The-Currentz,
The Currentz

Filmfestival

Ein politischer Jahrgang

| Kirsten Liese |
Eindrücke von der 73. Ausgabe des Filmfestivals in San Sebastián

Mit langen, idyllischen Sandstränden gilt die baskische Metropole zurecht als die schönste Stadt an der grünen Küste Nordspaniens. Wer das dortige Filmfestival –  neben Cannes, Venedig, Berlin und Locarno eines der bedeutendsten Europas –  nicht zum ersten Mal besucht, weiß um die wohltuende, unbeschwerte Atmosphäre, wenn das helle intensive Licht die kleinen Gassen in der Altstadt mit ihren vielen Geschäften und Bars durchflutet.

Aber in diesem 73. Jahrgang drang die Sonne nur selten einmal durch die ewig grauen Wolken am Himmel. Und so wie es zeitweise wie aus Eimern schüttete, reichte kein Regenschirm aus, um halbwegs trocken von einem Filmtheater zum nächsten zu gelangen.

Dessen ungeachtet zeigte sich Spanien als einer der schärfsten Kritiker Israels in Europa politisch stark engagiert. Tausende von Menschen demonstrierten mehrfach unweit der Festivalkinos gegen Israels „Völkermord“ in Gaza, an einer der Demos nahm die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania nach der Projektion ihres soeben in Venedig ausgezeichneten Doku-Dramas The Voice of Hind Rajab teil. Dieses Protokoll eines fünfjährigen palästinensischen Mädchens, das, in einem Auto eingeschlossen, umrankt von Panzern, verzweifelt um Hilfe bittet, bewegte das Publikum ähnlich stark wie am Lido. Dass die Filmkunst in dieser mit bescheidenen Mitteln und authentischen Gesprächsaufzeichnungen realisierten Produktion zu kurz kommt, spielte dabei keine Rolle. Wohl jeden, der angesichts der anhaltenden Spannungen im Nahen Osten nicht abgestumpft ist, muss es fassungslos stimmen, wie ein kleines Kind in einer absurden Situation um sein Leben kämpft, per Handy mit Mitarbeitern einer Hilfsorganisation verbunden, die nur wenige Autominuten entfernt von ihm nicht mehr tun können, als es zu vertrösten, weil ein Rettungswagen erst dann losfahren darf, wenn der erforderliche Sicherheitskorridor freigegeben wurde. Und weil am Ende alle Anstrengungen umsonst waren, sowohl das Kind als auch seine Retter, mutmaßlich von israelischen Panzern beschossen, zu Tode kamen. Die Wut auf die Verantwortlichen lag im Kinosaal spürbar in der Luft.

Aber nicht nur auf Demos waren Massen von Menschen trotz anhaltend schlechten Wetters auf den Beinen. Auch neben dem Roten Teppich vor dem Kursaal, dem Festivalzentrum, bildeten sich große Trauben von Menschen. Besonderer Andrang herrschte beim Auftritt von Hollywood-Superstar Angelina Jolie, die in dem Wettbewerbsbeitrag Couture eine Filmemacherin verkörpert, die während der Dreharbeiten an einem Horrorfilm erfährt, dass sie an Brustkrebs leidet. Jolie gelingt in der Rolle, die ihre eigene Biografie berührt, eine Glanzleistung in der Weise, wie sie zunächst ihre Ängste mit sich allein ausmacht, damit hadert, sich ihren Kollegen am Set und insbesondere ihrer 15-jährigen Tochter mitzuteilen, nach und nach aber zunehmend an Stärke gewinnt, sich auf die scheinbar alternativlose Chemotherapie vorzubereiten. Zwei weitere Erzählungsstränge um ein 18-jähriges sudanesisches Model und eine Visagistin, die eigentlich Schriftstellerin werden möchte, verbinden sich allerdings nicht zwingend mit dem Krebsdrama, was erklären mag, warum der Film trotz großem Bahnhof bei der Preisverleihung leer ausging. Zwar deutet Regisseurin Alice Winocour den körperlichen Raubbau in der Welt der Haute couture an, aber letztlich doch weitaus diskreter und harmloser als andere brisantere Produktionen wie zum Beispiel Wüstenblume.

Auch das jüngste Werk der Polin Agnieszka Holland, Franz K. blieb hinter den hohen Erwartungen zurück. Die Regisseurin überfrachtet ihr Biopic mit dem gesamten Leben Franz Kafkas von seiner Kindheit bis zu seinem Tod, ohne auch nur einen Abschnitt zu vertiefen. Insbesondere Kafkas Liebesbeziehungen zu Felice Bauer und Milena Jesenská, die sich ohne die langen Briefwechsel, die der Film ausblendet, kaum in ihrer Komplexität schildern lassen, bleiben an der Oberfläche.  Überhaupt kommt Kafka als Literat viel zu kurz, und das ist das größte Problem. Nur einmal kommt eine längere Passage im originalen Wortlaut zu Gehör, aber der heikle Versuch, ausgerechnet „Die Strafkolonie“, die wohl perfideste Erzählung des in Tschechien geborenen Schriftstellers zu illustrieren, scheitert haushoch, erscheinen doch die wie aus einem flachen Horrorfilm entlehnten Bilder im Vergleich mit der Sprache geradezu banal. Am überzeugendsten schildert Holland die Beziehung des Schriftstellers zu seinem cholerischen Vater, den der treffliche Peter Kurth als den denkbar widerwärtigsten, feisten Tyrannen verkörpert.

Als anspruchsvoller erwiesen sich einige leise, weniger spektakuläre Produktionen von international noch weniger renommierten Größen, für die zwei Thriller mit Mystery-Elementen beispielhaft stehen: Der Slowene Olmo Omerzu stellt Klara, eine magersüchtige junge Frau ins Zentrum seiner Ungrateful Beings. Beim gemeinsamen Camping-Urlaub mit ihrem Vater und ihrem Bruder an der Adria lernt sie Denis kennen, einen undurchsichtigen Jungen, der ihr den Kopf verdreht. Aber kaum dass sie sich in ihn verliebt hat, wird er von der örtlichen Polizei des Mordes an seinem Vater verdächtigt. Mit mal düsteren, mal gewagten, bisweilen auch absurden Volten, weckt der Regisseur Erwartungen, die sich unerwartet anders auflösen. Die tschechische Koproduktion mit polnischen und französischen Fördergeldern empfahl sich als ein Geheimtipp im diesjährigen Wettbewerb.

Ebenfalls leicht von Hitchcock inspiriert erschien The Currentz, das etwas enigmatische Porträt einer Argentinierin, die in nicht näher ausgeführten melancholischen Anwandlungen und Tagträumen mehrfach abtaucht, aber ebenso plötzlich wieder auftaucht, mal durch einen gefährlichen, suizidalen Sturz von der Brücke, mal durch Bewusstlosigkeit in einem Schönheitsstudio. Was die erfolgreiche Modedesignerin plagt, belässt Regisseurin Milgaros Mumenthaler mit vielen Leerstellen im Dunkeln. Sie lenkt nur hier und da den Blick auf vermeintlich unspektakuläre, ungewöhnliche Details in den Beziehungen ihrer Heldin zu ihrer kleinen Tochter und zu der Mutter, die sie lange nicht mehr besucht hat. Dass man sich eine Geschichte mühsam wie ein Puzzle mit viel eigener Fantasie zusammensuchen darf, bleibt etwas unbefriedigend, wenngleich auch von dem poetischen, impressionistisch anmutenden Soundtrack, der sich über ansprechende Bilder mit satten, kräftigen Farben legt, ein großer Reiz ausgeht.

Die Musik gibt auf ansprechende Weise auch die Stimmung in dem französischen Beitrag Deux Pianos vor, in dem ein Pianist ein Konzert in Lyon vorbereitet, wo er die Liebe seines Lebens wiedertrifft und herausfindet, dass sie ein Kind von ihm hat, von dem er nichts wusste. Die Beziehungsgeschichte, in die noch ein Dritter involviert ist, lässt es allerdings nicht zwingend erscheinen, dass der Protagonist Matthias Vogler ein Musiker ist, er hätte ebenso gut als ein viel reisender Geschäftsmann eingeführt werden können. Aber für eine Episode um Voglers frühere Mentorin (in einer Paraderolle als strenge Meisterin: Charlotte Rampling), die mit ihm das Konzert von Bartók für zwei Klaviere, Schlagzeug und Orchester einstudiert und ihren Abschiedsabend plant, gewinnt die Musik, insbesondere der erste Satz dieses Konzerts, dann doch stark an Bedeutung für die bisweilen düstere, geheimnisvolle Atmosphäre.

Generell ließ sich beobachten, dass San Sebastián politischer geworden ist. Das zeigte sich etwa auch an dem Drama Belén (Silberne Muschel für die beste Nebenrolle: Camila Plaate), das nach einer wahren Geschichte von einer jungen Argentinierin erzählt, die von der Polizei während der Untersuchung in einer Notfallklinik verhaftet wird, in die sie sich gerade wegen starker Bauchschmerzen begeben hatte. Ob sie tatsächlich auf der Toilette illegal einen Fötus abgetrieben hat, wie es ihr zur Last gelegt wird, oder eine Fehlgeburt erlitt, wie sie selbst behauptet, bleibt offen, aber darauf kommt es in dem Drama weniger an als auf ein korruptes Justizsystem, dass der Verteidigerin Steine in den Weg legt.

Im westlichen Europa mag dieser auf einer wahren Geschichte aus dem Jahr 2014 basierende Beitrag von Dolores Fonzi fast schon wie ein alter Hut anmuten, aber in Argentinien gehen die Uhren nun einmal anders. Jedenfalls ist dies einer jener Filme, die zeigen, was möglich ist, wenn viele Menschen zusammenstehen und gemeinsam für etwas kämpfen.

Mit Nuremberg, einer Adaption von Jack El-Hais Roman „Der Nazi und der Psychiater“ um die Nürnberger Prozesse im November 1945 rekapitulierte San Sebastián noch ein weiteres spannendes Kapitel Zeitgeschichte. Rami Malek spielt darin den realen Psychiater Douglas Kelly, der im Vorfeld der Verhandlungen die Hauptkriegsverbrecher untersuchen soll und dabei viel Zeit mit Hermann Göring (Russell Crowe) verbringt, der neben anderen gefangenen Nazi-Größen wie Julius Streicher und Rudolf Hess im Zentrum des Films steht. Aber erst als der Welt zum ersten Mal während des Prozesses Aufnahmen aus den Konzentrationslagern gezeigt werden und Göring behauptet, von all dem nichts gewusst zu haben, scheint Kelly bewusst zu werden, mit was für einem menschenverachtenden Verbrecher er es zu tun hat, der selbst die Staatsanwälte mit seinen ausgebufften Strategien in ihrer Beweisführung herausfordert. Das alles schildert James Vanderbilt spannend wie eine hochkarätige Schachpartie. Nur die Verbundenheit von Göring und Kelly, der übrigens Jahrzehnte später wie Göring mit einer Zyankali-Kapsel seinem Leben ein Ende setzte, bleibt ein Mysterium.

Den Preis für die Goldene Muschel aber gewann der spanische Beitrag Los domingos/Sundays, die ungewöhnliche Geschichte einer 17-jährigen begabten Frau, die auf Wunsch ihrer Familie eine universitäre Laufbahn einschlagen soll, aber in Betracht zieht, lieber Nonne zu werden.  Die Silberne Muscheln für die beste Regie vergab die Jury unter dem Vorsitz des spanischen Regisseurs Juan Antonio Bayona an den belgischen Filmemacher Joachim Lafosse für sein Drama Six Days in Spring um eine Mutter, die ihren Zwillingskindern trotz Armut und allerhand Widrigkeiten eine Reise in den Ferien ermöglichen will.

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