Nora Fingscheidt über ihre eigene Jugend, die Suche nach der jugendlichen Hauptdarstellerin für „Systemsprenger“ und über ihre Motivation als Regisseurin.
Frau Fingscheidt, wie muss man Sie sich als Kind vorstellen?
Nora Fingscheidt: (Lacht.) Ich glaube, ich war auch ganz schön wild, aber nicht in so einem Maße aggressiv wie Benni. Da gibt es schon einen großen Unterschied. Es hätte allerdings trotzdem sein können, dass man, wäre ich in einem anderen Umfeld aufgewachsen, vielleicht auch versucht hätte, mich ruhigzustellen, auf die eine oder andere Weise. Aber ich hatte Glück und konnte meine Wildheit erst mal ausleben, bis ich mich dann im Teenager-Alter von selber beruhigt habe.
Wie blickt man, auch als Regisseurin, nach dem Film auf die eigene Kindheit zurück?
Ich denke, die eigene Kindheit ist bei den meisten Filmemachern eine durchmischte Angelegenheit, die nie ausschließlich nur positive Erinnerungen beinhaltet. Zumindest ist mir persönlich bisher noch niemand begegnet, bei dem das so war. Und ich glaube, dass die Konflikte, mit denen man aufwächst, einen in einer Art prägen, dass sich daraus eine lebenslange Auseinandersetzung mit einem selbst ergibt. Da ist jeder Film aufs Neue auch wieder ein Teil davon. Konkret auf Systemsprenger bezogen, habe ich viele Dinge im Nachhinein für mich verstanden, die ich jetzt ganz anders wertschätzen kann, nach allem, was ich im Rahmen der Recherchen zum Film gelesen, gehört und selbst erlebt habe.
Der Begriff „Systemsprenger“ war mir neu. Wann und wie sind Sie zum ersten Mal darauf gestoßen?
Erstmal muss man sagen, dass der Begriff an sich ja schon total irre ist. Zum ersten Mal gehört habe ich ihn während
eines Dokumentarfilm-Drehs in Stuttgart, und zwar war das eine Auftragsarbeit für die Caritas über ein Heim für wohnungslose Frauen. Und dieses Haus, in dem wir filmten, hatte eher den Anschein, eine Endstation zu sein für die meisten Frauen, die da lebten. Eines Tages zog schließlich ein vierzehnjähriges Mädchen ein, woraufhin ich die Sozialarbeiterin gefragt habe: „Was um aller Welt macht denn ein Teenager hier?“ Und sie antwortete ganz routiniert: „Ach, die Systemsprenger, die können wir ab ihrem 14. Geburtstag aufnehmen, und die junge Dame hier ist so ein Fall.“ Das Wort ist mir dann nicht mehr aus dem Kopf gegangen, weil es so kraftvoll klingt, gleichzeitig aber etwas so Tragisches beschreibt. Dazu muss man sagen, dass ich immer einen Film über ein wildes, wütendes Mädchen drehen wollte, mir aber bis dahin ein passender Ansatz, eine passende Geschichte dafür fehlte. Und an dem Punkt haben sich dann die Dinge für mich verbunden.
Allerdings ist Benni noch keine vierzehn Jahre alt. Sie ist neun, was die Situation, die Sie im Film beschreiben, zusätzlich komplizierter und komplexer macht.
Das stimmt. Und natürlich hatte auch das Mädchen, auf das ich in Stuttgart gestoßen bin, bereits eine lange Vorgeschichte und war, wenn ich mich richtig erinnere, zuvor bereits in 35 verschiedenen Einrichtungen gewesen, von denen keine, selbst geschlossene Institutionen, bereit war, sie noch einmal aufzunehmen. Wir haben uns dann ganz bewusst dafür entschieden, Benni jünger zu machen, weil ich dadurch ein paar Erklärungsschubladen vermeiden wollte. Mit anderen Worten, wäre Benni zu nah an die Pubertätsgrenze gerutscht, hätte es sofort geheißen: Alles klar, die pubertierende Rebellin. Oder wäre sie ein Junge gewesen, dann hätte man ihr Aggressionspotenzial noch eher als „normal“ abgetan. Bei einem Migrationshintergrund hätte man von der integrationsgescheiterten Familie gesprochen. Würde sie aus der Großstadt stammen, hätte man sie vielleicht als ein Kind aus der Plattenbausiedlung abgestempelt. Und all das haben wir absichtlich weggenommen und ein neunjähriges deutsches Mädchen aus einer mittelgroßen niedersächsischen Stadt daraus gemacht, damit man sich wirklich konkret mit dem Verhalten dieses Kindes auseinandersetzen muss, und mit allem, was dazu gehört: das Beziehungskonstrukt Familie, das Jugendamt, die Pflegefamilie, ständige Heimwechsel,
Aggression und Verletzlichkeit.
Wie haben Sie denn im Casting-Prozess herausgefunden, welches der Mädchen eine derartige Naturgewalt ist, wie es die Geschichte abverlangt?
Das war eigentlich relativ einfach. Wir haben den Mädchen beim Casting immer zwei Aufgaben gestellt. Bei der ersten ging es darum, einen erwachsenen Mann aus dem Zimmer zu kriegen, egal wie. Alles war erlaubt. Sie durften ihn beschimpfen, treten, schubsen, was auch immer, Hauptsache, er ist am Ende draußen vor der Tür. Und da sind die meisten Mädchen von Natur aus zunächst einmal schüchtern. Aber die andere Sache war die, dass ich zu ihnen gesagt habe: „Pass auf, wir spielen hier verkehrte Welt. Je schlechter du dich benimmst, umso besser für mich.“ Das heißt, sie konnten wirklich alles sagen, was sie zu Hause niemals hätten in den Mund nehmen dürfen. Und da merkt man schon recht schnell, wer am Ende Spaß daran hat und wem das gar nicht passt. Natürlich gab es auch viele Mädchen, die wollten das partout nicht, aber andere, so wie Helena, die fanden es toll, dass sie sich mal ordentlich daneben benehmen durften, ohne dafür gleich einen auf den Deckel zu bekommen. Und obwohl sie in der Hinsicht nicht die einzige war, hatten die anderen Mädchen dann einfach nicht auch diese Verletzlichkeit, die Helena ebenfalls in sich trägt und die sie nach außen projiziert. Das heißt, sie hat es verstanden, ihrer Aggression immer als einer aus der Not heraus entstandenen Reaktion freien Lauf zu lassen und zu vermeiden, dass sie einfach wie eine verzogene Göre daherkam. Das war extrem wichtig.
Wie lange haben Sie gesucht, bis Sie Helena schließlich gefunden hatten?
Sie werden lachen, aber sie war Mädchen Nummer sieben. Nur dachte ich damals, so schnell kann das doch nicht gehen. Ich habe vier Jahre an dem Drehbuch geschrieben, wie kann mir da gleich auf Anhieb ein Mädchen vor die Nase laufen, das diese Rolle spielen kann, und noch dazu Eltern, die das erlauben. Michael Haneke hat 1.500 Kinder für Das Weiße Band gecastet, die Dardenne-Brüder 650 für Der Junge mit dem Fahrrad, ich kann doch nicht das siebte Kind nehmen und aufhören. Also haben wir weitergesucht, haben 150 Mädchen gecastet, auch außerhalb der Agenturen, weil ich plötzlich das Gefühl hatte, ich muss Benni vielleicht in irgendeinem Kampfsportverein finden. Aber nein, am Ende war es Helena, und sie war genau die Richtige.
Was nach dem Film bleibt, ist eine große Hilflosigkeit. Dass die Dinge im Grunde so verfahren sind und das System so unbrauchbar, dass man, selbst wenn man helfen will, nichts oder nur sehr wenig tun kann.
Ja, allerdings ist Bennis Fall, wie wir ihn im Film beschreiben, auch eine Ausnahme. Also es gibt natürlich schon auch viele Kinder im Jugendhilfesystem, die einigermaßen zurechtkommen. Wobei ich glaube, richtig gut geht es keinem. Aber davon abgesehen, gibt es eben diese kleine Prozentzahl an Systemsprengern, für die das System, so wie es geschaffen ist, einfach nicht funktioniert. Wenn ein Kind beispielsweise extrem betreuungsbedürftig ist, wird es unmöglich in einer Wohngruppe mit insgesamt zehn Kindern und zwei Erwachsenen die nötige Aufmerksamkeit erhalten. Das schafft man einfach nicht. Und dadurch können fatale Kreisläufe entstehen, wenn sie aus einer Wohngruppe rausfliegen, dann aus der nächsten, dann landen sie in die Psychiatrie. Da wird dann aber gesagt, es liegt keine Fremd- oder Eigengefährdung vor, also müssen sie wieder gehen, obwohl sie sich dort vielleicht eigentlich ganz wohl gefühlt haben. Das heißt, da entsteht ein Strudel an Beziehungsabbrüchen, der bei einem Kind zusätzlich zum eigentlichen Problem zu einer Art zweiter Traumatisierung führen kann, mit der das Kind belastet wird.
War das Ende des Films für Sie von vornherein klar?
In gewisser Hinsicht schon, zumal ich ein Happy End nicht hätte verantworten können. Das wäre der Sache einfach nicht gerecht geworden, wenn plötzlich der richtige Mensch kommt, und alles wird gut. Das wäre wie ein Zeichen gewesen, so in dem Sinn: Mensch, hättet ihr euch alle einfach ein bisschen mehr Mühe gegeben. Aber so ist es ja nicht. Es war also klar, das auch Micha für Benni nicht der große Retter sein kann. Für mich persönlich ist es eher ein offenes Ende, und ich bin etwas überrascht, dass es vom Publikum zum Teil als viel tragischer aufgenommen wird. Wobei man dazu sagen muss, es ist natürlich auch vollkommen absurd, die Kinder ins Ausland zu schicken, wenn auch aus einer guten Intention heraus. Im Grunde wollen hunderttausende Menschen rein in unser Land und wir schieben die schwierigen Kinder ab, nach Spanien, nach Sibirien, was weiß ich. Und von außen betrachtet, ist das total grotesk. Aber es geht dabei eben eher darum, dass so ein Kind mal rausgeholt wird aus seinen Alltagsstrukturen, weg von den gewalttätigen Eltern, drogenabhängigen Freunden und so weiter. Und für manche funktioniert eben genau das, aber für andere auch wieder nicht, und dann landet so ein Jugendlicher im sibirischen Gefängnis und man kriegt ihn nicht wieder raus. Das gibt es auch.
Ihre Arbeiten sind generell sehr stark sozial, sehr menschlich engagiert. Worin liegt denn Ihre Motivation fürs Filmemachen?
Für mich wird Filmemachen dann spannend, wenn man es schafft, bestimmte moralische Grundpfeiler ins Wanken zu bringen. Der Film, den wir davor gemacht haben, war ein Dokumentarfilm über eine fundamentalistische christliche
Sekte, eine Gruppe von Menschen, die in Argentinien leben wie im 17. Jahrhundert, ein uraltes Deutsch sprechen und gar nicht wissen, wo sie sich auf dem Planeten genau befinden, weil sie nur die Bibel als Schulbuch haben. Und da könnte man auch erst mal sagen, ach, ultrareligiöse Freaks. Aber dieses Leben zu verstehen, war für mich als Regisseurin eine total bereichernde Erfahrung. Dieses Auflösen von Gegensätzen wie gut und böse, verrückt und nicht verrückt, oder normal und nicht normal, das interessiert mich persönlich am meisten in den Filmen, die ich mache, und in den Geschichten, die ich erzähle. Egal wie unterschiedlich die Projekte sind, aber das ist oft so eine Art gemeinsamer Nenner, wie auch die Grenze auszuloten zwischen Liebe und Verletzen. Warum verletzen wir immer die Menschen am meisten, die uns am liebsten sind? Das macht überhaupt keinen Sinn, aber trotzdem kennt dieses Gefühl eigentlich fast jeder von uns. Und das inspiriert mich, das finde ich spannend.
Natürlich hätten Sie auch eine Dokumentation über Systemsprenger drehen können. Wann stand für Sie fest, dass es ein Spielfilm werden sollte?
Schon immer. Ich selbst komme eigentlich vom Spielfilm, habe angefangen mit Kurzspielfilmen und habe dann in Ludwigsburg Spielfilmregie studiert. Ich bin anschließend eher immer wieder mal ins Dokumentarische ausgebüchst, wenn ich das Gefühl hatte, es geht nur in der Form, das kann man nicht als Spielfilm erzählen. Da gab es zwei, drei Projekte und es war extrem faszinierend, das dokumentarische Arbeiten zu lernen. Aber gerade bei Systemsprenger ging es mir eher darum, eine bestimmte Energie zu erzeugen, als einfach einen tragischen Fall zu beschreiben, mit dem dann am Ende alle großes Mitleid haben. Zudem wollte ich auch nicht in das Leben von einem tatsächlich betroffenen Kind reinpfuschen. Die Verantwortung hätte ich nicht haben wollen. Denn einen Dokumentarfilm zu drehen, bedeutet oftmals eine extreme Gratwanderung, weil man ganz plötzlich und sehr intensiv in das Leben eines Menschen hineinplatzt, und dieser Mensch für einen Augenblick sehr viel Aufmerksamkeit bekommt, bevor man sich ihm wieder entzieht. Und das ist manchmal gar nicht so einfach, dieser Abnabelungsprozess am Ende, das wollte ich vermeiden.
Gab es für Sie überhaupt jemals eine Alternative zum Beruf der Regisseurin?
Nein. Ich wollte immer Filme machen, das war schon so, als ich klein war. Ich weiß nicht, warum. In meiner Familie macht keiner was mit Film, aber ich habe schon als Kind mit Freunden Hörspielkassetten aufgenommen, da hört man mich im Hintergrund allen die Anweisungen geben, wie sie was sagen sollen. Oder wenn ich als Teenager aus dem Kino kam, wollte ich den Film anschließend oft anders drehen. Nach Titanic zum Beispiel habe ich gesagt: „Ich drehe den Film nochmals, und Jack überlebt!“ Im Gegensatz dazu wollte ich nie selbst vor die Kamera, dafür bin ich wahrscheinlich auch zu sehr ein Kontrollfreak – so wie ein Kind, das immer bestimmen will, was gespielt wird. Das ist bei mir scheinbar doch irgendwie hängen geblieben.
Das Gespräch wurde im Rahmen des diesjährigen Filmfestivals in Karlovy Vary geführt.
