das wollten wir immer schon mal machen. Alle machen sich unentwegt Gedanken über Frauen, es gibt unglaublich viele Produkte, die sich nur damit beschäftigen. Das Reizvolle an so einem großen Thema ist, zu zeigen, was alles raus gelassen wird.
Was wird ausgelassen?
Zum Beispiel konkrete Geschichten über die unterschiedlichen Verhaltensweisen von Frauen und Männern, zum Beispiel am Arbeitsplatz. Dass Frauen auf ganz andere Weise miteinander beruflich umgehen. Nach meiner Erfahrung kehren Männer persönliche Probleme eher cool unter den Teppich, Frauen merken sich jede Beleidigung. Bei der Beurteilung eines Themas oder einer Lage darf es aber keine Rolle spielen, ob man gerade miteinander Streit hat.
Habt ihr eine Quote weiblicher Autoren für das Heft festgesetzt?
Nein, aber das Heft wird von zwei Art Directorinnen gestaltet. Die Perspektive von Dummy ist natürlich immer männlich, weil die beiden Chefs männlich sind, dessen sind wir uns auch bewusst. Wir kompensieren das aber nicht dahingehend, dass wir die Frauenversteher markieren. Wir versuchen zu reflektieren, dass wir eine männliche Perspektive haben.
Was ist mit dem männlichen Rollenverhalten?
Die Männerrolle ist eines der spannendsten Themen der Jetztzeit. Die gesellschaftliche Entwicklung der Frauen hat die Männer in große Verwirrung gestürzt. Als moderner Mann hast du ein Identitätsproblem: Einerseits weißt du, dass die weibliche Emanzipation ihren Sinn hat, andererseits sehnst du dich nach dem, was möglicherweise männlich sein könnte. Es ist ganz schwer heutzutage, diese Männlichkeit zu füllen. Allgemein gesprochen, sind Frauen in der leichteren Position: Was klassisch männlich ist, ist im Prinzip diskreditiert, wird aber von Frauen durchaus begehrt, nur halt inoffiziell. Am Feminismus hat mich immer gestört, dass er kein Angebot gemacht hat, was an die Stelle des ursprünglichen, über Jahrtausende gewachsenen Rollenspiels treten könnte. Ohne geschlechtliche Rollen werden wir nicht leben können, wir sind damit aufgewachsen, diese Bilder sind in uns, sprich: wir brauchen Distanz, aber auch Identität. Ein spielerisches Bekenntnis zu dem, was wir als weiblich und männlich empfinden, wäre vielleicht ein Weg.
Glaubt man Zukunftsforschern, könnte sich zum Beispiel die Fortpflanzung komplett von soziologischen Rollenbildern abkoppeln.
Du nimmst in Kauf, von diversen Leserinnen als unsympathisch wahrgenommen zu werden.
Ich glaube, die meisten Frauen schätzen Ehrlichkeit sehr, außerdem rufe ich ja nicht zur Wiederkehr der Tätschelkultur auf. Man muss die Befindlichkeit als männlicher Journalist auch nicht in den Vordergrund stellen. Ich möchte in unserer Frauen-Ausgabe konkrete Geschichten erzählen. Vom Leben iranischer Lesben, von achtfachen Müttern in Wuppertal, von Serienkillerinnen. Oder davon, wie viel leichter sich die Frauen heute tun, erwachsen zu werden. Männer finden viel später zu sich selber. Frauen sind oft schon mit Anfang 20 von einer unglaublichen Selbstsicherheit, ich bewundere das. Männer haben in diesem Alter meist noch keinen Plan.
Du lebst und arbeitest in einer Großstadt. Welcher Großstadt-Film fällt dir als erster ein?
Lichter der Großstadt. Ich liebe Charlie Chaplin. Das ist aber kein Großstadtfilm, der fällt mir nur zum Begriff Großstadt ein. Al Pacino und Robert De Niro in Heat, mit dem unfassbaren L.A.-Lichtermeer am Ende. Once upon a Time in America, das ist New York. Sofia Coppolas Tokio in Lost in Translation.
Bilder aus Lost in Translation?
Bill Murray vor dem Spielautomaten, beim Dreh des Werbespots mit diesem japanischen Filmteam, Murray und Scarlett Johansson im Aufzug …
Wie würde eine Dummy-Geschichte über Scarlett Johansson aussehen?
Wir machen selten Geschichten über Stars, weil man darin selten Neues erfährt. Solltest du im Leben dieser Frau auf einen Bereich stoßen, der so noch nicht gesehen wurde, dann vielleicht.
Wie willst du das Niveau von Dummy aufrecht halten?
Na, indem ich zum Beispiel auf ein Scarlett-Johansson-Porträt verzichte, obwohl ich ein Exklusivinterview mit Scarlett Johansson kriege. Nichts gegen Scarlett Johansson, aber das kann nur eine langweilige Geschichte werden.
