Couscous mit Fisch

Couscous mit Fisch

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| Karin Schiefer |
Abdellatif Kechiche inszeniert mit seinem drittem Spielfilm „La Graine et le mulet“  („Couscous mit Fisch“) ein außergewöhnliches Familiendrama, aufgeladen von der Energie einer kraftvollen Gegenwärtigkeit.

Die Themen liegen bei ihm auf der Straße, im Treppenhaus der Stadtrandsiedlung oder einfach zu Hause am Herd. Selten hat man bei einem Filmemacher so sehr das Gefühl, dass er sich noch nie den Kopf über geeignete Stoffe zerbrechen musste. Selten gelingt es einem Regisseur in so enger Wechselwirkung zwischen Alltäglichkeit und Fiktion zu agieren und selten ist der Alltag dabei so gut aufgehoben wie bei Abdellatif Kechiche. Der französische Regisseur versteht es eindrucksvoll, die Gewöhnlichkeit seiner Geschichten in ihrer Tiefe zu spüren und in seinen Erzählungen von den ganz normalen Leuten eine außergewöhnliche Intensität zu Tage zu bringen.

Für seinen dritten Spielfilm La Graine et le mulet hat Kechiche das Geschehen in die südfranzösische Kleinstadt Sète verlegt und, ausgehend von seinem Protagonisten Slimane, einem tunesischen Einwanderer der ersten Generation, das Drama eines vom Leben müden Mannes in ein familiäres Patchwork aus drei Generationen verwoben. Die eigenen Kinder, eine Adoptivtochter und eine Hand voll Enkelkinder, die geschiedene Ehefrau, seine Lebensgefährtin und die betrogene Schwiegertochter formen einen Clan, der an manchen Stellen durch nichts zu erschüttern, an anderen umso brüchiger ist und dem alternden Mann das Leben schwer macht. Seit seiner Immigration hat er in der Schiffswerft von Sète den Unterhalt für die Seinen verdient, nach 35 Jahren wird er nun wegen mangelnder Rentabilität freigesetzt. Es wird ihm klar, dass er seine Rolle als Ernährer der Familie nicht mehr erfüllen kann und er ist nur noch von einem Gedanken besessen – den Generationen nach ihm auch etwas zu hinterlassen. Von seiner Abfertigung kauft er ein Schiffswrack und träumt davon, nach der Renovierung dort ein Couscous-Restaurant zu betreiben.

Neue Wurzeln

Couscous mit Fisch, der deutsche Titel des Films, spielt nur auf einen der mehrdeutigen Aspekte des Originaltitels La Graine et le mulet an. Das Korn und der Fisch (genau gesagt: die Meeräsche) stellen die Grundbestandteile jenes Gerichtes dar, dessen Verzehr rund um den Familientisch zu Beginn des Films eine Sternstunde von Kechiches geduldiger Regiearbeit beschert, und dessen Zubereitung bei späterer Gelegenheit den Stoff für eine vielschichtige Tragödie liefern wird. Le mulet, der Fisch, ist für seine Anpassungsfähigkeit und seine Genügsamkeit bekannt, aber auch dafür, dass er für Fischer alles andere als eine leichte Beute ist. La Graine steht folglich für den Nachwuchs dieser ersten Generation, die mit leeren Händen nach Frankreich gekommen war, um den Grundstein für die bessere Zukunft ihrer Kinder zu legen. So grundverschieden sich diese zweite Generation entwickelt und den Integrationsprozess verzweigt und fortgesetzt hat, so stur und beharrlich verfolgt Slimane sein Lebensziel, sich selbst und den Seinen eine Heimat zu schaffen. Seine neue Existenz – das Restaurant –, die nicht auf festem Grund steht, sondern buchstäblich von dem Wasser getragen wird, das die alte und die neue Heimat verbindet, bringt Slimanes Geschichte auf den Punkt: Es wäre sein größter Wunsch und auch der Beweis, dass er endlich seinen Platz in der französischen Gesellschaft erlangt hat, einen Standplatz für das Schiff am Quai de la République zu bekommen, doch dafür müssten die örtlichen Behörden über große Schatten springen. Der Vaterfigur des Slimane, der da und dort am Rand der Gesellschaft geblieben ist, weil sein Leben dazu gedient hat, die Brücke zu schlagen, hat Kechiche sein ganzes Interesse gewidmet und ihn in seiner Einsamkeit und Sprachlosigkeit, seiner Hingabe und seinem unzerbrechlichen Stolz grandios skizziert.

Abdellatif Kechiche, 1960 in Tunis geboren, ist selbst Spross einer Einwandererfamilie, die in den frühen Sechziger Jahren nach Frankreich gekommen war; das, was er heute ist, betont er selbst, hat er seinem Vater zu verdanken, der verstarb, kurz bevor seinem Sohn mit L’Esquive 2005 der Durchbruch im französischen Kino gelang und dem auch der Film gewidmet ist. Er war es auch, der dem Regisseur in seiner Kindheit oft die Geschichte von La Graine et le mulet erzählt hat – in diesem Fall nicht vom Fisch, sondern vom Maultier, das der Bauer täglich mit einem Korn weniger füttert, was sich anfangs keineswegs in seiner Leistung bemerkbar macht, doch damit endet, dass es eines Tages tot im Stall liegt.

Ein Schicksal, das nach Ansicht Kechiches auch jenes französische Kino ereilen könnte, das Pascale Ferran und der im Frühling 2008 erschienene Bericht des „Club des 13“ als „cinéma du milieu“ definiert haben, jenes mit mittelgroßen Budgets dotierte Autorenkino, zu dessen Protagonisten auch Kechiche zählt. Jetzt, wo es ihm innerhalb von drei Jahren zweimal gelungen ist, für L’Esquive und La Graine et le mulet die Césars in den Kategorien Bester Film, Beste Regie und Bestes Drehbuch auf sich zu vereinen, hat es auch mit der Finanzierung seines neuen Projektes geklappt, einem historischen Film, der im frühen 19. Jahrhundert spielt. Zuvor hatte er beide Male das Glück, auf Produzenten zu stoßen, die an seine Projekte glaubten, bei La Graine et le mulet auf Claude Berri, der zu Beginn zwar lieber mehr bekannte Schauspieler auf der Besetzungsliste gesehen hätte, der jedoch seinen Regisseur zumindest davon überzeugen konnte, 20 der ursprünglich 170 Minuten zu opfern. Bezüglich des Casts, der Profis und Laien vereint, hatte Kechiche allerdings ein schlagendes Argument: Wer an seinen Projekten teilnimmt, muss für einige Monate zur Verfügung stehen und auch gut in die gesamte Cast- und Stabfamilie passen. Denn, was in Kechiches Inszenierung am Ende aussieht, als hätte die Kamera zufällig ein Essen unter guten Freunden mitgefilmt, ist das Ergebnis wochenlanger Probenarbeit, wo anfangs vieles offen ist, wo aber am Ende nichts der Improvisation überlassen ist, wenn scheinbar en passant der Kern in seinem Innersten getroffen ist.

Talenteförderer

Der vierte César, den La Graine et le mulet für sich verbuchen konnte, geht auf das Konto einer höchst talentierten Nachwuchsschauspielerin. Hafsia Herzi war keine zwanzig und ohne jede Filmerfahrung, als sie für die Rolle von Slimanes Adoptivtochter Rym engagiert wurde. Es ist eine der großen Stärken des ehemaligen Schauspielers Kechiche, das Potenzial seiner Schauspieler zu erkennen und sie dahin zu führen, alles in eine Rolle hineinzulegen. Die Natürlichkeit, mit der seine Darsteller vor der Kamera agieren, die Beiläufigkeit, mit der die Dialoge funktionieren oder die Intensität, mit der sie einen ganzen Wortschwall auf ihr Gegenüber niederschmettern, bringen die Methode Kechiches ebenso zum Ausdruck, wie die Nähe der Kamera, die von Gesicht zu Gesicht gleitet, sich an einer Haarsträhne oder an einer Fischgräte im Mund aufhält. Kechiche vermag eine unauffällige Alltagsgeste mit ungeahnter Tragik zu versehen, jedem noch so banalen Alltagsthema (unvergesslich die Debatte um den Windelkonsum von Slimanes jüngster Enkelin) seine Komik abzugewinnen. La Graine et le mulet erreicht Augenblicke der Authentizität, bei denen man als Zuschauer den Eindruck gewinnt, dem Leben selbst zu begegnen. Der Film ist aber auch von einem Umgang mit Rhythmus und Zeit geprägt, der die Erzählung in eigenwilliger Weise dehnt und wieder strafft, wider gewohnte Regeln Akzente setzt und zum Ende hin den Bogen völlig überspannt. Die traumwandlerische Sicherheit und Schlichtheit, mit der der Film in den ersten beiden Dritteln am Leben der Großfamilie teilhaben lässt, verliert sich gegen Ende ein wenig im stilistischen Pathos einer Parallelmontage aus Ryms kein Ende nehmendem Bauchtanz vor den vergeblich auf Couscous hoffenden Restaurantgästen und Slimanes sinn- und ziellosem Lauf aus dem Leben. Kechiches Geniestreich in La Graine et le mulet liegt aber darin, in jedem Moment des Films eine Gleichzeitigkeit von Höhen und Tiefen des Daseins zu vereinen, einen gegenwärtigen Lebenston zu kreieren, der kleine Probleme, große Sorgen und schließlich auch die grausame Verschwörung des Schicksals gegen Slimane übertönt.