DOK Leipzig ist und bleibt das Festival für anspruchsvolle Dokumentarfilme.
Das 64. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm fand vom 25. bis 31. Oktober 2021 in Leipziger Kinos statt; rund 70 der Filme sind bis 14. November noch als DOK Stream verfügbar. So froh alle waren, die Filme wieder im Kino zeigen zu können, gab es doch viele Kontrollen, und die üblichen Empfänge fielen ganz aus. Leipzig gehört zu den wichtigsten Dok-Festivals in Europa und hatte diesmal 2.700 Einreichungen. Davon wurden 162 Filme aus 51 Ländern ins Programm genommen, viele davon waren Premieren. Insgesamt wurden bei den Preisverleihungen 23 Preise dotiert mit 63.250 € sowie Sachleistungen in Höhe von 10.000 € vergeben.
Familienbande
Die Goldene Taube für lange Produktionen gewann Father des chinesischen Filmemachers Wei Deng. Das wortlastige Langfilmdebüt über seinen Vater und Großvater erzählt von den Veränderungen der chinesischen Gesellschaft, verlässt aber kaum die eigenen vier Wände. Auch der Gewinner der Silbernen Taube, Karol Pałka aus Polen, erzählt in Bucolic eine Familiengeschichte. Mutter und Tochter leben ein abgeschiedenes Leben auf dem Land. Im Deutschen Wettbewerb konkurrierten acht Langefilm. Es gewann Rebecca Zehr für A Sound of My Own für das Porträt der Musikerin Marja Burchard, die mit dem Krautrock-Kollektiv Embryo die Tradition ihres Vaters fortführt. Den neuen Publikumspreis gewannen Nikola Ilíc und Corina Schwingruber Ilíc für Dida. Dabei steht die Mutter des Regisseurs im Mittelpunkt. Die Filmkritiker vergaben ihren Preis an Sylvaine Dampierre für Words of Negroes. Im Mittelpunkt stehen die Arbeiterinnen und Arbeiter einer Zuckerrohrfabrik auf Guadeloupe, die von ihrem Leben erzählen und Protokolle eines Gerichtsprozesses von 1842 rezitieren, in denen Sklaven gegen ihren brutalen Herrn aussagten.
Thematische Schwerpunkte des Festivals waren Filme zu Flucht, Migration und Vertreibung, Identität, Protest, postkoloniale Perspektiven, afrikanische Filme und Familiengeschichten, die durch politische Umbrüche geprägt sind. Dabei darf man in Leipzig keine großen, durchfinanzierten, narrativen Dokumentarfilme und bekannte Namen mehr erwarten. Der neue Festivalleiter Christoph Terhechte und seine Auswahljury bevorzugen junge Talente mit experimentellem Stil und langen Einstellungen. Viele der Filme waren unabhängig produzierte Erstlingsfilme mit wenig Budget.
Jüdisches Leben und das Verhältnis zu Israel
Dieser Schwerpunkt war der Beitrag zum Jubiläumsjahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Schon der Eröffnungsfilm Der Rhein fließt ins Mittelmeer von Offer Avnon setzt ein politisches Zeichen. Der israelische Regisseur reflektiert in einer gelungenen assoziativen Form die Gegenwärtigkeit des Holocaust, den sein polnischer Vater überlebte. In dem unabhängig produzierten Film interviewt er dazu Menschen in Deutschland, Polen und Israel. Die Retrospektive „Die Juden der Anderen“ widmete sich dem filmischen Umgang mit der Shoah. Der Bogen wurde geschlagen vom NS-Propagandafilm Theresienstadt, realisiert von Kurt Gerron, über Alain Resnais‘ Klassiker Nuit et Brouillard, dessen west- und ostdeutsche Fassung gezeigt wurden, bis zu Dokumentarfilmen aus der BRD und der DDR und dem wiedervereinten Deutschland. Eine Hommage war dem israelischen Dokumentaristen Avi Mograbi gewidmet, der sich in seinen Filmen oft mit der israelischen Unterdrückung der Palästinenser beschäftigt; Mograbi hielt auch eine Meisterklasse.
DOK Industry für die Branche
DOK Industry bot ein umfangreiches Programm mit rund 50 Veranstaltungen für die Branche, die sowohl vor Ort als auch online angeboten wurden. Ein wichtiges Thema dabei war der Zugang zu Archiven und die Verwendung von historischer Footage in Dokumentarfilmen. Bei DOK Neuland wurden vier 360°-Filme und sechs VR-Projekte präsentiert. DOK Leipzig kümmert sich also nicht mehr nur um den klassischen Dokumentar- und Animationsfilm, sondern stellt sich neuen Herausforderungen und widmet sich Grenzbereichen.
