Harald Friedl, Sabine Gruber, Peter Drössler, Daniela Praher. Foto: dok.at / Marina Leblhuber

20-Jahre-dok.at | Interview

Ein Akt der Solidarität

| Andreas Ungerböck |
Fünf Mitglieder des Vorstandes waren zum großen 20-Jahre-dok.at-Interview anwesend: die Produzentinnen Sabine Gruber und Daniela Praher, der Produzent Peter Drössler und die Filmemacher Harald Friedl und Jakob Brossmann, letzterer via Skype aus Luzern zugeschaltet. Ein Gespräch über die Erfolge des österreichischen Dokumentarfilms, über Nachholbedarf bei den Fördermaßnahmen und über die Rolle des ORF und von Streaming-Plattformen.

20 Jahre dok.at, zehn Jahre seit unserem ersten gemeinsamen „Jubiläumsheft“. Wie sehen Sie die Ereignisse im Rückblick? Wie hat sich der Dokumentarfilm in Österreich entwickelt, welche Herausforderungen sind geblieben, welche sind neu dazugekommen?

Harald Friedl: dok.at wurde 2000 von einer Gruppe Kolleginnen und Kollegen gegründet, die motiviert waren, gemeinsam aufzutreten und Verbandsarbeit zu leisten – zum Teil als junge Firmen, als einzelne Filmschaffende und als Rucksackproduzentinnen und -produzenten. Um viele Dinge muss man heute noch kämpfen wie früher auch, aber nicht mehr so sehr um Anerkennung für den Dokumentarfilm an sich. Das Genre ist beim Publikum angekommen, und wir haben an Selbstvertrauen gewonnen. Wir müssen nicht mehr dauernd hervorheben, dass es international enorm erfolgreiche Dokumentarfilme aus Österreich gibt, die auch beachtliche Zuschauerzahlen erreichen können. Das ist inzwischen so bekannt geworden, dass man es nicht mehr extra betonen muss. Wir sehen unsere Stärke genauso in der Vielfalt wie in den herausragenden Erfolgen. Soziale und Einkommensthemen sind deutlich stärker in den Auseinandersetzungen geworden.

Daniela Praher: Es erscheint mir immer noch ganz wichtig, die Unterschiede zwischen Spiel- und Dokumentarfilm aufzuzeigen, auch und besonders, was die Fördermöglichkeiten betrifft. Es ist die Kernaufgabe des Verbandes, sich da für eine Verbesserung einzusetzen und starkzumachen.

Harald Friedl: Ja. Man muss sehen, und das war mir früher gar nicht so bewusst, wie überproportional erfolgreich der Dokumentarfilm in Relation zu den eingesetzten Mitteln ist. Wenn man die Zahlen der verkauften Kinokarten in Relation zu den Budgets setzt, spielt der Dokumentarfilm im Schnitt mehr von seinem Budget ein als der Spielfilm. Als wir gegenüber der Akademie des Österreichischen Films, die ihrem Namen nach ja keine Akademie des österreichischen Spielfilms ist, geäußert haben, dass es mehr Preiskategorien für den Dokumentarfilm geben müsse, haben wir als Ablehnungsgrund zu hören bekommen, dass wir doch ohnehin schon so viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekämen. Eine befremdliche Begründung …

Peter Drössler: Ganz wichtig erscheint mir, dass gerade in einer Zeit, in der die Tendenz immer mehr dahin geht, mit verkürzten Botschaften Politik zu machen, der Dokumentarfilm Ziele hat, die dem entgegenstehen. Es geht darum, wie auch immer subjektiv, Wirklichkeit differenziert einzufangen, Wahrhaftigkeit anzustreben, sich auf Dinge einzulassen und sich für Dinge einzusetzen. Das ist, glaube ich, wichtiger denn je.

Jakob Brossmann: Ich finde es interessant, wie präsent die Filme, die das „ray“-Heft vor zehn Jahren geprägt haben, heute noch sind. Das zeigt, welchen Einfluss und welche Wirkung Dokumentarfilm haben kann. Für mich ist der Verband an sich ein Akt der Solidarität. Wir kommen ja aus sehr unterschiedlichen stilistischen Richtungen, trotzdem schaffen wir es, die verschiedenen Aspekten von Regie, Produktion und den anderen Gewerken gemeinsam und solidarisch zu verhandeln und dafür einzutreten, dass diese wahrhaftigen und eindrücklichen Filme auch entstehen können, und zwar unter guten oder besser werdenden Bedingungen.

Daniela Praher: Den Aspekt der Solidarität kann man gar nicht genug betonen. Das ist ja beileibe keine Selbstverständlichkeit, umso höher ist es einzuschätzen.

Harald Friedl: Das prädestiniert uns auch dafür, Solidarität von der gesamten Filmbranche zu erwarten. Aber es werden leider oft unnötigerweise Polaritäten hergestellt. Wir als dok.at treten konsequent dagegen auf.

Jakob Brossmann: Das hat natürlich auch damit zu tun, dass Dokumentarfilm in solidarischen Netzwerkstrukturen entsteht. Die Dimensionen sind kleiner, da kumuliert auch weniger Macht, und viele Menschen arbeiten in rotierenden Positionen: als Regisseur/in, in der Produktion, in der Dramaturgie oder an der Kamera, das trägt zur Solidarität bei. Und dok.at ist auch der einzige Verband, der nicht nach dem Gewerk organisiert ist, sondern eben nach einer Filmgattung.

Sabine Gruber: Dadurch, dass Dokumentarfilme viel länger in der Herstellung brauchen als Spielfilme, entstehen tatsächlich so etwas wie Familien. Jede und jeder arbeitet wirklich für das Projekt, und zwar drei, vier, fünf Jahre am Stück, das verbindet einfach.

Findet all das Positive, das Sie gerade aufgezählt haben, in der Filmförderung eine Entsprechung?

Harald Friedl: Bei den Honoraren sicher nicht. Die entsprechen weder dem Talent noch dem Einsatz oder der Zeit, die ein Film braucht. Prozentsätze am Gesamtbudget bilden das nicht ab. Wir bräuchten hohe Sockelbeträge für Drehbuch, Produktion und Regie. Diese drei Bereiche sind total unterbezahlt. Und davon ausgehend müsste man sich anschauen, wie sich eine, gemessen am Budget, prozentuell gerechte Honorierung überhaupt rechtfertigt.

Daniela Praher: Man muss auch sehen, dass zum Beispiel die Projektentwicklungsförderung beim Dokumentarfilm kaum gegeben ist. Das heißt, man muss die Projekte oft quasi schon fertig entwickelt zur Herstellung einreichen, das ist schon eine große Diskrepanz zum Spielfilm.

Jakob Brossmann: Ja, und wir müssen die gleichen Instanzen anlaufen und den gleichen Aufwand für Administration, Kalkulation usw. leisten, obwohl wir nur ein Zehntel der Budgets verbrauchen, wenn nicht sogar weniger. Wir müssen genauso viele Jurys überzeugen, das verschleppt das Ganze sehr, und erhöht nicht wirklich die Risikobereitschaft. Dokumentarfilm sollte ja ein Seismograf der Gesellschaft sein, und das aktuelle Fördersystem begünstigt Filme, die quasi aus der Vogelperspektive gemacht werden, in der Hoffnung, dass nach zwei bis drei Jahren, wenn der Film endlich gefördert ist, das Thema noch vorhanden ist. Einer der Gründe für mich, mich filmpolitisch zu engagieren, ist genau das: Es muss möglich sein, mit einem Film auf Krisen oder auf gesellschaftliche Entwicklungen schneller reagieren zu können.

Peter Drössler: Ja, das geht derzeit nur, wenn alle Beteiligten unter prekären Bedingungen und auf eigenes Risiko einfach drauf los arbeiten. Würde man – wie Jakob schon gesagt hat – auf die Förderung warten, ist oft das Thema schon wieder dahin.

Harald Friedl: Das führt auch zu dem hohen Projektdruck. Es wird beklagt, dass so viele Projekte eingereicht werden. Aber ist es ein Wunder? Wenn man mit einem Film fertig wird, muss man sofort zum nächsten Projekt hechten, in der Hoffnung, damit über die Runden zu kommen.

Stimmt es, dass Dokumentarfilme inzwischen hauptsächlich aus der „kleinen Filmförderung“ im Bundesministerium finanziert werden? Welche Rolle spielt der ORF?

Sabine Gruber: Es werden natürlich auch vom Österreichischen Filminstitut Dokumentarfilme gefördert, aber in weitaus geringerem Ausmaß als früher. Man hört dann manchmal: „Wir haben diesmal eh schon zwei
Dokumentarfilme gefördert“. Das darf nicht sein. Und immer wieder kommt die übliche Frage: „Wer soll sich das im Kino anschauen?“, und zwar viel öfter als beim Spielfilm.

Peter Drössler: Oder die Anmerkung: „Zu diesem Thema hat es schon mal einen Film gegeben.“

Daniela Praher: Und es ist auch problematisch, dass sich der ORF, der ja eigentlich unser Partner sein sollte, aus dem Angebot quasi die Rosinen herauspickt, die ihm eine bessere Quote versprechen. Das Film-Fernseh-Abkommen ist ein Fördertopf, der anders eingesetzt werden sollte.

Sabine Gruber: Wobei man auch beim Fernsehen mittlerweile schon mit fertig entwickelten Projekten kommen muss …

Peter Drössler: In Wahrheit gibt es da auch keinen vernünftigen Sendeplatz mehr. Allenfalls noch für die
Filme, die im Rahmen des Film-Fernseh-Abkommens gefördert wurden.

Sabine Gruber: Mittwoch Abend im Hauptabend so wie kürzlich Haralds Film Brot, das ist die Ausnahme. Weil das ein Thema ist, das alle angeht und interessiert. Es braucht jedoch auch solche Sendeplätze für den „unbequemen“ Dokumentarfilm.

Jakob Brossmann: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte sich meiner Meinung nach ja nicht nur als Abspielstation begreifen. Da gibt es eigentlich auch die Pflicht, die Herausforderungen, die bei der Reflexion von Welt im Bewegtbild entstehen, zu diskutieren – also die Kunstform Dokumentarfilm als solche zu besprechen – denn das schafft Medienmündigkeit und Weltbürger/innenschaft.

Kommen wir zum Thema Kino. Mir erscheint ja der Filmverleih der Flaschenhals zu sein. Es gibt immer mehr Dokumentarfilme in Österreich, die gar keinen Verleih mehr finden bzw. es gibt Produzentinnen und Produzenten, die das erst gar nicht mehr versuchen, sondern den Kinostart gleich selbst in die Hand nehmen. Ist diese Situation nicht total unbefriedigend?

Peter Drössler: Als ehemaliger Verleiher [Poool Film, Anm.] sehe ich die Problematik. Mit einem kleinen Dokumentarfilm, der ein bestimmtes Nischenpublikum anspricht, muss man als Verleih natürlich ganz anders umgehen. Das ist ganz etwas anderes, als eine große Doku mit einem breiten Appeal ins Kino zu bringen, da tut man sich einfach schwerer. Man muss Zielgruppenarbeit leisten.

Und das ist Knochenarbeit, die halt leider oft nicht belohnt wird.

Peter Drössler: Ja, leider. Wir diskutieren das auch öfter im Verband, aber die geniale Lösung haben wir auch noch nicht gefunden.

Sabine Gruber: Trotzdem ist es so, das zeigen auch internationale Erfahrungen, dass man mit Dokumentarfilm sehr gute Resultate erzielen kann. Es gibt ein bestimmtes definiertes Thema, und man kann strategische Partnerinnen und Partner suchen, es ist kleinteiligere Arbeit, aber dann geht das.

Dennoch ist es wahrscheinlich besser, die Arbeit nicht allein dem „herkömmlichen“ Verleih zu überlassen, der ja schon von seiner Struktur her nicht geschaffen ist, auch diese Knochenarbeit zu leisten.

Peter Drössler: Sicher. Ohne Eigeninitiative von Produktion bzw. Regie ist es fast unmöglich.

Harald Friedl: Viele von uns sind an bestimmten Orten gut vernetzt und könnten dort nicht nur die eigenen, sondern auch die Filme der Kolleginnen und Kollegen präsentieren. Was ja ohnehin auch schon manchmal geschieht.

Früher gab es doch von dok.at mehr Veranstaltungen, Rithy Panh war zum Beispiel in Wien. Hat sich da die Politik geändert, oder gibt es anderes?

Harald Friedl: Das hängt auch von der Zusammensetzung des Vorstandes ab. Stimmt, es gab früher dok.at-Portraits, zum Beispiel Nicolas Philibert, Peter Liechti oder eben Rithy Panh, um künstlerische Positionen zu zeigen.

Daniela Praher: Wir kommen ja alle aus dem Business heraus und machen Vereinsarbeit. Die Zeit, die wir als Ehrenamtliche neben unseren Berufen noch haben, nimmt vor allem das Lobbying in Anspruch, und das betreiben wir sehr intensiv.

Peter Drössler: Auch die internationale Vernetzung ist zeitintensiv. Wobei es beim European Documentary Network in letzter Zeit ziemliche Turbulenzen im Vorstand gab, wodurch wir da nicht so mit dabei sind, wie es wünschenswert wäre. Man wird sehen, wie sich das entwickelt.

Harald Friedl: Und  natürlich nützen wir das 20-Jahre-Jubiläum, um Veranstaltungen zu machen, wie die kuratierte Filmschau im Filmmuseum im November (siehe auch S. 26).

Daniela Praher: Und wir kooperieren sehr viel mit bestehenden Festivals – etwa mit Crossing Europe, mit ethnocineca oder der Diagonale, wir haben unseren Vienna.Doku.Day (siehe auch S. 50), wir machen Workshops, und wir haben unsere Veranstaltungsreihe dok.point. Also es tut sich schon einiges.

Peter Drössler: Durch die strategischen Partnerschaften mit Festivals gelingt uns auch leichter, unsere Wien-
Lastigkeit zu vermindern.

Sabine Gruber: Die Veranstaltungen, die wegen Corona ausgefallen sind oder noch ausfallen, wie der diesjährige Vienna.Doku.Day am 16. Oktober, wollen wir auf jeden Fall nachholen.

Harald Friedl: Es geht viel Zeit dafür drauf, Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, zurechtzu-
rücken. Wie etwa in der wiederkehrenden Debatten darüber, dass manche Filme wenige Zuschauerinnen und Zuschauer erreichen. Das gibt es beim Dokumentarfilm, und das gibt es beim Spielfilm. Man sollte immer mitbedenken: Wenn ein Film „nur“ ein paar tausend Zuschauerinnen und Zuschauer im Kino erreicht, findet er durch die mediale Berichterstattung über die Thematik doch größere Wirkung. Und die Filme laufen durchaus auch im Fernsehen, nur eben zu schwierigen Zeiten.

Da kommt oft auch das Totschlag-Argument: Hätte man den Film für das Fernsehen gemacht, hätte er von Haus aus mehr Publikum erreicht.

Harald Friedl: Aber der Film hätte für das Fernsehen nicht so gemacht werden können, wie er für das Kino gemacht wurde. Und wenn wir wissen, dass die Sonntag-Dokuschiene im Fernsehen bis zu 200.000 Zuschauer hat, dann ist das doch auch quantitativ beeindruckend. Ich erinnere mich an die Nullerjahre, als der ORF die Reihe „Kunststücke“ eingestellt hat und wir gefordert haben, es müsse unbedingt etwas Neues stattdessen etabliert werden: Da hat man uns die 23-Uhr-Schiene am Sonntag angeboten und gesagt: „Seid froh, dass das so spät ist, da fällt der Quotendruck weg.“ Inzwischen hat die Schiene sogar ein gute Quote, die noch ansteigen könnte, wenn sie moderiert wäre, wie wir das seit vielen Jahren fordern.

Wie geht es Ihnen mit der Konkurrenz, die Streaming-Plattformen und Video-und-Demand immer mehr darstellen? Oder können diese Medien in der nahen Zukunft auch dem österreichischen Dokumentarfilm nützen?

Daniela Praher: Ich sehe das nicht als Konkurrenz, sondern als Erweiterung des Angebots. Man hat mehrere Kanäle zur Verfügung und kann sich überlegen: Wie verwerte ich den Film? Zeitgleich im Kino und auf VoD, oder zeitversetzt? Das ist eine Verwertungschance, die man bedenken kann und muss.

Sabine Gruber: Leider ist ja in den Förderrichtlinien der Institutionen noch immer die gleiche Sperrfristenregelung wie vor Jahren verankert, also sind manche zeitgleichen Verwertungsstrategien von vornherein gar nicht möglich.

Peter Drössler: Man muss sehen, wie das gehandhabt werden wird, es müssten für Streaming-Plattformen gleiche Regeln gelten, etwa, wann das Geld fließt. Natürlich ist es gut, Netflix als Partner zu haben, aber es bedeutet auch, dass man als Produktion zwei, drei Jahre in Vorleistung geht, bis von Netflix Geld kommt. Wird das die Regel, wäre eine Flurbereinigung in der Produktionslandschaft die Folge.

Sabine Gruber: Ja, es kann nicht sein, dass eine Öffnung der Förderstrukturen zu Lasten der kleineren Firmen geht. Da wird man sehr genau aufpassen müssen.

Peter Drössler: Das wäre für mich eine absolute Muss-Bedingung, dass es sich um eine echte Ko-Produktion handelt, in der alle von Beginn an die Finanzierung anteilig sichern.

Harald Friedl: Das sind eben diese Lobbying-Aktivitäten, von denen wir vorher sprachen. Man ist immer gleichzeitig damit beschäftigt, Nachteile abzuwehren und Verbesserungen zu erzielen.

Sabine Gruber: Eigentlich gibt es bei jeder Anpassung der Förderrichtlinien etwas, bei dem man merkt, dass die Auswirkungen, die das auf die kleineren Strukturen hat, nicht mit bedacht werden. Wir versuchen, rechtzeitig darauf aufmerksam zu machen, damit die Vielfalt erhalten bleibt.

Harald Friedl: Die Verabsolutierung sogenannter „Marktgesetze“ ist allgegenwärtig. Auf die soziale Funktion und die kulturelle Vielfalt eines Marktes wird aber vergessen. Von Marktabsolutismus kann man sich nur abgrenzen. In seiner eigentlichen Bedeutung hat der Markt immer auch eine soziale und eine ethische Funktion. Es geht nicht nur um den Austausch von Waren, sondern auch von Ideen.

Sabine Gruber: Wenn man nur die Kinobesuchszahlen in Österreich hernimmt, dann vergisst man immer, dass der österreichische Film, und besonders der Dokumentarfilm, im Ausland bei Festivals sehr erfolgreich ist. Man liest zwar die Listen der Festivalteilnahmen, die gibt es, aber die Publikumszahlen, die ein Film bei Festivals erreicht, fließen nicht in die Erfolgsstatistik eines österreichischen Films ein.

Harald Friedl: Es gibt Filme, die in Österreich ein paar tausend Zuschauerinnen und Zuschauer hatten, in
Europa aber zehntausende. Beachtung finden aber nur die österreichischen Zahlen, die internationalen werden geflissentlich übersehen.

Peter Drössler: Ich halte das Wort „Markt“ trotz der paar kommerziell orientierten Filme für falsch. Als ob sich irgendein österreichischer oder europäischer Film über den „Markt“ refinanzieren ließe. Film gehört zum kulturellen Bestand, wie Theater, wie Oper, wie Bildende Kunst. Reden wir doch darüber, was Film beitragen kann, eine Gesellschaft weiterzuentwickeln. Das ist eine lohnende Herausforderung, und darüber gehört gesprochen, wie kulturelle Vielfalt erhalten werden kann.

Sabine Gruber: Im Moment herrscht ein großer Verteilungskampf, das ist eine Tatsache. Und Corona hat das noch verschärft.

Wie geht es nach dem Jubiläum weiter? Wie sieht die Zukunft aus?

Daniela Praher: Es sind viele Dinge geplant, aber Corona macht es nicht einfach, eine Prognose zu stellen.

Harald Friedl: dok.at verändert sich ständig. Wir wollen Einkommensgerechtigkeit in der Filmbranche schaffen. Vielleicht wird man in zehn Jahren feststellen, dass wir mit unseren Vorstellungen weitergekommen sind. Je mehr der Überblick in der Gesellschaft verlorengeht, desto mehr braucht es den Dokumentarfilm mit seiner Genauigkeit, seinem Einfühlungsvermögen und seiner Offenheit. Aktuell mache ich mir Sorgen um die Kinolandschaft. Da sind wir alle in dieser Branche gefordert.

Jakob Brossmann: Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass ein Dokumentarfilm viel mehr ist als eine Reihe von Bildern auf einer Leinwand oder einem Bildschirm. Diese Filme ermöglichen Begegnungen, schaffen Bewusstsein, vermitteln Wertschätzung – weit über die Grenzen des Abspielortes und der Abspielzeit hinaus. Sie wirken auch auf Menschen, die den konkreten Film vielleicht selbst noch gar nicht gesehen haben.

Peter Drössler: Kürzlich, beim quasi nachgeholten Diagonale-„Eröffnungsabend“ in Graz, hat man gemerkt, wie glücklich alle waren, dass das nun doch endlich stattfinden kann. Wir hoffen sehr, dass bald eine gewisse Normalität einkehrt, dass Festivals wieder stattfinden können, dass die Kinozahlen sich langsam erholen. Und dass die Leute das Gefühl bekommen, dass man wieder ins Kino gehen kann und Kino wieder ein Teil der Alltagskultur wird. Ich hoffe, dass uns das allen zusammen gelingt.