Zbyněk Brynych: Oh Happy Day
Oh Happy Day (1970)

Zbyněk Brynych

Ein Wanderer zwischen den Welten

| Jörg Schiffauer |
Eine Retrospektive im Filmarchiv Austria bietet die einmalige Gelegenheit, sich mit dem fabelhaften Œuvre von Zbyněk Brynych vertraut zu machen.

 

Inmitten des größten Verbrechens in der Geschichte der Menschheit, dem Holocaust, findet sich ein Kapitel, das besonders deutlich macht, mit welchen perfiden Methoden die Täter ihre Vernichtungsmaschinerie betrieben. Die Nazischergen beabsichtigten, das sich auf dem Gebiet der besetzten Tschechoslowakei befindliche Konzentrationslager Theresienstadt aus propagandistischen Zwecken als eine Art von „Vorzeigelager“ zu präsentieren. So sollte etwa anlässlich eines Besuchs einer Delegation des Roten Kreuzes demonstriert werden, dass die Lebensbedingungen in einem solchen Lager nicht so übel wären. Das war natürlich ebenso eine Täuschungsaktion im großen Stil – vorgezeigte Cafés waren knapp davor extra für diese Visite eingerichtet worden – wie der 1944 gedrehte, berüchtigte Propagandafilm Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet, mit dem die Nazis ebenfalls ein absurd geschöntes Bild der Zustände in dem Konzentrationslager zeichnen wollten. Doch entgegen der dreisten Propaganda wurde in Theresienstadt natürlich auch gemordet, starben Gefangene aufgrund der dort vorherrschenden Zustände. Und Theresienstadt diente auch als Durchgangslager, knapp 90.000 Juden wurden von dort in Vernichtungslager wie Auschwitz-Birkenau, Treblinka oder Majdanek verbracht und ermordet.

Das alles nur als kurze Vorbemerkung, die verdeutlicht, welche brisante und sensible zeitgeschichtliche Thematik Zbyněk Brynych in Transport aus dem Paradies (Transport z ráje, 1963) aufgegriffen hat (und ebenso eindringlich wie einfühlsam zu meistern verstand). Die Dreharbeiten zu dem angesprochenen Propagandafilm sind zu Beginn von Transport aus dem Paradies gerade in vollem Gang, als ein SS-General, der dem Lager einen Besuch abstattet, eintrifft. Die kommandierenden SS-Offiziere präsentieren dem hohen Gast den vermeintlich reibungslosen Ablauf, doch ausgerechnet während man den General herumführt, entdeckt man Plakate, die „Tod dem Faschismus“ verkünden. Offensichtlich regt sich doch unter den Insassen des Lagers Widerstand gegen die dreiste Farce, die die Nazis veranstalten. Die Reaktion fällt erwartungsgemäß drakonisch aus. Umgehend wird ein Transport von 6000 Juden nach Auschwitz-Birkenau zusammengestellt. Brynychs Inszenierung verdeutlicht wiederholt, in welcher heimtückischen, abgrundtief bösartigen Art und Weise die Nazis ihre Verschleierungsmanöver durchführen. So schallt etwa beschwingte Musik als Hintergrund für die Dreharbeiten der Dokumentation durch die Straßen von Theresienstadt, doch die Angst in den Gesichtern der Insassen – die ja eigentlich unbeschwert agieren sollen – bilden einen Kontrast, der klar macht, dass das Grauen allgegenwärtig ist. Die pedantische Bürokratie, mit der die Nazis den millionenfachen Mord organisieren, trägt in Transport aus dem Paradies  streckenweise groteske Züge, doch Brynych lässt bedrückend deutlich niemals vergessen, welche mörderische Maschinerie dabei in Gang gesetzt wurde. 

Transport aus dem Paradies, der 1963 beim Filmfestival in Locarno mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, ist eine der bemerkenswerten Regiearbeiten im wunderbaren Werk Zbyněk Brynychs, das in jüngerer Vergangenheit völlig zu Unrecht ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Der 1927 in Karlovy Vary geborene Brynych sammelte nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst als Regieassistent und Drehbuchautor erste Erfahrungen. Gleich seine erste eigene Regiearbeit, Vorstadtromanze (Žižkovská romance, 1958), wurde in den Wettbewerb um die Goldene Palme in Cannes eingeladen. Mit Filmen wie Smyk (1960) und Transport aus dem Paradies etablierte Brynych sich neben Regisseuren wie Miloš Forman, Ivan Passer, Jirˇí Menzel oder Juraj Herz – um nur einige zu nennen – als einer der Repräsentanten der Tschechoslowakischen Nouvelle Vague. Die Experimentierfreudigkeit dieser einflussreichen Bewegung samt ihrer geschickt verklausulierten Gesellschaftskritik spiegelt sich bei Zbyněk Brynych eindrucksvoll wider. Ist Transport aus dem Paradies, Auftakt einer Trilogie, die sich mit dem Faschismus auseinandersetzt, noch entlang zeitgeschichtlicher Ereignisse konzipiert, weist Der fünfte Reiter ist die Angst (A pátý jezdec strach, 1965) deutliche allegorische Elemente auf. Im von den Nazis besetzten Prag ist es dem Arzt Dr. Braun aufgrund seiner jüdischen Herkunft verboten, zu praktizieren. Stattdessen arbeitet er in einem Lagerhaus von gigantischen Ausmaßen, wo er Güter aller Art, die „arisiert“ wurden, katalogisiert. Braun versucht sich völlig unauffällig zu verhalten, um zu überleben, doch der psychische Druck macht sich mittels angsterfüllter Wahnvorstellungen zusehends bemerkbar. Als er von seinen Nachbarn gebeten wird, einen verwundeten Widerstandskämpfer medizinisch zu versorgen, muss der Arzt eine Entscheidung treffen. Es ist einer jener Gewissenskonflikte, ein moralisches Dilemma, das kaum aufzulösen ist, die als zentrales Motiv wiederholt in Brynychs Filmen zu finden sind. Obwohl sich Dr. Braun eigentlich aus allem heraushalten will, entschließt er sich doch, dem Verletzten zu helfen. Die Suche nach dem dringend benötigten Morphium wird zu einer alptraumhaften, kafkaesk anmutenden Odyssee durch Prag. Obwohl der Kontext zur Nazidiktatur vorhanden ist, fällt es nicht schwer, Der fünfte Reiter ist die Angst eine Allgemeingültigkeit gegenüber totalitären Systemen aller Art zu attribuieren.

Noch einen Schritt weiter ging Brynych mit Als Hitler den Krieg überlebte (Já, spravedlnost,1967), in dem er ein geradezu aberwitziges Szenario entwirft. Während 1946 in Nürnberg der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher des nationalsozialistischen Regimes sich dem Ende zuneigt, wird Adolf Hitler auf einem Schloss von einer antifaschistischen Organisation gefangen gehalten. Deren Mitglieder spielen Hitler jedoch vor, überzeugte Nazis zu sein und wiegen ihn an besagtem Ort in Sicherheit. Dabei inszenieren sie allerdings Zwischenfälle, in deren Verlauf Hitler nur knapp seiner Hinrichtung entgeht. Ziel dieser makaber anmutenden Scharade ist, Hitler quasi hundertmal hinzurichten und ihn dabei Angst spüren zu lassen, weil eine Exekution angesichts seiner monströsen Verbrechen nicht genug wäre. In seiner fulminanten Inszenierung nimmt Brynych mit einer „Alternate History“ eine Erzählstrategie vorweg, die Quentin Tarantino Jahrzehnte später mit Inglourious Basterds endgültig etablieren sollte.

Die Beendigung des Prager Frühlings durch die Sowjets stellte auch für Zbyněk Brynych eine Zäsur da. Er verließ die Tschechoslowakei und übersiedelte in die Bundesrepublik Deutschland, wo ihm der Produzent Helmut Ringelmann ein neues Betätigungsfeld eröffnete, inszenierte Brynych doch vier Folgen der Krimiserie Der Kommissar für das Fernsehen. Es folgte mit Oh Happy Day (1970) Brynychs erste deutsche Kinoproduktion, die seine stilistische Vielfalt unterstreicht. Die Coming-of-Age-Geschichte der 17-jährigen Protagonistin setzt er als psychedelisch anmutenden Trip durch das München der frühen siebziger Jahre in Szene. Als ebenso extravagant erweist sich Die Weibchen (1970), ein schriller Mix aus Satire mit Horrorelementen (samt ein wenig Kannibalismus) mit Uschi Glas in der Hauptrolle. Mit Die Nacht von Lissabon (1971), der Adaption des Romans von Erich Maria Remarque, widmete sich Brynych wiederum dem Themenkomplex Faschismus. Ab Mitte der siebziger Jahre drehte Zbyněk Brynych auch wieder in seiner tschechoslowakischen Heimat, doch die dabei entstandenen Produktionen – wie Romanze für eine Krone (Romance za korunu, 1975) – galten als ein wenig konformistisch.

In der BRD fand der Vielarbeiter Brynych im Fernsehen reichlich Beschäftigung, drehte er in den siebziger und achtziger Jahren doch mehr als 100 Folgen der Krimiserien Der Alte, Derrick und Polizeiinspektion 1. Es ist durchaus spannend zu sehen, wie Brynych immer wieder versucht, die dramaturgischen und formalen Grenzen, die solchen Formaten innewohnen, auszuloten. Ein schönes Beispiel dafür ist die Folge Yellow He, die im Rahmen der Retrospektive zu sehen ist. Hinter dem Mord, den Inspektor Derrick aufklären muss, entspinnt sich ein brutaler Machtkampf innerhalb einer Industriellenfamilie. Inmitten dieser Ränke: Der von Martin Semmelrogge gespielte, unbedarfte Neffe des Mordopfers, der zwischen großbürgerlichen Wirtschaftswunder-Attitüden und Disco-Chic herumgebeutelt wird.