Birgit Flos war im turbulenten Jahr 2004 Teil des Leitungskollektivs und von 2005 bis 2008 alleinige Intendantin der Diagonale. Ein sehr persönlicher Rückblick.
Ende Februar / Anfang März 2022: Krieg in Europa. Russland überfällt die Ukraine. Krieg mit allen entsetzlichen Konsequenzen für die Menschen dort. Es fällt mir schwer, einen Text mit Erinnerungen an die Zeit meiner künstlerischen Leitung der Diagonale zu schreiben. Ich habe ein Gefühl großer Hilflosigkeit. Was kann Kunst, was können künstlerische Aktivitäten gegen Gewalt in diesem Ausmaß ausrichten? Für mich sind Kunst und die Beschäftigung mit Kunst unverzichtbare Überlebensmittel. Aber wie kann man, wenn man in solch eine Ssituation gerät, überhaupt überleben? Mit Kunst? Ich bewundere die jungen Künstlerinnen und Künstler, die, besonders in St. Petersburg, mit ganz kurzen Performances auf den Straßen ihren Protest gegen den Krieg demonstrieren.
Die Diagonale 2005 (die erste Diagonale für mich als Künstlerische Leiterin) hätte es ohne die „Revolutionsdiagonale“ 2004 und allem was zu ihr geführt hat, in dieser Form nicht gegeben. Sie hatte während der folgenden Jahre eine anhaltende Strahlkraft für meine Arbeit, aber war auch für das hohe Anspruchsniveau verantwortlich und den ständigen Druck, diesem zu entsprechen.
Die Regierung versuchte damals, einen „geschwächten Moment“ der Diagonale auszunützen. Es hatte sich intern eine Veränderung in der Konstruktion der Intendanz ergeben, und hier konnten destruktive Bemühungen ansetzen. Das Fördergeld des Bundes sollte einem neuen (man möchte den Begriff „alternativ“ nicht verwenden) Festival zukommen, das wohl weniger unbequem, kommerzieller und überhaupt kontrollierbarer als die widerständige Diagonale
sein sollte. Durch einen beispiellosen Zusammenschluss der Filmbranche, der anderen Förderinnen und Förderer und überhaupt aller Film- und Diagonale-Interessierten gelang es, die „echte“ Diagonale zu retten. Sie konnte in einer aufregenden Sparvariante und mit einer Art kollektiver Intendanz stattfinden. Es herrschte eine geradezu euphorische Stimmung.
Erkämpft worden war, dass die Diagonale 05 mit wieder zugesagter Förderung und jetzt ohne politische Einflussnahme – auch bei der Wahl der neuen Künstlerischen Leitung nicht – weiterarbeiten konnte. Zäsur! Kontinuität oder Neuanfang? Wie weitermachen?
Das erste Intendanz-Duo Christine Dollhofer und Constantin Wulff hatte die Diagonale so souverän, inspiriert und mutig geleitet, dass es keinen Bedarf an strukturellen Änderungen gab. Glücklicherweise sorgte schon das Kern-team, das bei der Diagonale blieb, mit seiner langjährigen Erfahrung für die notwendige Kontinuität und Kompetenz. Ich bin überzeugt davon, dass ein Re-Set des Festivals ohne diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht möglich gewesen wäre.
Bei aller Kontinuität wurden Beiprogramme und Specials entwickelt, aber die bewährte Grundstruktur wurde beibehalten. Obwohl ich rückblickend ein ambivalentes Fazit über meine Diagonale-Zeit ziehe, bin ich doch überzeugt, dass die einzelnen Festivalausgaben, auch dank all der anderen, die daran gearbeitet haben, gelungen waren.
Die wichtigste Erfahrung, die ich aus meiner Arbeit gezogen habe, ist etwas ganz Banales und eigentlich Selbstverständliches: Die Realisierung eines Festivals, so wie ja auch die Realisierung jedes einzelnen Films (an dem mehrere Personen beteiligt sind) ist Teamarbeit – muss Teamarbeit sein. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter agieren auf Augenhöhe und sind sich darüber einig, was sie erreichen wollen. So selbstverständlich das zu sein scheint, so schwierig ist es, dieses Ziel wirklich zu erreichen.
Auch hier geht es wieder um das Verhältnis von Form und Inhalt, den beiden untrennbaren Seiten eines Blattes. Auf das Festival bezogen: Der Inhalt umfasst nicht nur die Filme und Programme, die ausgewählt werden, sondern den gesamten Ablauf der Produktion, die Organisation, die Finanzierung, das Marketing, die Pressearbeit, den Katalog etc. Es gibt keine Hierarchie zwischen Inhalt und Form, es sollte keine Hierarchie zwischen Inhalt und Form geben.
Auf dem Gebiet der Auswahl von Filmen und Programmen, dem Schreiben und Sprechen über Filme, halte ich mich für relativ sicher. Schwimmend fühlte ich mich auf der Ebene der Form – der Form, in dem Sinn, wie ich oben versucht habe, sie zu definieren. Natürlich gibt es ein „Learning on the Job“, aber auch das ist nur mit der Unterstützung der anderen möglich. Ich habe diese Unterstützung gebraucht, und ich habe sie von vielen bekommen. Neben all den wunderbaren und inspirierenden Begegnungen mit Filmschaffenden ist dieses Zusammenfließen von Energien das, was die Arbeit für die Diagonale für mich bedeutet hat und auch das, was ich mir für jede Arbeitsaktivität wünsche.
Wenn ich von gegenseitiger Unterstützung spreche, denke ich mit ganz besonderem Dank an unseren lieben Freund Oliver Testor, den Geschäftsführer der Diagonale ab 2006. Oliver ist Ende Februar 2022 verstorben. Was für ein Verlust! Ich vermisse ihn sehr.
Ich habe den Eindruck, dass dieses kollektive Arbeiten bei der aktuellen Diagonale gelingt.
Ich wünsche allen Film- und Kunstinteressierten, dass es die Diagonale noch lange, lange – und länger als die nächsten 25 Jahre – geben wird.
