Eine Diva in Pressburgers Geburtsstadt

| Oliver Stangl |

Das Jameson Cinefest in Miskolc ging in die 12. Runde

Jameson CineFest – Miskolc International Film Festival: Hinter diesem wohl aus sponsortechnischen Gründen etwas komplizierten Namen verbirgt sich das mittlerweile größte Filmfestival Ungarns, das seit einigen Jahren auch verstärkt Gäste aus aller Welt anzieht. Kein Wunder, dass sich bei der 12. Ausgabe, die von 11. bis 20. September über die Bühne ging, auch ein wahrer Star des Weltkinos einstellte: Am Eröffnungsabend wurde die große Claudia Cardinale mit dem Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. In Anwesenheit der Schauspielerin, die mit Regisseuren wie Visconti und Fellini drehte, wurde auf großer Leinwand eine restaurierte Version von Sergio Leones Meisterwerk Once Upon a Time in the West gezeigt – ein Film, man ohnehin nicht oft genug sehen kann (Die Gesichter! Die Musik! Die Kamera!) Die charmante Diva, die einst als schönste Frau der Welt galt, zündete sich nach der Ehrung gleich einmal eine Zigarette an, gab sich im Gespräch überaus umgänglich und geizte nicht mit Anekdoten aus ihrer jahrzehntelangen Karriere. Besonders gern sprach die Cardinale dabei über die Dreharbeiten zu Werner Herzogs Fitzcarraldo (1982): „Bei diesem Film wurden gegen Ende hin alle wahnsinnig – nur ich nicht. Zuerst spielte ja Jason Robards die Hauptrolle. Der kletterte eines Tages auf einen Baum und meinte, er würde nicht mehr herunterkommen, wenn man ihm nicht sein New York Steak servieren würde – mitten im Dschungel! Dann übernahm Klaus Kinski die Rolle, und der war sogar eitler als ich. Wissen Sie, was der immer am Set dabei hatte? Einen Spiegel, mit dem er überprüfte, ob ihn das aktuell gesetzte Licht auch gut aussehen lassen würde. Und wenn das nicht der Fall war, drehte er durch …“

Ebenfalls zu Gast beim Cinefest war der kontroversielle argentinische Regisseur Gaspar Noé, der nach einem Screening seines neuen Sexfilms Love die Fragen des Publikums beantwortete. Bereits in Cannes hatte sich dabei der angekündigte Skandal nicht eingestellt und auch in Miskolc kam es nicht zu Tumulten. Dafür waren die Sexszenen sehr ästhetisch in Szene gesetzt – dieses Licht! Insgesamt hatte das Festival eine ansprechende Auswahl von internationalem Arthouse-Kino zu bieten, darunter Yorgos Lanthimos’ kafkaeske Beziehungssatire The Lobster (dessen Schockmomente, die für entsetztes Raunen im Kinosaal sorgten, durch Colin Farrells großartige komödiantische Performance abgemildert wurden), Deniz Gamze Ergüvens intensives Geschwisterdrama Mustang, Sean Bakers wunderbar eigenwillige, im Prostituiertenmilieu angesiedelte Komödie Tangerine oder Josh Monds Coming-of-Age-Drama James White (das vor allem durch das gute Schauspiel Christopher Abbotts und Cynhtia Nixons bestach). Mit Superwelt von Karl Markovics und Ich seh, ich seh von Veronika Franz und Severin Fiala fanden sich als Ungarnpremieren auch zwei österreichische Beiträge im Wettbewerb. Ein Screening von Michael Hanekes Benny’s Video (1992) ergänzte den kleinen Fokus auf das Nachbarland.

Der Eröffnungsfilm war ein guter Anlass für einen kleinen Westernschwerpunkt und so konnte man in der Reihe Cine Classics noch andere Klassiker des Genres sehen, darunter John Fords kammerspielartige Mythenhinterfragung The Man Who Shot Liberty Valance (1962) oder The Wild Bunch (1969), Sam Peckinpahs gewalttätigen Abgesang auf den alten Westen. Für filmtheoretischen Kontext sorgte eine Konferenz mit Genre-Experten, die die vielen Facetten des Genres diskutierten.

Wenn man nicht gerade im Kino saß, das Whiskey-Zelt des Sponsors frequentierte oder eines der ebenfalls vom Festival organisierten Pop-Konzerte besuchte, konnte man das im Nordosten des Landes gelegene Miskolc erkunden, das über Sehenswürdigkeiten wie den größten Wasserfall Ungarns, ein mittelalterliches Schloss oder ein wunderschönes Höhlenbad verfügt. Ein Déjà-vu für Wiener sind zwei Straßenbahnlinien, auf denen ausrangierte Wagen der Wiener Linien verkehren. Auch eine Sehenswürdigkeit filmhistorischer Natur kann man, zumindest von außen, betrachten: das Geburtshaus des großen Regisseurs Emeric Pressburger, der hier im Jahr 1902 das Licht der Welt erblickte. Miskolc und Film, das passt einfach gut zusammen.

 

Die Preisträger des 12. Jameson Cinefest

Emeric Pressburger Preis: Mustang (Deniz Gamze Ergüven)
Adolph Zukor Preis: Tangerine (Sean Baker)
Attila Dargay Preis für Animation: Limbo-Limbo Travel (Kreif Zsuzsanna, Zétényi Borbála)
Kurz- und Experimentalfilmpreis: Listen (Hamy Ramezan,
Rungano Nyoni)
Dokumentarfilm-Preis: Something Better to Come (Hanna Polak)
Preis der ökumenischen Jury: Superwelt (Karl Markovics)
Publikumspreis: Tangerine (Sean Baker)
FIPRESCI-Preis: Aferim! (Radu Jude)
C.I.C.A.E. – International Confederation of Art Cinemas: Mediterranea (Jonas Carpignano)
Preis für das Lebenswerk: Claudia Cardinale